„Und wie! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, ich meine … Die Garde des Königs … das sind die absolut allerbesten. Nun erzähl schon, ich will alles wissen.“
„Du bist ein Schatz, weißt du das?“, betonte Jula und begann dann mit seiner Geschichte: „Vor elf Tagen erhielt ich den Befehl, am nächsten Morgen zur neunten Stunde im Thronsaal zu erscheinen. Ich war ziemlich nervös, schließlich bin ich nicht jeden Tag im Palast, und ich wusste nicht, was mich erwartet. Außer mir waren noch vierzehn andere Soldaten anwesend, alle wie ich in ihrer besten Uniform und mit poliertem Kettenhemd, darunter vier Männer, die mit im Süden waren. So standen wir also da und warteten, jeder mehr oder weniger nervös, um uns herum einige Soldaten der Garde, die regungslos geradeaus blickten. Und dann kam … Nein, erst öffnete sich hinter uns eine Tür, der Hauptmann betrat den Saal und stellte sich zu den Männern der Garde. Natürlich trug auch er Uniform, Gardeuniform, um genau zu sein. Sein Blick war ernst, unbewegt und kalt. Glaub mir, das kann er wirklich gut. Dann kam der König, umgeben von seiner persönlichen Leibwache“, berichtete Jula weiter.
„Es war alles sehr förmlich. Seine Majestät hielt eine kurze Ansprache, lobte unser bisheriges Verhalten und unsere Fähigkeiten als Soldaten in den Reihen der Armee Manduras. Und er sei sich sicher, wir würden uns der Ehre, ab heute Mitglieder der Garde zu sein, würdig erweisen. So ging es noch einige Zeit weiter, er sprach von Pflichtbewusstsein und Ehre, und ich wurde das Gefühl nicht los, er meinte mich. Später erzählten mir die anderen, ihnen sei es genauso ergangen. Irgendwann überließ seine Majestät uns dem Hauptmann und ging. Reik trat vor und musterte jeden einzelnen von uns, lange und eindringlich, bis er schließlich lächelte: 'Willkommen in der Garde'. Danach wurde er sofort wieder ernst und teilte uns mit, er erwarte uns in einer Stunde in voller Montur auf dem Gardehof, was mehr als genug Zeit wäre, unsere Habseligkeiten in die Unterkünfte der Garde zu schaffen.“
Jula lachte. „Und seitdem habe ich eigentlich keine freie Minute mehr. Fast ständig müssen wir üben, vor allem Schwertkampf, zu Fuß und zu Pferde, und waffenlose Verteidigung. Verglichen damit ging es in der Kaserne am Westtor wesentlich ruhiger zu. Heute ist mein erster freier Nachmittag, und Abend.“
„Wann musst du wieder dort sein?“, erkundigte sich Mara.
„Nicht vor Sonnenaufgang ...“
„Das ist fabelhaft, dann haben wir den ganzen Abend für uns!“, jubelte sie, runzelte dann aber nachdenklich die Stirn. „Und Len war nicht unter den anderen Männern? Du sagtest doch, vier von denen wären mit im Süden gewesen.“
„Wie kommst du auf Len?“, wunderte sich Jula. „Nein. Mara, Len ist Gardist, seit gut zwei Jahren schon.“
„Aber … Er erzählte mir doch, er sei nicht gerade ein guter Kämpfer.“
„Das sagt er immer. Aber ist gut, verdammt gut sogar. Nur, dass er sich ständig mit Domallen vergleicht, also dem Hauptmann, und da kann er nur verlieren. Jeder verliert gegen ihn, obwohl die Männer ihn fast jeden Tag im Zweikampf zu schlagen versuchen. Eigentlich geht es nur darum, wie lange man gegen ihn durchhält. Len sagte mir, er könne sich nicht erinnern, wann Domallen das letzte Mal verloren hat.“
„Bist du auch schon gegen ihn angetreten?“, fragte Mara gespannt.
„Ja, zweimal. Das erste Mal hat er mich dazu aufgefordert. Na ja, sagen wir lieber, er hat er mir zugenickt. Er ist kein Mann der vielen Worte, und er hat mich so schnell entwaffnet, dass es geradezu peinlich war. Drei Tage später habe ich ihn dann gefordert. Und wieder verloren, nur nicht ganz so schnell. Ich glaube, ich war gar nicht mal schlecht, das fand auch ...“
„Reik hält viel von deinen Fähigkeiten. Einmal erzählte er mir, du wärst für ihn einer der talentiertesten Kämpfer. Und dass du hervorragend kämpfen kannst.“
„Das hat er wirklich gesagt?“, freute sich Jula. „Was gibt es da zu grinsen?“
„Du würdest auch grinsen, wenn du deinen Gesichtsausdruck sehen könntest, während du von Reik sprichst. Du bewunderst ihn, stimmt's?“
„Ja, sehr, er ist großartig. Ich habe immer davon geträumt, Soldat der Garde zu sein, zu den besten Soldaten von Mandura zu gehören. Und jetzt ist er mein Hauptmann, verstehst du? Es gibt natürlich noch weitere Hauptleute in der Garde, schließlich besteht sie aus zweitausend Mann, und jeder Hauptmann hat zweihundert Männer unter sich. Aber ich gehöre zu den Männern von Reiks Einheit, genau wie Len, und das ist eine wirklich gewaltige Ehre für mich.“
Plötzlich verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. Jula stand auf, lehnte sich an die Brüstung des Turms und blickte schweigend nach Westen, wo das letzte Licht des Tages den Horizont rötlich färbte.
Mara zog ihre Jacke über, trat zu ihm und sah ihn aufmerksam an.
„Mara“, begann Jula schließlich. „Weiß er von … weiß er, was du für mich empfindest?“
„Er weiß, dass ich dich mag.“
„Ach ja?“
„Und ich habe ihm gesagt, er solle nicht erwarten, ich gehöre ihm allein.“
„Das … das hast du ihm gesagt, nachdem ihr miteinander geschlafen habt?“ fragte Jula ungläubig. „Das war ein harter Schlag.“
„Nicht direkt danach“ stellte sie richtig, „erst am folgenden Abend.“
„Wie hat er darauf reagiert?“
„Er sagte, das erwarte er auch nicht. Danach hat er mich lang und leidenschaftlich geküsst und anschließen so fürchterlich ausgekitzelt, dass ich vollkommen außer Atem war. Schließlich hat er … Wie genau möchtest du das wissen?“
Jula lächelte sie offenherzig an. „Ich kann es mir ganz gut vorstellen. Weißt du, dass du mich ziemlich durcheinander bringst, wenn du so redest? Ich meine, nicht, dass du mich verlegen machst, eigentlich gefällt es mir sogar, irgendwie, nur …“
„Ja?“
„Die Vorstellung, dass du und er … also, das ist verdammt aufregend.“
Sie spürte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen schoss. „Das war nicht meine Absicht.“
„Weiß ich doch. Nun guck nicht so zerknirscht, Mara“, beruhigte er sie. „Das ist schließlich nichts Schlimmes, ich sagte ja, es gefällt mir. Ich wollte nur ehrlich sein und dir zeigen, wie aufregend ich dich finde! Wahrscheinlich stehe ich mit meiner Meinung nicht ganz allein da.“ Wieder ließ er lächelnd den Blick zum Horizont schweifen. „Sina meint, ich küsse zu gern die falsche Frau.“
„Und mit ‚falsche Frau‘ meint sie vermutlich mich?“
„In diesem Fall schon.“
„Aber du hast mich doch gar nicht geküsst“, korrigierte sie ihn.
„Nein, aber ich würde es sehr gern tun.“
„Ja … ich auch.“ Sie sahen beide zum Horizont.
„Du auch …“, wiederholte Jula. „Warum tun wir es dann nicht?“
„Vielleicht genügt uns die Vorstellung, dass wir uns schon bald küssen werden? Vielleicht, weil die Zeitspanne bis zur Erfüllung so überaus aufregend ist?“
„Und wie lange dauert diese Zeitspanne? Bis das Abendrot am Horizont verblasst ist oder …“ Jula schaute in den sich immer weiter verdunkelnden Himmel hinauf. „Bis ein riesiger Schwarm Eisgänse mit vor Sehnsucht heiseren Stimmen hoch über uns nordwärts zieht?“
Erstaunt sah Mara ihn an und schlang die Arme um seinen Nacken. „Genauso lange.“
* * *
„Hoheit, was für eine Überraschung.“ Lorana beugte sich ein wenig vor und erlaubte Bro, sie auf die Wange zu küssen. Mitunter schätzte sie die Gesellschaft dieses grobschlächtigen, bärbeißigen großen Mannes, aber heute … kam er reichlich ungelegen.
„Hatten wir doch so abgemacht, oder hab‘ ich da was verwechselt?“
Er lachte, wie immer zu laut, zu dröhnend – von Zeit zu Zeit gefiel ihr das sogar, an diesem Abend bereitete es ihr Kopfschmerzen. Bro ließ sich schwungvoll in einen der Sessel in ihrem privaten Wohnraum fallen, der dabei beunruhigend knackte, und musterte sie. „Soll ich wieder gehen?“
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