Rudi nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, sah ruhig hinaus auf den Bodden, auf dem der Fischkutter nicht mehr zu sehen war.
Nach einer ganzen Weile dann, ohne die Haltung zu verändern, „ich kann dich nur zu gut verstehen, Erik. Ich war in Kiel. Ich habe ihn von seiner Villa wegfahren sehen, in seinem schwarzen Mercedes. Erschießen hätte ich den können. Ohne Skrupel ein ganzes Magazin in diesen korrupten Körper jagen. Ich hätte es nur zu gern getan und bin bald wahnsinnig geworden an der Unmöglichkeit, das auszuführen. Wir können das nicht tun. Was soll dann aus Kathrin werden? Sie kommt auf dieser Welt nicht mehr alleine klar. Es geht nicht, Erik.“
„Wir müssen ihn ja nicht gleich erschießen. Der Kerl hat gegen Gesetze verstoßen. Wir schicken ihm den Polizeiapparat auf den Hals. Wir verklagen ihn.“
„Wenn das so einfach wäre, warum habe ich das dann wohl nicht getan? Hältst du mich für so blöd oder nur für so alt?“ Rudi wandte ihm kurz das Gesicht zu, sah dann wieder hinaus. „Die Anzeige kannste noch aufgeben. Danach wirste durch einen ganz alltäglichen Verkehrsunfall oder auf andere Art aus der Angelegenheit entfernt. Ich weiß, dass es genau so läuft, Erik. Und das glaub mir jetzt und gib den Kerl auf.“
Er kramte seine abgegriffene Pfeife wieder aus der Jackentasche, stopfte mit seinem kleinen Finger im Pfeifenkopf herum, setzte den Tabak mit einem Streichholz in Brand und sog einige Male an der Pfeife, bis sie zuverlässig gleichmäßig rauchte.
„Wie bist du dem Ganoven überhaupt auf die Spur gekommen? Kann ja nicht ganz einfach gewesen sein.“
„Ich habe ihn auf einem Foto erkannt. Er ist im Juni in Kiel geblitzt worden und ich habe zufällig den Bußgeldbescheid in die Hände bekommen. Das Auto gehörte zwar jemand anderem, aber er saß am Steuer. Außerdem habe ich einige Tage mit der Frau, mit der er zusammenlebt, in Schweden unter einem Dach gelebt. Es war das Zusammensetzen eines Puzzels.“
„Weiß die Teisch jetzt, wer du bist?“
„Nein. Natürlich nicht. Aber Rudi, ich wüsste jetzt gerne mal, woher du alle diese Informationen hast. Die stehen nicht in der Zeitung. Rudi, du hast Insiderwissen. Woher?“
„Wissen Helga und Kathrin schon etwas?“
„Rudi, ich habe dich gerade etwas gefragt. Woher hast du all diese Informationen? Du bist nicht der Neugierige, bist kaum unter Leuten, du wohnst hier in Greifswald, weit ab vom Schuss, aber du bist informiert. Woher hast du diese Informationen?“
Rudi stand ruhig auf, streckte sich, nahm seine Pfeife aus dem Mund und klopfte durch einen kurzen, harten Schlag auf die Handfläche die Asche aus dem Kopf.
„Ich habe sie halt.“ Er steckte die Pfeife wieder in seine Jackentasche, nahm die leere Bierflasche, hielt Erik die Hand hin, um auch dessen Flasche mit ins Haus zu nehmen. „Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Wichtig ist, dass du den Frauen nichts erzählt hast.“
„Dann sind wir beiden jetzt also Geheimnisträger, jeder für sich. Ist das wie in alten Zeiten?“
Rudi ging einfach weiter, brachte die Flaschen ins Haus und kam wieder heraus. Einen Atemzug lang blieb er in der Tür stehen, abschätzend, das Kinn leicht vorgestreckt, den Mund geöffnet, als wolle er etwas sagen. Dann löste er das Bild auf. Strich mit Daumen und Zeigefinger über seinen Schnauz, trat ganz heraus und schloss die Tür.
„Gehen wir. Und kein Wort von alledem zu Hause.“
Auf dem Weg zurück redeten sie nur wenig miteinander. Rudi wirkte angespannt und schnaufte, während er sein Fahrrad am Fluss entlang nach Hause schob.
Helga erkannte sofort, dass etwas nicht so war wie sonst. Ihr Blick traf Rudi nur ganz kurz und bohrte sich dann in Eriks Augen. Es war nicht möglich, vor Helga etwas zu verbergen. Er musste sich eine gute Ausrede einfallen lassen.
In den nächsten Tagen saß Helga ihm im Nacken, wann immer er in ihre Nähe kam. Er begann, ihre Sanftheit zu hassen, mit der sie ihn umgarnte. Gleichzeitig kam er sich schäbig vor, aber Rudi hatte recht: Der Stocher durfte hier kein Thema sein.
Am Dienstagmorgen dann konnte er ihr nicht mehr ausweichen.
Kathrin hatte Rudi gebeten, bei der „Tafel“ ein Regal zu reparieren, wodurch beide von einem Moment zum anderen aus dem Haus waren. Damit war er Helga ausgeliefert, und er tischte ihr mit Unbehagen seine Ausrede auf. Er erzählte ihr, dass er eine größere Investition plane, von der Kathrin aber besser nichts erfahren sollte. Es würde sie nur beunruhigen, und sie würde sich wieder Sorgen machen. Aber er habe Rudi um Rat gefragt. So, wie er es immer gemacht habe.
Helga sah ihn einen Atemzug lang fest an. Schweigend. Alle Sanftheit war aus ihrem Gesicht gewichen. Die weiße Haarsträhne hing ihr wieder im Gesicht. Sie wirkte verletzt.
Sie stützte sich auf dem Tisch ab, drückte sich langsam vom Stuhl hoch, nahm seine Tasse und wandte sich zur Spüle.
„Du magst sicher keinen Kaffee mehr.“
Am Nachmittag verließ er Greifswald mit dem Gefühl, die Menschen verletzt zu haben, die ihm am nächsten standen.
Er fuhr zurück, Richtung Kiel, nicht nach Hamburg.
Kiel, Mittwoch, 28. September, 21.30 Uhr.
Es kam Wind auf, der kühl vom Meer hereinblies.
Dr. Robert Snelting, angesehener Neurologe und Psychiater, befand sich um diese Zeit im Lesezimmer seines Hauses, einem länglichen Raum mit Parkettfußboden, einem dicken Teppich und Bücherregalen aus Kirschholz an den Wänden. Im hinteren Bereich des Raumes, nahe bei den großen Fenstern, bildeten ein Lesesessel aus braunem Leder und ein kleiner Tisch eine einladende Leseinsel. Eine ebensolche Leseinsel befand sich im vorderen Teil des Raumes, in Reichweite einer modernen Audioanlage.
Robert Snelting nutzte diesen Raum eher selten. War er nicht in der Klinik, so folgte er gesellschaftlichen oder beruflichen Verpflichtungen außerhalb seines Hauses. Den größten Teil der etwa zweitausend Bücher, die sich in den Regalen befanden, hatte er sich beim Bezug dieses Hauses von einem Buchhändler liefern lassen. Allenfalls ein halbes Dutzend davon hatte er selbst gelesen. Dennoch hatte dieser Raum eine ganz besondere Bedeutung für ihn. Er war so etwas wie eine Höhle, in die sich der Dreiundsechzigjährige einmal in der Woche, und zwar immer mittwochs, zurückzog. An diesen Abenden war er unerreichbar für jeden.
Auch diesen Mittwochabend genoss er alleine in seinem Ledersessel, mit einem guten Rotwein und anspruchsvoller Musik.
Wie immer, auch im Sommer, waren die Fenster abgedunkelt, auf einem massiven Messingständer brannte eine armdicke Kerze, und das „ Kyrie “ aus dem Requiem von Mozart erfüllte jeden Winkel des Raumes.
Für ihn hatten diese Abende einen geradezu sakralen Charakter. In einer Welt, die er sich selbst geschaffen hatte, war er dann ganz bei sich. Eine Störung gestattete er niemandem.
Das „ Kyrie “ war gerade verklungen, und Robert Snelting wartete mit geschlossenen Augen auf den furiosen Beginn des „ Dies irae, dies illa “, als sich aus dem Dunkeln heraus etwas rasch über ihn senkte. Er spürte die Veränderung, fuhr hoch, wurde aber im gleichen Augenblick grob und unnachgiebig in seinen Sessel gepresst. Ein Gurt straffte sich unterhalb seines Brustbeins, zwang ihn an seinen Sessel, machte ihn wehrlos, und mit dem Beginn des „ Dies irae “ schrie er sein Erschrecken, seine Angst heraus.
Ein Überfall! Er war alleine im Haus. Der Gedanke füllte seinen Kopf, verdrängte alles andere. Im nächsten Augenblick ruckte er wild in seinem Sessel herum, versuchte den Gurt zu lösen und spürte, wie dieser sich noch fester um seinen Körper straffte. Er war ausgeliefert.
„Was soll das? Verdammt nochmal, was soll das? Was wollen Sie?“
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