„Was ist?“ fragte Jula, erschrocken über den bitteren Klang ihrer Stimme, und schaute ihr ins Gesicht. „Du musst es mir erzählen, Mara. Sag doch, was passiert ist, bitte …?“
Sie begann zu weinen, klammerte sich schluchzend an ihn, selbst überrascht von der jähen Heftigkeit der aufdrängenden Gefühle. Jula streichelte sanft ihren Rücken, während er sie im Arm hielt. „Ich bin da, Mara. Und ich helfe dir. Aber du musst mit mir reden. Bitte hör auf zu weinen, Mare. Willst du mir nicht erzählen, was geschehe ist?“
Sie seufzte tief. „Jula, ich …“
„Ja?“
„Ich muss, nein, ich möchte dir etwas erzählen. Es ist … keine schöne Geschichte, ganz und gar nicht, es ist sogar eine richtig schlimme Geschichte, und ich kann verstehen, wenn du sie nicht hören willst …“
„Ich höre dir zu, Mara“, versicherte er ihr.
„Wirklich?“ fragte sie zweifelnd, dann atmete sie tief durch. „Ich … ich habe das noch keinem Menschen erzählt. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll ...“ Ihre Stimme klang, als würde sie im nächsten Moment wieder in Tränen ausbrechen.
„Ist ja gut“, beruhigte Jula sie. „Fang einfach am Anfang an.“
Und Mara begann, ganz am Anfang, schilderte Jula ihr ganzes Leben in allen Einzelheiten, erzählte von ihren Eltern, der Zeit, als die Mutter noch lebte und die Dinge einfach waren. Erzählte Jula dann vom Tod ihrer Mutter und wie ihr Leben danach so viel schwieriger und freudloser wurde. Sprach von den Träumen und den ständigen Schikanen, den Schlägen und der Prügel, die sie nicht allein von ihrem Vater bezog. Von ihrem Vater und davon, dass dieser von dem Wolf getötet wurde, ihrer Wut und all dem angestauten Hass, auch auf ihn.
Mara sprang in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Erlebnisse vor und zurück, brach zwischendurch immer wieder in Tränen aus. Manchmal schrie sie wütend, manchmal flüsterte sie nur noch. Jula hörte die ganze Zeit schweigend und ernst zu. Nicht ein einziges Mal unterbrach er sie, sondern ließ sie einfach reden.
Schließlich erzählte sie ihm von ihrer Freundschaft zu Anella. Berichtete stockend von dem Tag, als Ludeau sie im Stall beobachtet hatte und Mara abfing, als sie Anella ins Haus folgen wollte. Sie schluchzte und ihre Stimme klang heiser vom langen Sprechen. Den Kopf an seinen Hals gedrückt fuhr sie fort: „Er hat mich erpresst! Er hat gesagt, wenn ich nicht tue, was er verlangt, würde er Luca alles verraten und der würde Anella dann nicht mehr heiraten wollen. Immer wieder hat er mich geohrfeigt und mich immer wieder gegen die Wand gestoßen. Was sollte ich denn tun?! Ich konnte mich nicht wehren, weil … Ich hätte Anellas Leben zerstört! Er hätte es getan, ohne mit der Wimper zu zucken! Er hat mir wehgetan, Jula, immer und immer wieder, ich konnte nichts tun, und das wusste er genau!“
Sie presste die Zähne aufeinander, dann fuhr sie fort. „Aber wie weh er mir auch tat, ich habe nicht geschrien, ich habe nicht geweint. Ich habe ihn auch nicht angefleht, mir wenigstens nicht mehr so weh zu tun, mich nicht mehr zu schlagen. Das nicht! Eines Tages wird er dafür bezahlen, sagte ich mir immer wieder, irgendwann bringe ich ihn um. Dann habe ich mir in allen Einzelheiten ausgemalt, wie ich ihn töten würde. Und glaub mir: es wäre ein langwierig und qualvoller Tod für diesen Dreckskerl geworden.“
Mara verstummte, schloss müde die Augen. Sie fühlte sich ausgelaugt, vollkommen leer. War ganz ruhig, lauschte dem Wind, den Geräuschen der Stadt, Julas Atem.
Er schluckte, seine Stimme klang rau, heiser. „Mara?“ begann er schließlich, „Du weißt, dass er tot ist?“
„Ja, Reik hat es mir erzählt. Er hat es … gewusst, die ganze Zeit über. Er hat kein Wort gesagt. Bis er dann … er sich wohl dachte, ich würde es von mir aus niemals sagen, jedenfalls nicht ihm, und … Manchmal habe ich das Gefühl, ich weiß überhaupt nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Er … hat Gedanken und Hintergedanken und daneben noch mehr Gedanken. Ich glaube, er denkt sehr … um die Ecke. Sicher spielt er gut Schach, da muss man so denken.“
Sie bemerkte Julas verzweifelten Blick und legte behutsam die Hand an seine Wange. „Jula? Was ist denn? Oh, Jula, es tut mir leid, ich hätte dir das nicht erzählen sollen, nicht jetzt, ich habe dir den ganzen …“
„Darum geht es doch gar nicht, Mara“, wandte er mit belegter Stimme ein. „Es war absolut richtig, dass du mir alles erzählt hast, und ich bin überwältigt von deinem Vertrauen. Nur, dass ich nicht so schnell zu einem anderen Thema übergehen kann, nicht nach dem, was du mir anvertraut hast. Wenn du das kannst, ist das bewundernswert und womöglich auch notwendig, um nicht verrückt zu werden. Aber ich kann das nicht.“
„Ja, es ist notwendig, jedenfalls … war es das bisher. Wenn ich zu lange, wenn ich überhaupt auch nur daran gedacht habe, war eine solche Wut in mir, ein solcher Hass, dass ich das Gefühl hatte, davon … verschlungen zu werden. Als könnte allein der Gedanke mich zerstören“, erklärte sie. „Und von ohnmächtiger Wut, von dem Hass, der keinen Weg nach außen findet und nur immer stärker wird, bis zum Wahnsinn ist es nur ein sehr kurzer Schritt, verstehst du das?“
„Es kling jedenfalls grauenhaft. Aber jetzt ist alles anders?“, fragte Jula nach.
„Die Erinnerungen haben ihre Schrecken nicht verloren, und daran wird sich auch nichts ändern, weil ich einfach nicht vergessen kann. Nur die Wut ist nicht mehr so übermächtig, und ich kann mich jetzt wehren.“
„Du hast Reiks Messer“, erinnerte Jula sie.
Mara lächelte hintergründig. „Auch.“
„Dann hat dich der König wohl nicht ohne Grund unbjita ’leki genannt, wie erzählt wird? Du bist wirklich … du kannst tatsächlich zaubern ?“
„Nun, ich kann Dinge, die die meisten Menschen nicht können, und ich lerne. Eigentlich ist das nicht ganz das passende Wort, aber ich kenne kein besseres, schon gar nicht auf Manduranisch.“
„Also ist etwas dran an den Gerüchten, du könntest Gedanken lesen?“
„Ja, und zwar ohne Hilfsmittel wie Kräuter oder Drogen, so wie Lorana das im Tempel macht. Und ohne die Person, in deren Bewusstsein ich eindringen will, berühren zu müssen. Kein Grund also, Abstand von mir halten.“ Sie kicherte vergnügt.
„Tut mir leid, aber… es ist nur eine ziemlich beunruhigende Vorstellung. … Jederzeit? Und bei jedem?“
„Ich nehme es an, ja. Aber ich mache es nicht gern und nur dann, wenn es gute Gründe dafür gibt.“
„Ich kann mir eine Menge guter Gründe vorstellen.“
„Die Mehrzahl der Dinge, an die du denkst, kann man auch anders erreichen“, erklärte Mara. „Wenn es zum Beispiel um die Frage geht, ob jemand lügt: Das kann jede gute Priesterin. Die Gefühle der meisten Menschen sind relativ leicht zu erkennen.“
„Und wenn man jemanden beeinflussen möchte? Einen Menschen dazu bringen will, etwas zu tun, was er gar nicht möchte?“
„Auch das kann man lernen. Jeder, von dem es heißt, er oder sie könne gut mit Menschen umgehen, macht im Grunde nichts anderes, auch der König oder Lorana, und sicher auch dein Hauptmann.“
Jula lächelte sie verschmitzt an. „Ganz sicher sogar. Mein Hauptmann ist nämlich Reik.“
„Wirklich?“ fragte Mara verblüfft. „Sagtest Du nicht, du hättest Dienst in der Kaserne am Westtor? Aber Reik ist …“
„Reik ist der Hauptmann der Garde des Königs, deren Unterkünfte im Palast liegen“, bestätigte Jula. „Vor dir steht … ich meine, neben dir sitzt ein Mitglied der Garde seiner Majestät höchstpersönlich.“
„Jula, warum hast du das denn nicht eher gesagt?“ rief Mara. „Das ist großartig! Wenn du wüsstest, wie stolz ich auf dich bin, ich …“ Ihr fehlten die Worte, also strahlte sie ihn einfach nur an und drückte ihm stürmisch einen Kuss auf die Wange. Jula umarmte sie lachend. „Du freust dich? Und du bist stolz auf mich?“
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