Aus all diesen Gründen musste Rudi erfahren, dass es diesen Stocher noch gab. Dass er sich heute vermutlich in Kiel aufhielt und dass er dort lebte wie die Made im Speck. Ihm zu allererst würde es ein Bedürfnis sein, dieser Made den Speck zu versalzen. Und damit waren sie schon zu zweit.
Als er an Wismar vorbeifuhr, hörte es auf zu regnen. Die Straße war absolut trocken und die Bereiche neben der Straße hätten gut einen kräftigen Schauer gebrauchen können. Er blickte in den Rückspiegel, sah die dunklen Wolken hinter sich, im Westen.
Sein Smartphone summte. Kai!
„Hallo, bist du noch in Schweden?“
„Ich bin auf dem Weg nach Greifswald und fahre gerade auf Rostock zu.“
„Sieh an. Da kommst du ja ganz schön rum in der Welt. Hier wartet man übrigens auf deine Reportage. Verlier die nicht aus den Augen, bei deinen Familien-Projekten.“
„Ich verliere nie etwas aus den Augen, aber ich musste den Artikel ziemlich aufpolieren. Ihr habt den Text morgen auf dem Server.“
„ Aufpolieren? – Hört sich nicht gut an.“
„War auch nicht gut. War eine Katastrophe. Mir ist meine Primärquelle mitsamt einer Pizzeria um die Ohren geflogen. Wäre ich zum verabredeten Zeitpunkt im Lokal gewesen, würde ich dich jetzt vielleicht als Engelchen umkreisen.“
„Interessante Vorstellung. Warst du vor Ort, als die Bude hochging?“
„Ich habe davor gewartet, weil mir die Sache nicht koscher erschien. Und plötzlich ging das Ding hoch. Noch nie in meinem Leben habe ich solch eine Panik gespürt. Und: Nein. Ich habe diese Sache nicht konkret in meiner Reportage verwendet. Ich war zu hautnah dran.“
„Sollten wir doch immer sein.“
„Ich war aber noch näher dran, hautnah – Stichwort Anneke Berg. Du erinnerst dich vielleicht.“
„Jaaa, das war die Frau, die dir erzählt hat, sie handelt mit Sexspielzeug, die aber in Wirklichkeit mit Handgranaten um sich wirft. Okay Erik. Wir reden noch mal darüber, wenn deine Reportage auf dem Tisch liegt. Vielleicht kann man diese Sache doch noch verwenden.“
„Kai, das war keine Abrechnung unter Gangstern. Dahinter steckt eine ziemlich hohe Hausnummer. Haltet mich da aus der Schusslinie.“
„Okay. Lassen wir das jetzt so stehen. Zu deinem ödipalen Drama: Vielleicht sind wir schon fündig geworden.“
„Aha. Wer ist wir?“
„Ich habe Ullas Hilfe in Anspruch genommen. Ist ja ihr Beruf, herauszufinden, wie solche Ganoven ticken. Hast du was dagegen?“
„Wie sollte ich. Ich denke, das ist eine gute Idee.“
„Also, die erste Erkenntnis: Ulrike Teisch lebt in fester Lebensgemeinschaft mit einem Dr. Robert Snelting in der Bismarckallee in Kiel. Nicht mit Werner Stocher.“
„Klar. Wäre wohl auch zu einfach gewesen.“
„Es ist einfach, Erik. Kein Mensch lebt und verschwindet hier spurlos.
Ulla ist runtergetaucht in die Melderegister und hat sich da mal auf die Spur von diesem Snelting geklemmt.“
„Wow. Was deine bezaubernde Ulla so alles kann.“
„Werde ich dir hier nicht auf die Nase binden. Tatsache ist, dass Ulla gar nicht suchen musste. Bei genauem Hinsehen ist diese Snelting-Spur sofort auffällig. Pass auf:
Der Kerl hat sich 1990, am 06. August, mit festem Wohnsitz in Kiel angemeldet. Abgemeldet hat der sich zuvor am 03. August in Berlin.“
„ Berlin . Kai, mein Vater hat nicht in Berlin gelebt. Nie!“
„Der Snelting ja. Und zwar auf den Tag genau einen Monat.
Der hat sich am 03. Juli mit Ostpapieren in Berlin angemeldet. Am 03. August hat der seine Westpapiere bekommen und – hat sich umgehend wieder in Berlin abgemeldet. Am 06. August taucht der dann in Kiel wieder auf. Also, mich macht das schon ein wenig skeptisch. Der Snelting hätte ja gleich nach Kiel durchfahren können – oder?“
„Konntet ihr schon herausfinden, wo der Snelting gelebt hat, bevor der nach Berlin gekommen ist? Wo war der im Osten registriert?“
„Das ist die Schlüsselfrage. Hier versandet die Spur. Aber Ulla versucht alles. Vielleicht findet sie ihn ja noch. Immerhin war im DDR-Regime ja jeder und alles peinlich genau registriert. Irgendeine Spur muss es von dem geben.“
„Kai, tu mir einen Gefallen und schick mir mal diesen chronologischen Ablauf. Ich will mir den noch mal in Ruhe ansehen. Gibt es eigentlich keine Fotos von diesem Snelting? “
„Das ist auch so eine Sache, Erik. Von dem gibt es aus der gesamten Zeit von 1990 bis 2016 k ein einziges öffentliches Foto. Nirgendwo. Das ist doch mehr als ungewöhnlich, oder?
Normalerweise wachsen diese Weißkittel an Größe und Wichtigkeit, wenn sie ein Presseobjektiv auf sich gerichtet sehen. Der Snelting muss sich richtig angestrengt haben, um nur ja nicht vor ein Objektiv zu laufen.
Überleg mal: Der hat 2010 eine Privatklinik eröffnet. Alle Blätter haben mit Bild über diese Eröffnung berichtet. Ich meine: Die Klinik und das Team wurden in einem großen Foto vorgestellt. Aber den Snelting, den Besitzer und Leiter der Klinik, den suchst du auf diesem Foto vergebens. Der Kerl will einfach nicht, dass er gesehen wird. Also, kein Foto.“
…
„He, Erik? Bist du noch da?“
„Bin ich, aber das musste ich gerade erst einmal verdauen: Der Kerl ist Klinikinhaber? Das ist ungeheuerlich, Kai.“
„Langsam. Du weißt ja überhaupt noch nicht, ob dieser Dr. Snelting und der Stocher die gleiche Person ist.“
„Zweifelst du wirklich daran? Dieses ganze Verwirr- und Versteckspiel von diesem Snelting passt doch zu all den anderen Puzzlesteinen, durch die ich überhaupt auf seine Spur gekommen bin.
Aber es stimmt schon; das alles beweist noch gar nichts. Verdammter Kerl. Wir werden das schon noch rauskriegen. Übrigens habe ich Ulrike Teisch näher kennengelernt. Ich habe also schon damit begonnen, ihm etwas zu nehmen, falls...“
„Vorausgesetzt, der merkt das vorerst nicht. Auch wenn der Kerl öffentlichkeitsscheu ist, der ist in Kiel und darüber hinaus sehr gut vernetzt. Seinen Namen findest du eigentlich bei allen Clubs und Organisationen mit Rang und Einfluss. Ärztegemeinschaften, Rotarier, Bruderschaft, Wirtschaftsclub, Segelclub und dann habe ich noch eine Gemeinschaft gefunden, deren Sinn und Zweck ich noch nicht ganz verstehe. Aber immerhin, er ist kein kleines, unbekanntes Tier. Bedenke das, bevor du dich noch einmal zu seiner Frau aufs Lager legst.
So, mein Lieber, vergiss die Reportage nicht. Wir sehen uns nächsten Donnerstag beim Griechen, oder?“
„Kai, ich danke dir. Wir sehen uns. Und sende mir bitte das Foto von der Klinikeröffnung mal mit.“
Eine Viertelstunde später hatte Erik den zeitlichen Ablauf, in dem sich dieser Snelting in Berlin an- und abgemeldet und dann in Kiel wieder angemeldet hatte und das Foto auf seinem Smartphone. Er mochte sich das nicht ansehen während der Fahrt und bog bei Tessin ab auf einen Parkplatz. Rollte dort an mehreren polnischen LKWs vorbei und fürchtete schon, keine freie Parkbucht mehr zu finden. Schließlich parkte er seinen BMW fast in der Ausfahrt, stieg aus, schlenderte einige Schritte hinüber zu einer Sitzgruppe und lehnte sich dort gegen den Betontisch.
Das Foto war Teil eines Berichts über eine Klinikeröffnung 2010 in Kiel. Es zeigte das Behandlungsteam der Klinik vor deren Eingang. Alle 17 Mitglieder dieses Teams trugen weiße Hosen und meerblaue Polohemden und im Gesicht ein gewinnendes Lächeln.
Er zog das Foto ein wenig auseinander. Zoomte das Team nah heran, sah sich die Gesichter der einzelnen Personen genau an; der Stocher war tatsächlich nicht darunter.
Erik sah hinüber zur Autobahn, auf der in rascher Abfolge die Fahrzeuge durch sein Blickfeld jagten, ohne dass er sie wahrnahm.
Wenn der Klinikchef bei der Eröffnung seiner eigenen Klinik nicht sichtbar ist, und wenn der auch sonst jedes Fotoobjektiv meidet, dann hat der noch mehr zu verbergen als nur eine zurückgelassene Familie. Ich muss das herausbekommen.
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