Er würde ein Stück in die Höhe steigen müssen, um zum Flugfeld zurückzukehren. Das ging nur durch Gewichtsverlagerung und die Zugkraft der Schraube, denn es war ja nicht möglich, während des Fluges zusätzliches Gas zu tanken. Er konnte es allenfalls ablassen. Das war für einen Notfall vorgesehen, aber dann würde die Schwinge unabänderlich zu Boden gleiten. Somit blieb ihm keine Wahl. Er musste mit der lädierten Schraube fliegen.
Erneut begann er, langsam zu treten. Angetrieben von Muskelkraft und Flüchen schob sich die beschädigte Schwinge höher in die Luft. Langsam fiel der See unter und hinter ihm zurück. Karst fand eine Geschwindigkeit, bei der die Vibrationen nicht zu stark waren, und empfand zunehmend die Zuversicht, Hondabar zu erreichen.
Zwei oder drei Tausendschritte ging auch alles gut.
Dann geschahen gleich mehrere Dinge gleichzeitig.
Mit vernehmlichem Knacken brach eine der seitlichen Streben, sofort gefolgt von dem typischen Geräusch, mit dem sich ein Stück der Bespannung verabschiedete. Als sei dies nicht genug, war das metallene „Ping“ zu hören, mit dem ein Drahtseil riss.
Karst merkte augenblicklich, dass die seitlichen Schwingen nicht mehr auf das Steuerholz reagierten. Eigentlich galt dies nur für eine von ihnen, was ein noch größeres Problem darstelle. Das Fluggerät legte sich leicht zur Seite, um in die Kurve zu gehen, und Karst blieb keine andere Wahl, als sein Körpergewicht ganz weit zur entgegengesetzten Seite zu verlagern. Nun flog er wieder geradeaus, hatte aber keine Möglichkeit mehr, eine Kurve in die andere Richtung zu fliegen. Er konnte nur noch voraus oder nach links. Karst war erfahren genug und wusste, dass die Andeutung einer Vollkurve nach links ihn letztlich auch nach rechts bringen musste, wenn der Rest der Bespannung dieser Beanspruchung standhielt.
Glücklicherweise konnte er das Flugfeld ausmachen.
Es war nicht mehr weit entfernt und Karst gelang es, die Schwinge behutsam auf den richtigen Kurs zu bringen. Hondabar kam näher und näher.
Er wollte bereits erleichtert aufatmen, als wieder ein Knacken hörbar war. Diesmal war die Auswirkung wesentlich gefährlicher, denn es handelte sich nicht um eine der Streben, vielmehr war einer der Auftriebsbehälter gesprungen. Mit vernehmlichem Zischen und von dem typischen Geruch begleitet, begann das Gas zu entweichen. Die verbliebenen Behälter reichten nicht, um die Schwinge in der Luft zu halten. Langsam – dann schneller – begann sie zu sinken.
Karsts Erfahrung zeigte ihm, dass er es nicht schaffen würde. Er fluchte erbittert und rief dann alle Götter an, an die er sich aus seiner Jungzeit erinnern konnte. Er hoffte, dabei keinen auszulassen, denn er konnte jeden Beistand gebrauchen. Er verlor Gas, er verlor Höhe, aber er verlor nicht an Gewicht. Er musste Gewicht verlieren, sonst würde er weit vor dem Flugfeld aufsetzen – und das mit einer Geschwindigkeit, die weder ihm noch der Schwinge bekommen würde.
Er löste seinen Proviantbeutel, der ohnehin kaum noch Nüsse enthielt, und warf ihn über Bord. Er hätte auch seine gefütterte Jacke und die Fußbekleidung hinterhergeworfen, aber er musste unentwegt in die Pedale treten und fand in seinem engen Sitz nicht den Platz, die Jacke zu öffnen. Er tastete mit der freien Hand an die Trommel, die die leeren Patronenstreifen enthielt. Sie war aus stabilem Gelbmetall und schwer. Er zerrte und drehte an ihr, bis sie sich löste und ließ sie fallen. Prompt legte sich die Schwinge ein wenig auf die Seite, aber Karst wagte es nicht, Gas aus dem Ausgleichsbehälter entweichen zu lassen. Er brauchte allen Auftrieb, den er noch hatte, und das Zischen hinter ihm verriet, dass er ihn stetig verlor.
Er überlegte, ob er die Waffe loswerden könnte. Karst verfügte über kein Werkzeug, andererseits war das Schießrohr ja irgendwie am Fluggerät befestigt und dieses bestand hauptsächlich aus dem hölzernen Rahmen und der Lederbespannung. Der Flieger fuhr die Krallen seiner freien Pfote aus und begann, am Rahmen zu kratzen – dort, wo sich die Befestigung der Waffe befand. Das dünne Leder gab rasch nach und einer der hölzernen Holme war Karsts verzweifelter Kraft nicht gewachsen. Er brach und die Halterung des Schießrohrs ruckte deutlich zur Seite.
Der Schwingenflieger sah nach vorne. Noch ein guter Tausendschritt zum Flugfeld … Doch der Bug zeigte unzweifelhaft auf ein paar unerfreuliche Baumwipfel.
Emsig die beschädigte Luftschraube antreibend schlug und kratzte Karst, was seine Kräfte hergaben. Dann, unvermittelt, kam der erleichternde Ruck. Begleitet von Splittern und Reißen löste sich die Haltevorrichtung mitsamt der Waffe und fiel in die Tiefe.
Sofort hob sich der Bug der Schwinge ein Stück an – nicht viel, doch es reichte.
Karst spürte ein Rucken und vernahm das Brechen kleiner Äste, als die Schwinge einen Baumwipfel streifte. Einige Nadelblätter schlitzten den Rumpf auf.
Dann hatte er freies Feld unter sich.
Es gab einen brutalen Schlag.
Der Schwingenflieger wurde angehoben und durch die Luft geschleudert, während sich sein Fluggerät überschlug und auseinanderbrach. Trümmer flogen umher. Der Aufprall auf den Boden trieb dem unglücklichen Flieger die Luft aus den Lungen. Für eine Weile war er völlig benommen, doch es gelang ihm, auf die Beine zu kommen.
Immerhin war er in einem Stück am Boden angelangt und damit ging es ihm deutlich besser als seiner Schwinge.
Von den Hallen aus war die unsanfte Landung beobachtet worden und alle rannten nun zur Absturzstelle hinüber. Auf dem Gesicht des Hauptmechanikers Rinz spiegelten sich widerstreitende Gefühle, als er mit anderen herbeieilte: die Erleichterung darüber, dass es seinem Freund Karst offensichtlich gut ging, und das Entsetzen über den Zustand der demolierten Schwinge.
Der Arzt des Flugfeldes drängte alle zur Seite und ließ erst von Karst ab, als er halbwegs überzeugt schien, dass der Schwingenflieger in Ordnung war. „Schön“, knurrte er schließlich, „die von der Natur vorgesehene Anzahl an Gliedmaßen ist wohl noch vorhanden, und über das Vorhandensein von Verstand will ich mich bei einem Flieger nicht äußern.“
Der Doppelschärpenträger nahm nun keine Rücksicht mehr. „Was ist geschehen, Karst?“, bellte er. „War es ein Fehlschlag? Rede schon, verdammt!“
„Alles funktioniert“, ächzte der Angesprochene. „Es müssen noch ein paar Dinge an der Konstruktion nachgebessert werden, aber alles funktioniert.“
Der hohe Offizier schlug erleichtert die Pfoten zusammen. „Ausgezeichnet, Karst, ganz ausgezeichnet. Ich werde sofort einen Boten in die Hauptstadt entsenden, und die Wissenden und Mechaniker sollen sich augenblicklich an die Arbeit machen. Sag ihnen, was zu tun ist, Karst. In drei Tagen will ich die Schwingen in der Luft sehen – allesamt und alle mit den Schießrohren. Ah, kein Zweifel, die dritte Schärpe ist mir gewiss. Der große Haldar – mögen die Wolken ihm gewogen sein – herrscht nun auch über den Himmel.“
Karst 4 Hondabar sah auf die Trümmer seiner Schwinge und hatte da so seine ganz persönlichen Zweifel.
Büro des Hoch-Admirals, Direktoratsschiff „D.C.S. Trafalgar“, innerhalb der äußeren Planetenbahnen von Roald-37-S, zehn Tage bis zum Ziel
„Das ist kein Irrtum? Das ist wirklich authentisch?“
Hoch-General Omar ibn Fahed sah seinen Freund seufzend an. „Ich vermute, deine Frage ist rein theoretisch gemeint, oder?“
„Verdammt!“ John Redfeathers flache Hand klatschte vernehmlich auf den Schreibtisch. „Ich weiß selbst, dass die neue Karte echt ist. Hast du eine Ahnung, was das für uns bedeutet?“
„Wäre ich sonst zu dir gekommen?“
Der Hoch-Admiral atmete einige Male tief durch. „Entschuldige, Omar. Ich weiß, du bist nur der Bote und nicht der Verursacher dieser Katastrophe.“ Er tippte sich hinter das Ohr, aktivierte dadurch die Steuerung und sah auf die riesige Panoramascheibe seines Büros. „Projektion Karte Zwei über Karte Eins, Halbtransparenz.“
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