Dr. Katz ließ sich gelassen nieder, um Patrick daran zu erinnern, dass Intellektuelle körperliche Aktivität nicht nötig hatten.
Leises, sehr leises Keuchen erinnerte Patrick an die Anwesenheit der Mini-Besucherin. Das Wesen lag ermattet auf dem Fensterbrett, zwischen zwei Kakteentöpfen.
„Aua, aua, aua, auauaua!…”
„Was ist los?” Patrick überließ Kater und Krähe sich selbst und widmete sich seinem winzigen Gast.
„Was glaubst du denn? Denkst du, es ist spaßig, von einem geflügelten Monstrum angegriffen zu werden?”
„Jetzt sind Sie ja in Sicherheit.”
„Schöne Sicherheit”, nörgelte das Wesen. „Deine Kakteen haben verdammt pikige Stacheln, weißt du das?”
„Ja. Aber es sind gar nicht meine. Es sind Vatis Kakteen.”
„Tut nichts zur Sache. Wir müssen jetzt los.”
„Wovon reden Sie nur?”
„Von der Reise, die wir zusammen unternehmen werden.”
„Ich habe Ihnen schon erklärt, dass ich nicht verreisen will.”
„Aha. Und wieso nicht?”
Patrick zögerte. „Weil … weil ich hier gebraucht werde!”
„So?”, fragte die kleine Gestalt spitz.
„Natürlich! Ich kann doch meine Fernsehprogramme nicht im Stich lassen!”
Die Gestalt rieb sich das Näschen. „Anderswo wirst du wirklich gebraucht.”
Damit konnte Patrick nichts anfangen. „Wer sind Sie eigentlich? Warum sollte ich mit Ihnen verreisen? Und wohin überhaupt? Was hat diese Krähe da draußen gegen Sie?”
„Welche Frage soll ich zuerst beantworten?”
„Ääh … Zuerst: Wer sind Sie?”
„Das ist einfach: Ich bin eine Märchenfee.”
Patrick sah auf das spitzhütige Wesen hinab und fragte sich, wer von ihnen beiden nicht ganz bei Verstand war.
Die Krähe stolzierte vor dem Fenster hin und her wie ein Wachtposten. Bei jeder Kehrtwendung warf sie giftige Blicke hinein.
„Eine Märchenfee?”, wiederholte Patrick.
„Na, was denn wohl sonst?” Die Kleine schritt wütend aus und bemerkte nicht, dass sie in eine Pfütze trat, die vom Gießwasser für die Kakteen zurückgeblieben sein musste. „Huch!”, schrie sie auf, als sie in der Nässe ausrutschte. Sie landete mitten in der Pfütze. „Warum grinst du so? Man kann ja wohl einmal ausrutschen!” Sie stand auf, glitt wieder aus und setzte sich nochmals auf den Allerwertesten. Patrick musste kichern.
„Oder zweimal!”, herrschte ihn die angebliche Fee an. „Hör gefälligst auf zu lachen!” Sie stand unbeholfen auf, ordnete ihre Kleidung und bewegte sich eilig von der Kakteengießwasserpfütze fort. Dabei achtete sie nicht auf ihren Weg und stieß mit der Stirn gegen einen der Blumentöpfe. „Aua! Au – au – au, aua! Hör auf zu lachen!”
Patrick beherrschte sich mühsam, obwohl die Fee mit ihrem vor Wut hochroten Köpfchen wirklich zu komisch aussah.
„Du machst dir keinen Begriff, wie ernst die Lage ist, Patrick!”
„Entschuldigung. Es ist nur so: Vor ein paar Minuten habe ich meiner kleinen Schwester erklärt, dass Märchenfeen blöd sind. Aber ich hatte keine Ahnung, wie blöd sie tatsächlich sind.”
„Vielen Dank!”, gab die Fee zurück. „Ich bin dir sehr verbunden für deine Offenheit.”
Patrick schaute kurz zur Krähe. „Sie hat Sie angegriffen.”
„Das hast du gut beobachtet”, bestätigte die Fee grimmig.
„Was hat sie gegen Sie?”
Die kleine Fee begann ihr Gewand auszuwringen. „Ich denke, sie wollte mich zum Schweigen bringen, bevor ich mit dir reden kann. Du musst wissen: Ich bin mit einem wichtigen Auftrag zu dir unterwegs.”
„Und die Krähe wusste das?”
Die Fee legte eine Wringpause ein und sah Patrick ernst an. „Torturiel hat seine Augen überall.”
Diese Antwort erschien Patrick rätselhaft. Doch ehe er nachfragen konnte, erklärte die Fee: „Dazu kommen wir später. Was siehst du mich so an? Bezweifelst du etwa, was ich sage?”
Patrick verzog etwas den Mund. „Na ja … Ich glaube eigentlich nicht direkt an Märchenfeen.”
„Aha. Nun siehst du aber eine vor dir. Da bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dran zu glauben.”
„Ehrlich gesagt, ich habe mir Feen immer etwas anders vorgestellt.”
„So, wie denn, hä?” Die Fee wirkte etwas beleidigt.
„Hm, vor allem … nicht so mickrig.”
„Mickrig?”, brauste sein Gast auf. „Was glaubst du eigentlich, wen du vor dir hast?!”
Patrick entgegnete: „Ein schimpfendes kleines Etwas, nicht größer als ein Spatz, das sich furchtbar wichtig nimmt und jetzt wütend auf und ab läuft, und das jetzt über den Saum seines rosa Kleides stolpert und jetzt mit der Nase in der Kakteengießwasserpfütze liegt.”
Die Fee prustete das Wasser aus Mund und Nase und stemmte sich hoch. „Soweit hast du vielleicht recht”, gab sie zu. „Es ist wohl an der Zeit, dass ich mich dir in meiner wahren Größe zeige.”
Patrick hob die Augenbrauen. Was sollte das nun bedeuten?
„Gib acht”, befahl die Fee und dann schwang sie die Ärmchen in weiten Bögen. Winzige gelbliche Funken sprühten von ihren Fingerspitzen und formten sich zu einem Schleier, der nach und nach den gesamten Körper der kleinen Fee umwölkte. Patrick wurde Zeuge, wie der Nebelschleier erst zitronengelb zu leuchten begann, dann weizengelb wurde, dann gelbgolden, fast orange, dann mit einem jähen Kurswechsel an die Grenze zum Gelbgrün geriet und schließlich in einer Farbexplosion aller vorstellbarer Gelbtöne gleichzeitig aufstrahlte.
Vor ihm stand eine hoch aufgeschossene, rosa gekleidete Person, die vom Fußboden bis zur Decke das ganze Wohnzimmer ausfüllte. Rosa schimmernde Schatten verdunkelten den Raum, da Hutschleier und Gewandfalten die Fenster verdeckten.
„Aua!”, entfuhr es der Fee, als sie sich den Schädel an der Deckenlampe stieß.
Zu blöd, dachte Patrick und laut sagte er: „Das ist also Ihre wahre Größe?”
Die Riesenfee rieb sich den Kopf. „Unsinn! In meiner wahren Größe bin ich ungefähr so groß wie du. Ich brauche einfach noch einen zweiten Versuch; einen Augenblick Geduld, bitte!”
Aus den riesenhaften Fingerspitzen stoben große, grellgelbe Zauberfunken. Sie knisterten wie elektrische Entladungen. „Au!” Die Fee lutschte an ihren verbrannten Fingern. „Verwünschtes Zauberzeug!”
Patrick brachte sich vorsichtshalber hinter seinem Fernsehsessel in Sicherheit, als erneut große Funkenwolken aufwaberten. Mit einem Seitenblick auf den Bildschirm nahm er eine wilde Schießerei zwischen zwei Gangsterbanden wahr.
Die Riesengestalt schrumpfte und Sonnenlicht konnte wieder durch die Fenster eindringen. Doch Patrick spürte, wie ihn etwas mitsamt dem Fernsehsessel beiseiteschob, und er nahm auch wahr, dass der Esstisch und ein paar Stühle, sogar der Teppich von einer wogenden Masse weggedrängt wurden. Eine Blumenvase krachte zu Boden.
Die Krähe starrte mit ihren Katzenschlangenaugen durch die Fensterscheibe herein.
„Also, zur Hälfte stimmt’s jetzt”, erklang die Stimme der Fee nicht mehr von oben wie eben, nicht mehr von unten wie vorher, sondern aus einer mittleren Höhe. Patrick lugte über die Lehne des Sessels.
Dort stand die Fee.
Sie war tatsächlich ungefähr so groß wie er.
Allerdings war sie so breit, dass sie von einer Wand des Wohnzimmers zur anderen reichte.
Patrick blickte sie zweifelnd an und die Fee sah erst nach links, dann nach rechts, wo die Fettmassen ihres Körpers sich gegen die Tapeten schmiegten.
„Hm”, meinte sie selbstkritisch. „Ich brauche wohl noch einen dritten Versuch.”
Patrick zog seinen Kopf ein, als wieder Zauberfunken aufblitzten. Sobald sich der gelbe Sturm gelegt hatte, spähte er vorsichtig über die Sessellehne und erblickte eine Fee, die nicht mehr dick, sondern nur ein wenig vollschlank und tatsächlich ein bisschen kleiner als er, aber größer als Jessika war.
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