„Nichts”, stammelte Patrick erschrocken. „Ich dachte nur, wenn es gelbe und blaue Magie gibt, dann …”
„Verlang nie wieder von mir, dass ich rote Magie benutze! Hörst du? So etwas gibt es nämlich überhaupt nicht, kapiert?”
„Äh …”
„Kapiert?”
„Äh, ja.”
„Gut.” Die Fee schien wieder besänftigt zu sein. „Und jetzt werde ich dein Zimmer wieder in Ordnung bringen, wenn dir so viel daran liegt.” Sie seufzte. „Wenn ich meinen Zauberstab noch hätte, wäre alles viel einfacher.”
Sie schwenkte die Arme und aus ihrer linken Hand sprühten gelbe Magiefunken, während der rechten blaue entströmten. Beide Zaubernebel vermischten sich über der Hutspitze der Fee, dehnten sich aus und umfingen innerhalb weniger Sekunden alles, was sich im Raum befand. Es flimmerte abwechselnd blaugelb und gelbblau vor Patricks Augen und ihm wurde schwindlig. Wieder schwirrten die Möbelstücke, getragen von der Feenmagie, durchs Zimmer, und gerade noch rechtzeitig konnte Patrick den vier Kakteen ausweichen, die wie stachelbewehrte Raketen zurück zum Fensterbrett schossen.
Als der Zaubersturm sich diesmal gelegt hatte, traute Patrick seinen Augen kaum. Es sah tatsächlich so aus, als befinde sich alles Mobiliar wieder an seinem Platz. Dr. Katz saß auf dem Teppich, putzte seelenruhig eine Pfote und warf Patrick einen „War was?”-Blick zu.
„Ich sagte ja schon: Ich brauche meistens drei Versuche.”
Patrick nickte der Fee flüchtig zu und riss die Wohnzimmertür auf. „Mama! Es ist alles wieder in Ordnung!”
Er knallte die Tür zu und wandte sich zur Fee um, die aus dem Fenster schaute. Von der Krähe war nichts mehr zu sehen.
„Was wollen Sie hier?”
„Das habe ich dir bereits mitgeteilt. Ich komme dich zu unserer Reise abholen.”
„Ich denke nicht daran, mit Ihnen wegzufahren.” Patrick nahm wieder im Sessel Platz.
„Wer spricht von fahren?”
Patrick wandte den Kopf zu ihr. Die Fee sah ihn mit einem rätselhaften Lächeln an.
Patrick drehte sich aprupt weg und fingerte auf der Fernbedienung herum. Ein Film, in dem muskulöse Männer in Sandalen mit Felsbrocken warfen, fand sein Interesse. Schade, dass er nicht gleichzeitig die Sendung mit den Weltraum-Cowboyratten verfolgen konnte, die er eben für Sekundenbruchteile gestreift hatte.
„Du bist nicht bereit, mit mir zu reisen?“
„Nein”, gab Patrick über die Schulter.
„Du willst lieber hierbleiben und den flimmernden Kasten betrachten?”
„Ja.”
„Dann”, sprach die Fee bedächtig, „ist es wohl an der Zeit, dass wir über die drei Wünsche reden.”
Patrick wurde hellhörig. Wie war das? Drei Wünsche? Patrick musste an das denken, was Jessika gesagt hatte: Feen können zaubern und man hat bei ihnen drei Wünsche frei …
Patrick betrachtete seine Besucherin auf einmal mit ganz anderen Augen.
„Drei Wünsche?”, vergewisserte er sich.
„Aber ja.”
Patrick begann fieberhaft zu überlegen. Was sollte er sich zuerst wünschen? Am Dringendsten benötigte er einen zweiten Fernsehapparat, das war klar. Schon klappte er den Mund auf, um den Wunsch auszusprechen, als er den Gesichtsausdruck der Fee wahrnahm. Irgendwie hinterlistig sah sie aus. Hm. Diese durchtriebene Märchengestalt versuchte ihn wohl zu ködern … Also hieß es: vorsichtig sein! Patrick durfte sich nicht mit drei billigen Wunscherfüllungen abfertigen lassen, o nein, er musste bei jedem seiner Wünsche aufs Ganze gehen! Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren.
Ihm kam eine grandiose Idee. Er schmeckte sie in Gedanken ab und fand sie ausgesprochen clever. Warum eigentlich nicht? Warum sich nicht zehn Fernsehapparate wünschen? Oh, und weshalb so kleinlich? Zwanzig oder dreißig Fernseher wären doch auch nicht zu unbescheiden – für den ersten Wunsch, wohlgemerkt. Wie viele Fernsehprogramme wurden eigentlich ausgestrahlt? Und kamen nicht andauernd neue hinzu? Vielleicht sollte man vorsorgen und gleich fünfzig Apparate bestellen.
Patrick schwelgte in Gedanken an eine himmlische Zukunft. Er sah die Wohnzimmerwand vollgepflastert mit Bildschirmen, die ihm jedes Programm zur Verfügung stellten, und er würde nur schnell genug hin und herblicken müssen, um nichts zu verpassen. Dies erforderte sicherlich einige Übung, doch für einen solchen Zweck war Patrick bereit, hart zu trainieren.
Die Stimme der Fee drang an sein Ohr. „Patrick?”
Patrick ließ sich nur ungern aus seinen Gedanken reißen. „Ja?”
„Ich habe dich etwas gefragt.”
„So? Das muss ich überhört haben.”
Die Fee seufzte. „Ich habe gerade gefragt, ob du mit drei Wünschen einverstanden bist.”
Patrick sprang vom Sessel hoch. „Aber klar!”
„Du bist also einverstanden?”, hakte die Fee nach. „Mit den drei Wünschen, die erfüllt werden müssen?”
„Ja doch!”
„Gut”, meinte die Fee und sah sehr zufrieden dabei aus. „Dann lass uns endlich aufbrechen.” Sie öffnete vorsichtig das Fenster und hielt nach Krähengefahren Ausschau.
„Aber, Moment mal”, sagte Patrick, „was ist mit dem ersten Wunsch?”
„Der erste Wunsch”, entgegnete die Fee, „ist folgender: Ich wünsche, dass du mitkommst.”
Patrick war perplex. „Wie bitte? Ich dachte -”
Die Fee runzelte die Stirn. „Was dachtest du? Oh, ich verstehe! Na ja, das glauben alle; sei beruhigt: Du bist nicht der Einzige.”
„Was glauben alle?”
„Dass sie drei Wünsche erfüllt bekommen, wenn sie einer Fee begegnen. In Wirklichkeit ist es andersherum: Wer einer Fee begegnet, ist verpflichtet, ihr drei Wünsche zu erfüllen.”
„Wie bitte?!”, entfuhr es Patrick. „Aber meine kleine Schwester hat behauptet …”
„Glaubst du alles, was deine kleine Schwester dir erzählt?”
Patrick schwieg verdutzt. Die Fee fügte hinzu: „So sind die Regeln. Tut mir leid, du bist zu spät dran.”
„Zu spät?”
„Ja, früher, früher war es umgekehrt, da haben Feen noch Wünsche erfüllt, doch heutzutage …”
„Heutzutage muss man den Feen drei Wünsche erfüllen?”
„So ist es.”
Patrick lief im Zimmer auf und ab. „Das ist ja eine Unverschämtheit! Ihr könnt doch nicht einfach die Spielregeln ändern!”
Die Fee sah ihn ernst an. „Du kannst es mir glauben: Das liegt nicht in unserer Hand.”
„Ich bekomme also keine Wünsche erfüllt?”
„Nein.”
„Ich bekomme keine hundert Fernseher?”
Die Fee stutzte, dann antwortete sie: „Falls dies dein Wunsch gewesen wäre – sei froh, dass er nicht in Erfüllung geht.”
„Und jetzt soll ich Ihnen drei Wünsche erfüllen?”
„Genau.”
„Kommt ja gar nicht in die Tüte!”
„Und warum nicht?”
„Erstens …” Patrick versuchte seine Gedanken zu ordnen. Dann schnappte er sich den ersten geordneten Gedanken, der vorbeischlenderte, und sprach ihn aus. „Erstens weiß ich gar nicht, wie ich das anstellen sollte. Und zweitens weigere ich mich! Jawohl!” Er setzte sich in den Fernsehsessel und verschränkte bockig die Arme.
Polizisten und Gangster feuerten aufeinander. Richtig so!, dachte Patrick ergrimmt.
Die Fee sah ihn mitleidig an. „Du weigerst dich also?”
„Ganz entschieden!”
Daraufhin gefror die Welt.
Obwohl es keineswegs kälter wurde, erstarrte alles, als herrsche ein unerklärlicher Sommerfrost. Alle Geräusche erstarben. Jede Bewegung auf dem Bildschirm hielt inne. Und auch Patrick selbst war erstarrt, die Finger über der Fernbedienung, die Augen auf die reglosen Gangster gerichtet. Nichts konnte er bewegen und nichts um ihn herum rührte sich. Es war, als hätte jemand auf einer viel größeren Fernbedienung auf „Standbild” gedrückt und Patrick damit zum absoluten Stillstand verurteilt. Nur seine Gedanken waren ungebremst und rasten durch seinen Kopf.
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