Sie vermied es, zu offensichtlich zu dem Mann an der Tür zu blicken, ihn würde sie sicher nicht danach fragen. Er würde sie auslachen, oder schlimmer noch, sie belehren und ihr vorhalten, dies ginge sie …
Tessa fuhr zusammen, als er plötzlich, in gebührendem Abstand, neben ihr stand. Sie sah keine Notwendigkeit darin, das Blatt mit den Armen zu verdecken. Schließlich tat sie nichts Verwerfliches.
„Es muss ‚Lokar‘ heißen“, bemerkte der Hauptmann, „nicht ‚Lokan‘.“
„Danke …“, stieß Tessa hervor und wagte nicht aufzuschauen oder dem Mann gar ins Gesicht zu schauen. „Wisst Ihr zufällig auch die Namen … ich meine … oh, oh entschuldigt, ich …“ Sie konnte nur stammeln, dann verstummte sie. Was redete sie da? Selbstverständlich kannte der Mann die Namen der Zweiten aller Einheiten, vermutlich kannte er sogar die Namen sämtlicher Gardisten in jeder Einheit. Er war Gardehauptmann!
„Zufällig, ja.“ Er grinste nicht, war die Ernsthaftigkeit in Person, und seine Stimme klang ganz und gar sachlich. Dann deutete er mit dem Finger auf den Bogen und nannte ihr ohne zu zögern die entsprechenden Namen.
Hastig schrieb Tessa mit, ihre Schrift furchtbar krakelig und zittrig.
„Interessante Art der Darstellung.“
„Aha, ja …“, sie lachte unsicher. „Meint Ihr? Ich wollte das … die Namen nur übersichtlich anordnen, und … Ich weiß eigentlich gar nicht, wieso.“
Hauptmann Davian, der Hauptmann Davian, zuckte die Achseln. Sie kannte ein paar der Gerüchte über ihn, hatte sich allzu oft Lucindas Gerede anhören müssen, die den Mann nicht ausstehen konnte. „Mancher Ostländer würde dafür bezahlen.“
„Aber…“, erschrocken sah sie ihn an. „Ist das etwa geheim?“
„Nein, aber nützlich. Bewahrt das gut auf“, riet er ihr ernst.
„Das … das werde ich, wirklich.“
Vielleicht sollte sie den Bogen vernichten, einfach verbrennen; aber der Gedanke missfiel Tessa. Sie würde ihn sorgsam aufbewahren.
* * *
Am Nachmittag begab Mara sich wie abgemacht zu Réa.
Zwei Frauen leisteten der jungen Priesterin Gesellschaft, auf Bett, Bank, Tisch und Stühlen lagen Kleider und Stoffe unterschiedlichster Farbe und Qualität ausgebreitet. Die beiden musterten Mara neugierig bei ihrem Eintreten.
„Mara, da bist du ja“, begrüßte Réa sie erfreut. „Darf ich dir Frau Airon vorstellen, die wohl beste Schneiderin der Stadt? Ich habe dir bereits von ihr erzählt. Und das ist ihre Tochter.“
Mara nickte den Frauen höflich zu. Und wenn Réa nicht übertrieben hatte, stand sie den beiden am besten informierten Frauen von Samala Elis gegenüber, zumindest was Klatsch und Gerüchte aus dem Palast anging.
Nachdem Réa auch Mara vorgestellt hatte, kam Frau Airon gleich wieder auf das Geschäftliche zurück, zeigte Réa mehrere Gewänder, die ihr ‚wunderbar‘ stehen würden, und nannte Réa die ganze Zeit über ‚meine Liebe’.
Mara ließ sich in einem Sessel nieder und schaute gelangweilt zu, wie Frau Airon und Tochter Réa mit Stoffen behängten, die sie in der Art eines fertigen Kleides drapierten. Schon bald wirkte Réa reichlich zerzaust, sodass sie sich hilfesuchend an Mara wandte. „Was meinst du?“
„Du weißt, dass ich nicht viel von Kleidern verstehe. Also …“, Mara überlegte, „… diese dunklen, schweren Stoffe stehen dir nicht, das bist nicht du. Warum bleibst du nicht bei Weiß, von der Form her ähnlich wie eine Priesterinnenrobe, nur der Stoff selbst feiner, kostbarer?“
Begeistert sah Frau Airon sie an – wahrscheinlich hätte sie auch begeistert reagiert, hätte Mara vorgeschlagen, Réa solle einen Sack tragen – und wühlte in den Stoffen. „Eine phantastische Idee, meine Liebe, dass ich darauf nicht selbst gekommen bin! Ich habe da eine Idee: Wir machen das so … und so … und so, …“, die Frau kommentierte jede ihrer Handbewegungen, „…die Schultern und die Arme nur spärlich bedeckt, im Grunde nackt, der Stoff nur von zwei Spangen gehalten. Etwa in der Art, dann fällt er sehr schön … Und dann hier etwas enger, hm, vielleicht ein Gürtel oder eine Schärpe? Ja, so … Und?“ Sie schaute Beifall heischend zu Mara.
Mara nickte und grinste Réa an. „Und die dann farbig, zum Beispiel in einem sehr dunklen Blau?“
„Ausgezeichnet, ein ganz vortrefflicher Vorschlag!“, ereiferte sich Frau Airon. „Schön, dann wäre das schon mal geklärt. Was ist mit Euch, meine Liebe? Wie soll Euer Kleid aussehen?“
„Ich möchte auf jeden Fall Ärmel, und zwar lange“, erklärte Mara rasch.
„Ärmel?“, wiederholte die Frau konsterniert. „An einem Festkleid für die Mittsommernacht?“
„Ja“, bestätigte Mara knapp. „Ein vornehmes Gewand für eine Magierin sollte enge, lange Ärmel haben, bis über die Handgelenke.“
Frau Airon und ihre Tochter warfen sich skeptische Blicke zu. Schließlich nickten beide entschlossen. „Spitze. Entweder Spitze oder ein hauchdünnes, durchsichtiges Gewebe. Anders geht es nicht.“
„Aber da sieht man doch alles …“, wollte Mara einwenden.
„Nicht, wenn Ihr ein ebenso dünnes Unterkleid tragt. Noch weitere Wünsche?“, fragte Frau Airon.
„Keine Rüschen“, fiel Mara ein.
„Nein, natürlich nicht, auf gar keinen Fall. Nichts … Überflüssiges, das würde nur ablenken. Der Stoff muss für sich sprechen, muss den Schnitt und Eure Figur betonen“, erklärte die Schneiderin. „Bleibt die Frage nach der Farbe. Weiß würde passen.“
„Nein“, lehnte Mara entschieden ab.
„Dann vielleicht sehr helles Blau oder Grün?“
„Nein“, Réa schüttelte den Kopf. „Besser etwas Dunkles. Wie wäre es mit Schwarz?“
„Unmöglich“, wehrte die Schneiderin ab. „Sehr dunkles Blau zusammen mit goldfarbenen Stickereien – das ginge vielleicht.“
Wieder schüttelte Réa energisch den Kopf. „Das andere Kleid ist bereits blau, das wäre zu ähnlich. Wieso nicht Rot?“
Unglücklich blickte Mara sie an. „Ist das nicht viel zu auffällig?“
„Du fällst sowieso auf, ganz gleich, welche Farbe dein Kleid hat. Man muss nur darauf achten, dass der Ton sich nicht mit deiner Haarfarbe beißt“, gab die junge Priesterin zu bedenken.
Frau Airon wiegte bedächtig den Kopf. „Ja, ich glaube, wir haben genau das richtige. Ich müsste noch Eure Maße nehmen und dann kommen wir in fünf … in sechs Tagen wieder, zur Anprobe. In Ordnung?“ Sie sah Réa an.
„Ja, das ist früh genug.“
Réa saß Mara gegenüber an dem kleinen Tisch in ihrem Schlafzimmer und blickte wie abwesend aus dem Fenster.
„Bist du mir etwa böse?“, fragte Mara.
„Weil du mich in der Robe einer Priesterin auf das Fest im Palast schicken willst, an dem einzigen Tag im Jahr, an dem ich tatsächlich einmal etwas anderes tragen könnte?“ Réas Lachen klang gequält. „Nein, ich bin dir nicht böse, ich hätte ja widersprechen können. Und du hast Recht: das wäre nicht ich.“
„Ich finde dich sehr schön in Weiß.“
Réa lächelte überrascht. „Danke. Ich hätte nicht Rot vorschlagen sollen, du siehst hinreißend aus in Dunkelblau. Die Gardeuniformen sind auch dunkelblau und …“
„Weiß ich doch“, meinte Mara nur.
„Ja, dieser Jula, mit dem du dich immer triffst, ist ja Soldat in der Garde“, bemerkte Réa. „Er scheint nett zu sein, ich habe ihn ein paar Mal oben im Palast getroffen, außerdem hat Reik ihn mal erwähnt.“
Mara nickte zustimmend.
„Ich habe dich heute Morgen gar nicht beim Frühstück gesehen, wo warst du?“, wollte Réa wissen.
„Ich habe noch geschlafen und später bei Bes in der Küche gegessen“, berichtete sie. „Danach war ich lange mit Nadka im Kräutergarten, sie weiß unendlich viel über giftige Pflanzen, was ich natürlich alles aufgeschrieben habe. Beruhigt?“
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