Es war kurz nach Sonnenaufgang und Karst bereitete sich in der kleinen Offiziersunterkunft sorgfältig auf seinen Flug vor. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, die ledernen Fußüberzieher zu tragen. Kein anderer Hanari trug eine Fußbekleidung, aber Karst gestand sich ein, dass ein Schwingenflieger gut beraten war, sie zu nutzen. Die Pedalen des Luftschraubenantriebs waren schmal und verursachten schnell Druckschmerzen an den Füßen, wenn diese nicht geschützt wurden. Zusätzlich zog er sich eine fellgefütterte Lederjacke an und knöpfte ihren Kragen hoch. In den Höhen, in denen eine Schwinge flog, war es empfindlich kalt und ein steifer Nacken war nicht nur schmerzhaft, sondern schränkte auch die Beweglichkeit und somit die Sicht ein.
Er nahm ein kräftiges Frühstück zu sich: mehrere Scheiben Röstbrot und gegrillte Fruchtscheiben, dazu ein paar Nüsse. Das alles spülte er mit heißem Gewürzwasser hinunter. Danach füllte er seine Wasserflasche auf und steckte zwei Pfoten voll der nahrhaften Nüsse in seinen umgehängten Proviantbeutel. Eine Schwinge auf Geschwindigkeit zu bringen und eventuell gegen den Wind voran zu treiben, erforderte viel Kraft. Vor allem erforderte es Beinarbeit und man konnte einen Schwingenflieger angeblich an der ausgeprägten Muskulatur der Schenkel erkennen.
Karst 4 Hondabar verließ die Offiziersunterkunft und trat auf das Flugfeld hinaus. Automatisch blickte er zu dem Mast mit den Farbentuch des großen Haldar. Die Flagge hing schlaff herab, was Karst erleichterte. Wenigstens musste er beim Start nicht mit Wind rechnen. In der Höhe mochte das dann allerdings ganz anders sein. Windströmungen waren oft unberechenbar, es sei denn, die Wolken verrieten ihre Bewegung.
Der nächste Blick schweifte über das Feld. Von seiner Schwinge war noch nichts zu sehen, aber vor der Halle, in der sie vor dem Wetter geschützt stand, war Bewegung. Eine ganze Reihe von Gepanzerten, Schwingenfliegern und Monteuren stand dort und unterhielt sich angeregt. Ein Stück abseits standen zwei Handwagen, auf denen sich Gefäße mit Metallspänen, Säure und einige Schläuche befanden. Unter den Gepanzerten befanden sich gleich mehrere Schärpenträger, was Karst sofort verriet, dass man seinem Flug große Bedeutung beimaß.
Rinz 124 Hondabar machte einen besonders aufgeregten Eindruck. Er war der Hauptmechaniker für Karsts Schwinge und hatte die Umbauten vorgenommen. Jetzt war er sicher ebenso gespannt wie der Pilot, ob alles richtig funktioniert. Allerdings würde Rinz im Gegensatz zu Karst am Boden und in Sicherheit bleiben. Karst hatte jedoch volles Vertrauen in den Mechaniker. Dieser wäre liebend gerne selbst Schwingenflieger geworden, litt aber unter Höhenangst.
Als Karst näher kam, wandten sich ihm die Versammelten zu und er entbot dem Befehlshaber seinen Ehrensalut. Der Doppelschärpenträger war sichtlich bester Laune, strich Karst anerkennend über die Schnauze und deutete dann zum geschlossenen Hallentor, das in diesem Moment von den Arbeitern geöffnet wurde.
„Dies ist ein wirklich bedeutsamer Tag für die Streitkräfte des großen Haldar – mögen die Wolken ihm gewogen sein –“, meinte der Offizier. „Lange hat man daran gezweifelt, dass es möglich wäre, dass sich ein Hanari mit einer Schwinge in die Luft erheben könnte. Es ist geschehen! Tapfere Gepanzerte wie du, Karst 4 Hondabar, haben den Beweis hierfür angetreten und dafür gesorgt, dass uns das Ohr des großen Haldar – mögen die Wolken ihm gewogen sein – sehr zugeneigt ist.“ Karst begriff sehr wohl, was dies bedeutete. Der Befehlshaber der neuen Schwingenflieger konnte zusätzliche Mittel und Krieger einfordern und erhielt wahrscheinlich sogar eine dritte Schärpe, wenn es keine Probleme gab. Der Doppelschärpenträger wippte leicht auf den Beinen und strich sich unter der Schnauze entlang. Offensichtlich war er doch ein wenig beunruhigt, dass nicht alles zur vollsten Zufriedenheit verlaufen könnte. „Dieser Tag wird für uns Hanari von entscheidender Bedeutung sein, mein guter Karst. Zum ersten Mal soll sich eine Schwinge nicht nur in die Luft erheben und beweisen, welch gute Aussicht man von dort oben hat. Nein, an diesem Tag wirst du es sein, der den Beweis dafür antritt, dass man mit einer Schwinge auch kämpfen kann.“
Karst legte unbewusst die Ohren an. Jetzt war es heraus und es war nichts, was ihm sonderlich gut gefiel. Ja, er war ein Gepanzerter und man ging nur zu den Gepanzerten, wenn man ein Krieger war. Er war jedoch zu ihnen gegangen, weil er sich in die Luft erheben wollte. Das war ihm gelungen und nun schien es so, als müsste er den Preis dafür bezahlen. Die Aussicht, dass eine Schwinge dazu genutzt werden könnte Leben zu nehmen, gefiel ihm überhaupt nicht, aber es blieb ihm keine andere Wahl. Er war ein Schwingenflieger und somit ein Gepanzerter, von dem man im Bedarfsfall das Kämpfen erwartete.
Der Doppelschärpenträger hatte das Anlegen von Karsts Ohren bemerkt, verstand aber die Bedeutung falsch. „Sei unbesorgt, Schärpenträger Karst, es wurde äußerste Sorgfalt auf den Umbau deiner Schwinge verwendet. Du bist der beste Schwingenflieger von allen und so wird dieser Tag ein Ehrentag der Gepanzerten. Wahrhaftig, ich glaube gar, die Magier werden von diesem Tag ein Bildereignis werfen. Doch nun sieh dir deine Schwinge an.“
Der Doppelschärpenträger klatschte in die Pfoten, und Rinz und die anderen Mechaniker schoben den Wagen, auf dem die Schwinge ruhte, aus der Halle ins Sonnenlicht.
Karst bemerkte sofort die Veränderungen und diese gefielen ihm noch weit weniger als der Zweck, dem sie dienten. An der rechten Seite der Schwinge, direkt neben dem Pilotensitz, war ein langes Rohr angebracht, auf dem eine Trommel steckte. Ein klobiger Griff ragte seitlich hervor. Darunter war ein zusätzlicher Gasbehälter angebracht. Er konnte sich den Grund hierfür denken und das trug keineswegs zu seiner Beruhigung bei.
Der Doppelschärpenträger legte die Stirn in Falten, denn Karsts Missbilligung war nahezu körperlich spürbar. „Es mag nicht besonders elegant aussehen, Flieger Karst, aber es wird seinen Zweck erfüllen. Die Wissenden haben alles sorgfältig überdacht und Rinz 124 hat die Arbeiten auf das Beste ausgeführt.“ Der hohe Offizier blickte den Mechaniker auffordernd an. „So ist es doch, nicht wahr, Rinz?“
„Alles bestens“, versicherte der Mechaniker hastig und gab Karst ein verborgenes Zeichen, dass sich seine Begeisterung ebenfalls in überschaubaren Grenzen hielt.
„Na also“, brummte der Befehlshaber und deutete auf die modifizierte Schwinge. „Es wird wohl angebracht sein, dass der gute Karst sie nun ausprobiert.“
Da die Auftriebsbehälter des Fluggerätes zunächst noch mit Gas befüllt werden mussten und es sich dabei um einen nicht ungefährlichen Vorgang handelte, ergab sich somit die Gelegenheit für Karst, ungestört mit seinem Mechaniker zu sprechen.
Etliche Schritte von den Zuschauenden entfernt, begannen zwei Arbeiter mit der Befüllung. Metallspäne wurden in den Säurebehälter gegeben, in dem es sofort bedrohlich zu brodeln begann. Ein Aufsatz mit Rohren und Schläuchen wurde auf den Behälter gesetzt und der Kontrollpfropfen auf den Befüllstutzen gesteckt. Nur wenig später war der Druck hoch genug und der Pfropfen flog heraus. Vorsichtig verbanden die Arbeiter den Tankschlauch mit den Anschlüssen der Auftriebsbehälter. Es würde eine Weile dauern, bis genug Gas eingefüllt war, um der Schwinge den erforderlichen Auftrieb zu geben. Noch ruhte sie durch Leinen gesichert auf dem Wagen.
Karst nahm die Überprüfung seiner Schwinge vor, so wie es jeder vernünftige Flieger tat, bevor er sich in die Lüfte erhob. Natürlich wurde er dabei von Rinz begleitet.
„Wir haben alle Nähte und jede Pfotenspanne des Leders überprüft“, berichtete der Mechaniker. „Die Verspannungen sind nachgestrafft. Da ist nichts locker, Karst. Alle beweglichen Teile sind sorgsam gefettet worden und ich habe darauf geachtet, dass sich die Luftschraube ganz leicht dreht.“
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