Er schrie sein Entsetzen heraus, wandte den Kopf panisch hin und her, versuchte den Eindringling zu erkennen. Vergeblich.
Seine Fragen blieben ohne Antwort. Verzweifelt ruckte und riss er an der Fessel, versuchte seine Arme unter dem Gurt hervorzuziehen, stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Ohne nennenswerten Erfolg. Die Arme wurden von den Seitenwangen des Sessels an seinen Körper gepresst, er konnte sie nur wenig drehen und nach oben ziehen.
Seine Gedanken schoben sich im Kopf übereinander, hastig, fieberhaft, während er weiterhin seine Arme drehte. Es war mal Teil seines Berufes gewesen, Gewalttäter durch Gespräche von ihren Vorhaben abzubringen. Er suchte nach einer Möglichkeit, einem Gesprächsanfang.
Die Angst war stärker. Er war alleine im Haus, es würde niemand kommen. Er war ausgeliefert. Geld. Die wollten ja nicht ihn, die wollten Geld, Werte.
„Hören Sie. Ich habe Geld. Nehmen Sie das Geld!“
Er horchte, geradezu verzweifelt. Hoffte im Strom der Musik eine Antwort zu erkennen.
„Verdammt nochmal, sagen Sie etwas. Wenn Sie Geld wollen, ich habe genug im Haus. Und wenn Sie noch etwas anderes wollen, dann nehmen Sie sich das. Nehmen Sie sich, was Sie wollen, aber lösen Sie endlich den Gurt.“
Nur das „ Dies irae, dies illa “ erfüllte mächtig den Raum.
Es musste doch etwas geschehen. Sein Blick hetzte herum, blieb kurz an der brennenden Kerze hängen. Die waren hinter ihm, und die bewegten sich nicht. Die rissen keine Schubladen aus den Schränken, wühlten nicht herum. Er hörte nichts.
Plötzlich war er sich sicher: Die hatten es auf ihn abgesehen. Auf sein Geld vielleicht auch, aber zuerst ging es um ihn. Ein Patient!
Für einen Augenblick saß er ganz still, versuchte mit äußerster Konzentration irgendetwas zu hören, zu erkennen. Aber lediglich das „Dies irae“ umtoste ihn. Er hielt das nicht aus.
„Jetzt reden Sie! Sagen Sie etwas! Was wollen sie?“ Er schrie jetzt, schrie endlich mit sich überschlagender Stimme. Schrie in die Stille hinein – als das Requiem abrupt aussetzte.
Er bog den Kopf weit in den Nacken, sah dorthin, wo er den Eindringling vermutete. Vergebens. Er wandte den Kopf panisch hin und her, bis sich der Bügel seiner Brille vom linken Ohr löste. Die Brille hing ihm quer über das Gesicht. Er hielt inne, einen winzigen Augenblick, schleuderte sie dann mit einer einzigen, wilden Bewegung ins Dunkle und wartete darauf, dass etwas geschah.
„Wir wollen dich, Stocher, nur dich. Es ist nicht dein Geld, was uns interessiert, Dr. Werner Stocher. Dein Geld ist uns vollkommen gleichgültig. Du selbst bist das Ziel, Dr. Werner Stocher .“
Die Stimme war hinter seinem Sessel. Ganz nah. Er spürte, dass er zitterte und verlor wieder die Kontrolle.
„Ich bin kein Ziel! Für niemanden. Sie reden Unsinn. Hören Sie auf!“ Das Letzte schrie er schon wieder, beugte dann langsam den Oberkörper vor, als habe er Schmerzen: „Ich bin Dr. Robert Snelting. Ich heiße nicht Stocher, und ich kenne keinen Stocher.“
„Das musst du wohl sagen. Aber gib dir keine Mühe. Wer dich kennengelernt hat, Dr. Werner Stocher, den kannst du nicht täuschen. Der wird dich immer erkennen. Und wir beiden, du und ich, wir hatten jeden Tag miteinander zu tun. Ich würde dich auch noch im Dunkeln erkennen.“
Die Stimme war direkt hinter und über seiner Sessellehne. Er suchte in seiner Erinnerung, die Stimme kannte er nicht. Er zitterte jetzt am ganzen Körper.
„Sie sind krank. Irre! Sie faseln dummes Zeugs“.
Abrupt hielt er inne.
„Wer sind Sie? Kommen Sie endlich vor und beenden Sie dieses alberne Theater.“
„Du irrst, Stocher. Das hier ist kein Theater, und albern ist das schon gar nicht.“
„Natürlich ist das albern! Hören Sie endlich auf mit diesem Unsinn! Ich will …“
Sein Schreien wurde jäh und stark unterbrochen.
„Schweig jetzt! Schweig! Was du hier erlebst, ist nicht weniger als der Beginn deines allmählichen Untergangs, Stocher. Wir wollen nicht dein Geld und nicht dein Leben, aber wir werden das Leben, in dem du jetzt so komfortabel lebst, zerstören.“
„Zerstören? – Sie sind ja wahnsinnig. Ja, Sie sind wahnsinnig. Jeden Tag habe ich mit Menschen zu tun, die solche Phantasien haben. Ich kenne das.“ Die Angst ließ ihn erneut losbrüllen, „Sie sind krank. Entfernen Sie sofort den Gurt.“
„Stocher, höre auf zu schreien. Ich bin genauso wenig wahnsinnig wie du. Und deshalb schleppe ich dir jetzt deine Vergangenheit hinterher.
Als du am 2. Juli 1990 aus Waldheim verschwunden bist, da warst du noch Dr. Werner Stocher, Chefarzt der Neurologie und Psychiatrie in der Klinik in Waldheim und Oberst der Stasi in Personalunion. Und als du dich am 3. Juli 1990 in Berlin angemeldet hast, da hast du das mit Ostpapieren als Dr. Robert Snelting getan. Du bist einfach ein gewissenloser und gerissener Halunke. Ein Ganove und nichts anderes.“
„Ich…“ Er war kurz davor, sich selbst zu verlieren, ballte die Fäuste, kniff die Augen fest zusammen. „Hören Sie endlich auf. Ich kann und ich will dieses wirre Zeugs nicht mehr hören. Ich bitte Sie jetzt: Hören Sie mit diesem Unsinn auf und lösen Sie den Gurt.“ Er sprach betont ruhig, saß weit vorgebeugt in seinem Sessel und bekräftigte jedes Wort durch ein betonendes Nicken mit dem Kopf: „Hören Sie endlich auf!“
Die Stimme war jetzt ganz nah, direkt über ihm. Er kniff die Augen zusammen, wartete auf eine Berührung, einen Schmerz.
„Es wird nie mehr aufhören. Ab heute, Stocher, ab heute sind wir dir immer ganz nah. Wirklich immer. Wir werden dich nach und nach entzaubern, bis kein Hund mehr einen Knochen von dir nimmt.
Nur darum ging es heute. Du sollst wissen, warum dir das alles passiert, was da auf dich zukommt.“ Bei den letzten Worten entfernte sich die Stimme über ihm, kam dann aber noch einmal zurück, ganz nah an ihn heran:
„Übrigens, du hättest die Musik nicht passender wählen können: „Dies irae, dies illa“, Tag des Zornes . Wenigstens da hast du Stil. Und jetzt sieh´ man zu, wie du da aus deinem Sessel kommst.“
Das Requiem setzte kraftvoll dort wieder ein, wo es zuvor unterbrochen wurde.
Verstört, tiefgründig erschüttert saß er einen Augenblick nur da. Immer noch vorgebeugt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Ganz langsam dann sickerte es durch seine Angstbarriere: Er war enttarnt. Das war kein Bluff, der Kerl hatte Faktenwissen. Er war aufgeflogen, und sie würden ihn mit seiner alten, abgenutzten Identität an die Öffentlichkeit zerren. Er wusste nicht, wer „sie“ waren, aber er war sich jetzt sicher: Sie meinten es ernst.
Geradezu verzweifelt jetzt zerrte er an seinem Gurt, stemmte sich mit den Füßen auf dem Boden ab, riss mit seinem Körper vorwärts, seitwärts. Hielt unvermittelt inne:
„Sind Sie noch da?“ Er lauschte, aber das Requiem überlagerte jedes Geräusch. Und es bohrte sich jetzt druckvoll von allen Seiten in seinen Kopf, quälte unablässig den Rest seiner Nervenkraft. Etwas links von ihm und nur eine Beinlänge von seinem Sessel entfernt, flackerte die Kerze, unruhig jetzt.
Was als Entspannung gedacht war, trieb ihn auf einen Nervenzusammenbruch zu. Er schrie noch einmal: „Sind Sie noch da? Lösen Sie den verdammten Gurt.“
Er wartete gespannt, horchte mit geschlossenen Augen. Nichts geschah. Er ließ sich zurückfallen, resignierte, fiel einen Augenblick spannungslos in sich zusammen. Dann raffte er sich wieder auf.
Er musste handeln. Es musste einen Weg geben, diese Irren aufzuhalten. Aufgeben war jedenfalls keine Option.
Es war genau zweiundzwanzig Uhr achtundvierzig, als er kopfüber aus dem Sessel auf den Boden fiel. Seine Armgelenke waren aufgescheuert, seine geöffnete Hose hing ihm unter den Knien, aber er hatte es geschafft. Einen Atemzug lang verharrte er mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen auf Händen und Knien, atmete schwer. Als er die Augen öffnete, entdeckte er eine Armlänge entfernt die Fernbedienung für das Audiogerät und noch einmal eine Armlänge entfernt vor einem Bücherregal seine Brille. Hastig reckte er sich, riss die Bedienung an sich, ebenso seine Brille und beendete den zweiten Durchlauf des Requiems.
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