Der Essayist und Philosoph Walter Benjamin vergiftete sich 1940 mit Morphium. Vermutlich war dafür die Drohung eines spanischen Offiziellen verantwortlich, ihn bei einem Emigrationsversuch nach Spanien der Gestapo auszuliefern.
Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig emigrierte 1941 nach Brasilien; anscheinend aus Verzweiflung über die politische Situation Deutschlands, beging er dort mit seiner Lebensgefährtin Selbstmord. Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf litt sehr lange unter Depressionen. So hatte sie eine panische Angst davor, geisteskrank zu werden und ertränkte sich in einem Fluss.
Es sind – vordergründig gesehen – zunächst einmal wirtschaftliche, politische oder psychische Gründe, die solche Suizide auslösen – und nicht bloßer Serotoninmangel, wie man heutzutage gern geneigt ist, zu glauben. Unsere Analysen der Wert- und Unwerterfahrungen werden noch zeigen, dass es sich dabei meist um den Zwangsideen verwandte Werturteile und schlichte Missverständnisse handelt, die uns in einen Zustand emotionaler Desorientiertheit und tief greifender Selbstentfremdung geraten lassen.
Zweifellos gibt es auch extreme Leidenssituationen, in denen die Prognose so negativ ist, dass ein Suizid gerechtfertigt erscheint. Aber dies sind Ausnahmen. Psychologische Statistiken zeigen eindeutig, dass sich in den meisten Fällen selbst bei körperlich schwer geschädigten Menschen die emotionale Lebensqualität trotz objektiver Beeinträchtigungen nach einiger Zeit auf dem alten Niveau einpegelt. Beim gegenwärtigen Stand der Medizin lässt sich fast jeder Leidensdruck erheblich senken. Sei es durch medikamentöse oder psychotherapeutische Beeinflussung, durch Neurochirurgie oder Mentaltechniken. Aber auch Psychologie und Philosophie können dazu ihren Beitrag leisten, wie unsere Analyse der Selbstentfremdung zeigen wird.
4 Eine kritische Bestandsaufnahme unserer mentalen Verfassung
Jeder dritte Deutsche leidet im Laufe eines Jahres mindestens einmal an einer psychischen Störung, so eine Untersuchung, die des Robert-Koch-Instituts Berlin. Acht Millionen Deutsche klagen über akute psychischen Probleme, vor allem Angststörungen, depressive Erkrankungen und Schmerzsyndrome. „Angststörungen gehören zu den verbreitetsten seelischen Störungen in westlichen Ländern und sind die häufigste seelische Störung in den Vereinigten Staaten, wo sie fast vier Prozent der Bevölkerung treffen.“
Dabei werden viele Ängste durchaus sachlich begründet, wie z.B. Flugangst oder die Angst vor dem Terrorismus, sind aber doch auch Ausdruck einer meist uneingestandenen neurotischen Angstbereitschaft, wenn nicht sogar eines Hangs zur Negativität, der rationalen Argumenten nur schwer zugänglich ist. Wie die Statistik zeigt, ist es immer noch sicherer, zu fliegen als ein Duschbad zu nehmen. „Etwa jeder zehnte Patient, der zum Hausarzt kommt, ist so depressiv, dass er deswegen behandeln werden müsste. Fast durchweg geben diese Patienten aber an, somatische Beschwerden wie Schmerzen oder Schlafstörungen zu haben.“
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass psychische Krankheiten heute an dritter Stelle nach Infektionen und Unfällen stehen. Bis zum Jahre 2020 rechnen Experten mit einer deutlichen Zunahme und erwarten, dass Depressionen den zweiten Platz unter den auftretenden Krankheiten einnehmen.
Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen und Alkoholabhängigkeit zählen zu den häufigsten Problemen. Fast jeder kennt jemanden, der an Flugangst, Höhenangst, Klaustrophobie, Prüfungsangst oder Lampenfieber leidet. Doch die Liste typischer „Zipperlein“ ließe sich fast beliebig fortsetzen: Marotten, Nervosität, „vegetative Dystonie“, Antriebsarmut, Spielsucht – also auch Störungen, die noch nicht unbedingt als krankhaft eingestuft werden und doch das Leben und Zusammenleben empfindlich behindern: Gereiztheit, Unruhe, leichte Erregbarkeit, Streit- und Kritiksucht, Schüchternheit, Wehleidigkeit, Hypochondrie …
Auf der körperlichen Seite, so die psychosomatische Medizin, schlagen sich mentale Probleme in verschiedenartigsten Entsprechungen nieder wie z.B. Schweißausbrüchen, Tremor, Herz- und Kreislaufstörungen, Schwindelgefühl, leichter Erschöpfbarkeit.
Den Hausärzten wird von den Experten vorgeworfen, sie hielten nur bei einem Prozent ihrer Patienten eine Überweisung zur Behandlung psychischer Störungen für notwendig. Fachleute beklagten anlässlich des Weltkongresses der Psychiatrie in Hamburg 1999, viele Betroffene bekämen keine angemessene Behandlung.
So viel zunächst zur psychischen und somatischen Seite unserer Verfassung. Betrachten wir nun, wie sich unsere mentale Verfassung in Umwelt und Gesellschaft niederschlägt:
Nach Schätzungen haben zwischen 1945 und 2000 weltweit 218 Kriege stattgefunden – trotz fünfzig bis sechzig Millionen Toten während des Zweiten Weltkriegs, trotz Auschwitz und Dachau, trotz systematischem Vergasen, Verhungern und Verbrennen missliebiger Unschuldiger.
Schon eine kleine Liste kriegerischer und gewalttätiger Auseinandersetzungen wirft ein ernüchterndes Bild auf die Friedfertigkeit, Toleranz und Gutwilligkeit der Spezies Homo sapiens nach dem Zweiten Weltkrieg: Vietnam, Tibet, Kambodscha, Tschetschenien, Nordirland, Kurdistan, Irak, Iran, Kosovo, Palästina, Afghanistan – überall starben und sterben Menschen für zweifelhafte politische Ideen. Da werden Minderheiten mit Giftgas ausgerottet, die Intellektuellen des Landes getötet, Religionen unterdrückt, anderen die Freiheitsrechte und das Recht auf einen eigenen Staat oder die freie Wahl der Gesellschaftsordnung verweigert oder rigide religiöse und offenkundig subjektive und willkürliche Wertvorstellungen durchgesetzt.
Nachdem sich der US-Verteidigungshaushalt unter dem früheren Präsidenten George W. Bush fast verdoppelt hatte, ist diese Entwicklung in den USA seit Obama durch die Finanzkrise zwar aufgehalten worden. Aber noch im Jahre 2008 wendeten die USA fast 600 Milliarden Dollar für Rüstungsausgaben auf. Eine unvorstellbar hohe Summe, die, anders eingesetzt – in einer Welt, die ihre Hausaufgaben in emotionaler Klugheit gemacht hat – unsägliches Leid wie Hunger, Dürrekatastrophen, Krankheit und Armut reduzieren könnte. So viel kostet die mächtigste Nation der Welt ihr Misstrauen, ihre Angst vor eingebildeten oder tatsächlichen Feinden und ihr Bedürfnis, ihre Vormachtstellung, den Staus quo der Machtpolitik und ihren Reichtum unter allen Umständen festzuhalten. Es wird in Töten investiert, und andere Nationen versuchen es den USA in möglichst effizienter Weise in dem ihnen möglichen wirtschaftlichen Rahmen gleichzutun.
Das aus der politischen Kontroverse des Kalten Krieges entstandene nukleare Wettrüsten wirft ein klares Licht auf unsere mentale Verfassung: Trauen wir dem anderen zu, dass er eine atomare Vormachtstellung politisch missbrauchen könnte, dann scheuen wir keine Kosten und Anstrengungen, um der vermeintlichen oder tatsächliche Gefahr zu begegnen. Diese Einschätzung ist für sich gesehen sicher nicht unvernünftig, und niemand in politisch verantwortlicher Stellung würde leichten Herzens das Risiko eingehen wollen, einfach optimistisch den Ausgang dieses machtpolitischen Lotteriespiels abzuwarten, einmal abgesehen davon, dass dies im jeweiligen politischen Umwelt auch nur schwer durchzusetzen wäre. Unsere typische und naheliegende Handlungsweise, das Wettrüsten, ist aber auch entlarvend für unser Selbstbild.
Es hat den Anschein, als sei unsere Gewaltbereitschaft so fest verankert in unseren Genen, in unserem Selbstverständnis, in der Geschichte und unserer Auffassung vom eigenen gesellschaftlichen Sein, dass wir sie nicht einmal probeweise in Frage stellen
Die Gewaltkriminalität ist überall hoch. Gewalt findet aber auch innerhalb der Beziehung statt, und zwar im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil bei beiderlei Geschlecht: Nach Schätzungen zeigte sich, dass in der Bundesrepublik insgesamt etwa 1,59 Millionen Frauen im Alter zwischen 20 und 59 Jahren mindestens einmal Opfer physischer Gewalt in engen sozialen Beziehungen waren. Für Männer betrug die entsprechende Anzahl 1,49 Millionen.
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