Jessika bekam mit, wie Patrick hinter ihr die Wohnzimmertür ins Schloss drückte, und hörte auf zu hüpfen. Sie drehte sich um. Die Tür war zu. Ihr Bruder hatte sie ausgesperrt. Immer wollte er allein sein und fernsehen! Dabei konnte man doch so viele andere Dinge erleben! Draußen herumtoben, über Wiesen laufen, Wolken anschauen, Käfer zählen … Patrick lebte in einer ganz anderen Welt als sie und er lebte wohl gern dort. All seine Fernsehabenteuer, die vielen Bilder, das Tempo … Jessika überlegte, wer von ihnen beiden wohl in der richtigen Welt lebte. Sie wusste so wenig von dem, was Patrick sein Fernsehen bedeutete. Und umgekehrt hatte Patrick bestimmt keine Ahnung, was es außerhalb der Glotze zu entdecken und zu erleben gab. Sie war überzeugt, dass ihrem Bruder vieles entging.
Man müsste …
Jemand müsste …
Patrick müsste …
Jessika ging nachdenklich weiter, durch die Diele, durch die Hintertür, dann abwärts über die drei Unkrautstufen, wie Mama sie bezeichnete. Jetzt stand sie auf der Rasenfläche vor dem Gartenzaun. „Märchen sind blöd”, hatte Patrick behauptet. Jessika drückte die Klinke und schob die sperrige Gartentür auf. Ein Paradies von Büschen, wild wuchernden Blumen, hoch aufgeschossenen Sträuchern und duftenden Wildkräutern lag vor ihr. Vögel zwitscherten, Heuschrecken zirpten. Jessika schaute, schnupperte und lauschte. Patrick kam nur selten in den Garten, sie aber war bei gutem Wetter jeden Tag hier und oft auch bei Regen oder Schnee, wenn Pfützen oder Eishügel die Landschaft in ganz andere Zauberreiche verwandelten. Jessika liebte alle Jahreszeiten und genoss die Veränderungen in ihrer Gartenwelt. Der Garten war herrlich verwildert und Jessika hoffte, dass das auch so bleiben würde. Manchmal hörte sie, wie Mama von „stutzen”, „freischneiden”, „rausreißen” und „auslichten” sprach, und bei solchen Ausdrücken befürchtete sie das Schlimmste. Doch zum Glück hatte Vati nie große Lust auf Gartenarbeit. Ihm genügten seine vier Kakteen auf dem Fensterbrett, die er ab und zu goss und ihnen ansonsten beim Wachsen zusah. Und so gedieh der Garten vor sich hin und verschaffte Jessika die aufregendsten Entdeckungen.
Ein Eichhörnchen huschte vorüber, kletterte in den alten Apfelbaum und hockte sich in eine Astgabel. Mit blanken Äuglein schaute es zu Jessika herüber.
„Wie südlich!”, sagte Jessika. Dann lächelte sie zufrieden. Sie sagte gerne „wie südlich”, wenn sie fand, dass etwas südlich war. Patrick fand das Wort blöd, das wusste sie, aber Patrick fand vieles blöd, und außerdem war es ihr Wort, denn sie hatte es selbst gefunden, weil sie eine gute Wörterfinderin war. Vati hatte sie einmal so genannt, als sie eins ihrer prächtigsten Wörter gefunden hatte. Er meinte zwar „Worterfinderin” und nicht „Wörterfinderin”, aber Jessika war überzeugt, dass es Wörter schon gab, dass sich aber manche versteckt hielten und nur ab und zu neugierig hervorlugten, ob da wohl jemand käme, um sie aufzustöbern. Jessika war ziemlich gut im Aufstöbern und deshalb betrachtete sie sich als Wörterfinderin. Das Wort „südlich” zum Beispiel hatte sie gefunden, als Dr. Katz sich ganz eng in einer offen stehenden Schublade zusammengerollt hatte und dort eines seiner ungefähr siebzehn täglichen Mittagsschläfchen hielt. Jessika war entzückt gewesen und wollte gleichzeitig „süß” und „niedlich” sagen und das geriet ihr zu „südlich” und wie immer, wenn sie ein Wort gefunden hatte, das ihr gefiel, behielt sie es. Auf diese Weise wuchs und wuchs ihr Wortschatz und Jessika fühlte sich wie eine Königin, wenn sie an diesen Schatz dachte. Reichtum, das bedeuteten für Jessika Wörter, Tiere, Pflanzen, eben Sachen, die es wert waren, dass man sich mit ihnen beschäftigte.
Das Eichhörnchen hatte genug gesehen und kletterte in höhere Regionen des Apfelbaums. Jessika überlegte, was sie als Nächstes entdecken wollte.
Ob wohl das große Spinnennetz noch da war? Neugierig guckte Jessika hinter einen Fliederbusch. Tatsächlich, da hing das feingesponnene Kunstwerk. Die Spinne schien nicht zu Hause zu sein, aber Jessika hätte nichts dagegen gehabt, die kleine achtbeinige Bewohnerin zu betrachten. Früher hatte sie sich vor Spinnen gegruselt, aber das war, als sie noch klein gewesen war – heute wusste sie, dass Spinnen so gut und wichtig wie alle anderen Tiere waren und ein Teil der Natur, und deswegen musste es schon in Ordnung sein, dass es sie gab. Außerdem konnten sie so wundervolle Netze bauen. Wie es wohl sein mochte, in einem Netz zu wohnen? Jessika überlegte, ob es schwierig war, sich auf den dünnen Fäden zu bewegen. Kitzelte es an den Füßen, oder war es klebrig? Konnte man ausrutschen, wenn das Gewebe nass geworden war? Sie erinnerte sich, dass sie dieses Spinnennetz einmal Patrick gezeigt hatte, weil viele kleine Tautropfen darin hingen und herrlich glitzerten, wie Perlen auf einer Schnur. Aber ihr Bruder hatte nur einen kurzen Blick auf dieses Wunder geworfen und etwas wie „Ganz nett” gemurmelt. Dann hatte er sich ins Haus zurückgezogen, wahrscheinlich vor den Fernseher.
Jessika sah zu dem großen Stein an der Hecke hinüber. Sie stellte sich gerne vor, dass dahinter winzige Elfen wohnten. Manchmal, wenn sie sehr lange und geduldig hinspähte, konnte sie beinahe eine klitzekleine Bewegung eines gläsern schimmernen Elfenflügels sehen. Oder in dem knorrigen Baumstumpf am Rosenbusch – waren die tiefen Einkerbungen nicht Hinweise auf Schlupflöcher von Kobolden oder Zwergen? Möglich war alles.
So, Märchen sind also blöd?, dachte Jessika trotzig. Patrick, du müsstest nur mal – … Und, übrigens, Feen sind auch nicht blöd, denn von Feen bekommt man drei – …
Jessika stand ganz still auf dem Rasen und überlegte angestrengt. Nach und nach nahm in ihrem Kopf eine Idee Gestalt an.
Sie streifte ihre Schuhe ab und ging barfuß ein paar Schritte auf die Wiese. Zitronenfalter und Kohlweißlinge umschwirrten die Gänseblümchen. Jessika setzte sich in ein duftendes, weiches Kleefeld und zupfte nachdenklich an den Grashalmen.
Und wenig später vertraute sie ganz leise dem ersten Käfer, der vorbeikam, ihre Idee an.
In Patricks Rücken war ein Fensterflügel geöffnet, der andere geschlossen. Aus der Ferne war das Gejohle der Jungs auf dem Fußballplatz zu hören. Jemand kürzte mit einem ratternden Rasenmäher seine Wiese. Es war ein typischer Sommertag, an dem von dort draußen nichts Aufregendes zu erwarten war, jedenfalls nichts, was mit dem mithalten konnte, was der Fernsehapparat zu bieten hatte. Ein paar kleine Vögel – Spatzen und Kohlmeisen – flatterten draußen umher. Manche wagten sich sogar bis auf die schmalen Fensterbänke an der Außenwand des Hauses. Sie pickten Samen oder Körner auf und machten mit ihren Schnäbeln abgehackte, leise Geräusche: pick – pick – pickpick – …
Patrick konzentrierte sich auf den Kampf der Raumschiffe, der auf dem Bildschirm tobte. Ihre Strahlenwaffen verursachten aufregende Laute: bäng! – ziiiiuofff! – tschacktschacktschack! – djunggg!…
Pick – pickpick – pickpickpick – …
Doing! – pradderratz! – katschunka! – rrrrrsssst!…
Plonk.
Patrick stutzte. Plonk? Das war ein komisches Geräusch gewesen. Was hatte ein Plonk in einer Weltraumschlacht zu suchen? Er warf einen kurzen Blick zum Fenster und lauschte nach dem Picken der Vögel, aber zwei oder drei von ihnen glotzten ihn unschuldig an, als wollten sie sagen: Nö, also, wir war’n das nu aber nich!
Und dann hörte er ein leises Jammern: „Au, au, au! … Aua, aua! … Au, au, au, aua, aua, aua!…”
Obwohl gerade eins der Raumschiffe in Bedrängnis geriet, drehte Patrick seinen Kopf wieder in Richtung Fenster.
Nichts war zu sehen.
Doch das Gewimmer erklang erneut. „Aua, aua, aua, verwünscht nochmal, aua!…”
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