1 ...8 9 10 12 13 14 ...36 Jula grinste. „Du sagst es.“
Während sie durch das Gassengewirr zum Westtor gingen, schaute sie Jula immer wieder von der Seite an. Es kam Mara völlig natürlich und richtig vor, dass sie so glücklich war. Irgendwann griff sie nach seiner Hand. Er lächelte überrascht, sagte aber nichts, drückte nur ihre Hand.
Der Turm, Teil des Westtores, erschien Mara recht hoch, zwölf, vielleicht fünfzehn Schritt. Jula sprach kurz mit den Männern, die auf der Mauer Wachdienst hatten.
Oben bot sich ihnen ein herrlicher Blick über das weite Land, die Ebenen südlich des Nesbra, die waldreichen, sanften Hügel nördlich des Flusses. Ein gutes Stück oberhalb des Tors erhob sich der Tempelberg, Mara konnte sogar die Fenster ihrer Zimmer im Gebäude der Priesterinnen erkennen. Unterhalb erstreckten sich der Hafenbezirk, die Stadt und die Festung.
In der Sonne, durch die Brüstung vor dem Wind geschützt, war es angenehm warm. Mara zog die Jacke aus, blickte Jula an. „Wieso musstest du dich von meiner Begrüßung erholen? Hast du nicht damit gerechnet, dass ich mich freuen würde?“
„Doch. Nur habe ich nicht erwartet, wie sehr du dich freuen würdest, mich zu sehen … Ich war mir nicht sicher, was du für mich empfindest, Mara, und ob du mich überhaupt vermisst hast.“
„Und jetzt bist du dir sicher?“
Lachend legte Jula ihr den Arm um die Schultern. „Immerhin habe ich einen vielversprechenden Hinweis erhalten.“
„Ich mag dich, Jula“, gestand ihm Mara, „sehr sogar, und nicht nur manchmal .... Und was das Vermissen betrifft: Es ist so viel passiert auf der Reise von Dalgena nach Kirjat und dann hierher. So vieles, über das ich nachzudenken hatte, und dann all das Neue: die Stadt und der Tempel ... ich komme ja gar nicht dazu, jemanden zu vermissen. Erst als ich dich gesehen habe, wurde mir klar, wie sehr ich dich vermisst habe.“
„Ich verstehe. Sina erwähnte schon, du seist fürchterlich beschäftigt.“
„Ich bin zwar wirklich sehr beschäftigt, aber von ‚fürchterlich‘ kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Ich finde es wundervoll.“ Mara lachte. „Und was das Beste ist: Ich habe Unterricht im Schwertkampf, und Malin sagt, wenn ich weiterhin solche Fortschritte mache, dürfe ich zu den Übungsstunden der Tempelwächterinnen kommen. Ist das nicht großartig?“
„Das ist es. Und es ist großartig, wie begeistert du bist und wie glücklich du dich anhörst.“
„Das bin ich auch. Es fühlt sich so richtig an, auch jetzt hier mit dir zusammen zu sein. Weißt du, ich habe das Gefühl, dir alles sagen zu können und von dir verstanden zu werden. Und ich möchte über alles mit dir reden, auch über das, was weh tut. Bei dir fühle ich mich geborgen, weil ich dir ganz und gar vertrauen kann ... Jula?“, fragte sie vorsichtig.
Mit verschleiertem Blick sah er sie an, setzte mehrmals zum Reden an, bevor er sie schließlich in seine Arme zog. „Oh Mara, das ist … Etwas Schöneres hat mir noch nie jemand gesagt, ich … Himmel, Mara, ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich deinem Vertrauen auch würdig bin und …“
„Verzeih, wenn ich dich erschreckt habe.“
„Aber nein, ich bin nur etwas … überrascht. Weißt du eigentlich, dass das eine Liebeserklärung war?“
„Meinst du?“, fragte Mara und setzte sich. Jula machte es sich neben ihr bequem. „Ich kann mich nicht erinnern, von Liebe geredet zu haben“, stellte sie klar.
„Nun, es war eben eine ganz besondere Liebeserklärung.“
„Und damit kennst Du dich wahrscheinlich besser aus als ich.“
„Schon möglich“, stimmte er zu.
„Erzähl mir lieber, was passiert ist, nachdem ihr vor Dalgena den direkten Weg nach Samala Elis genommen habt. Aber vergiss die Frauen nicht, ich bin sehr neugierig. Vielleicht kann ich noch etwas lernen.“
„Dass du neugierig bist, glaube ich dir aufs Wort. Aber was glaubst du von mir lernen zu können?“
„Ich weiß nicht genau, ich bin ja ziemlich unerfahren. Erzähl einfach.“
„Also schön“ begann Jula. „bis an den Nesbra, wo wir mit Fähren nach Samala Elis übersetzten, verlief die Reise recht ereignislos, um nicht zu sagen langweilig. Fast die ganze Zeit hat es geregnet, was aber zu der Jahreszeit normal ist. Es gibt auf den Ebenen keine größeren Siedlungen. Die einzige interessante Frau, von der ich berichten könnte, ist die aus meinen Träumen. Und die kennst du genau.“
„Du hast von mir geträumt?“, fragte Mara forschend nach.
Er räusperte sich verlegen. „Also ... meistens ist gar nichts passiert, im Traum, ich habe dich einfach nur vor mir gesehen. Manchmal träumte ich, wie wir zusammen in dem See schwimmen ... das war sehr schön, aufregend. Manchmal hast du in meinen Armen gelegen und geweint, und ich habe versucht, dich zu trösten ... dann haben wir uns geküsst …“
„Und?“
„Tja, leider bin ich ausgerechnet an der Stelle immer aufgewacht. Vielleicht war der Traum zu aufregend.“
„Wie schade.“
„Du sagst es“, stimmte Jula ihr zu und lachte. „In der Stadt hatten wir jedenfalls erst mal drei Tage dienstfrei. Also habe ich mich mit einigen anderen in verschiedenen Kneipen und Tavernen herumgetrieben. Alle möglichen Leute wollten von der Reise hören, sodass wir unser Bier selten selbst bezahlen mussten. Ich fürchte, die eine Hälfte der drei Tage war ich betrunken, die andere habe ich meinen Rausch ausgeschlafen. Klingt nicht sehr spannend, oder? Danach hatte ich wieder normalen Dienst in der Kaserne hier am Westtor, also Wache oder Ausbildung im Schwertkampf, mit dem Stock, der Streitaxt und im Bogenschießen.“
Mara lachte. „So habt ihr also die Kaninchen gefangen.“
„Kaninchen?“ Einen Augenblick schien Jula irritiert. „Ach so, im Wald, ja. Nicht der übliche Weg – aber wenn es schnell gehen muss. Zwei, drei Tage, bevor ihr angekommen seid, habe ich Sina getroffen, oder sie mich. Regelrecht ausgefragt hat sie mich nach dir.“
„Sie meinte, du hättest ihr von mir vorgeschwärmt.“
„Ja, das wohl auch. Wir kennen uns schon lange und sie weiß genau, wie man mich zum Reden bringt. Bestimmt hat sie dir erzählt, dass wir aus demselben Dorf stammen?“
„Hat sie.“
„Ich …“ Jula zögerte, bevor er weiter sprach. „Vielleicht sollte ich erst eine Sache zu Ende erzählen. Ihr seid angekommen und … Mara, du warst so schön, du …“ Leidenschaftlich sah Jula sie an und drückte fest ihre Hand. „Natürlich fand ich dich auch vorher schon wunderschön, aber als du mit dem Hauptmann in die Stadt kamst … in diesem Kleid … Du sahst aus wie die kommende Königin.“
Mara war sprachlos vor Erstaunen. „Wirklich?“
„Ja, und ich wette, nicht nur ich hatte diesen Gedanken.“
„Aber … Jula, das ist Unsinn“, widersprach Mara entschieden.
„Glaubst du?“, fragte er mit einem neckischen Lächeln.
„Ja. Das wäre mir wohl kaum entgangen.“
„Das ist anzunehmen.“
Die Sonne sank langsam dem Horizont entgegen, der Wind frischte auf, wurde böiger. Sanft strich Jula mit den Fingern über ihren Handrücken, legte fürsorglich die Arme um sie. „Ist dir nicht kalt? Zieh lieber deine Jacke wieder an.“
„Aber es ist schöner so“, erklärte Mara „wenn du mich wärmst.“
„Verstehe …“ Jula räusperte sich, bevor er weiter sprach. „Mara?“
„Ja?“
„Du … Mara, hast du mit ihm …“, wollte Jula wissen.
„Ja.“
Sie sah ihn an und lächelte versonnen. Dann legte sie wieder den Kopf an seine Schulter. „Es war … sehr schön und … unwahrscheinlich aufregend.“
„Wie schön! Genau das sollte es auch sein.“
„Ja, so sollte es immer sein.“ Auf einmal stürmten all die verdrängten Erinnerungen mit Macht auf Mara ein, und nichts war mehr schön. Als hätte jemand die Sonne und jegliches Licht gelöscht und es wäre eisige, bitterkalte Nacht.
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