Dieses Erlebnis hatte sie nie vergessen. Sie wurde gezwungen zu lügen! Kathi gestand etwas, was sie nie getan hatte. Und Britta steckte ihr später das Geldstück zu, damit sie es zurückgeben konnte.
Das ging Kathi durch Kopf und Herz. Die Mutter war sich doch sowieso sicher, dass sie stiehlt, dachte sie trotzig. Also warum sollte sie es dann nicht auch tun? So, hatte sie einen neuen Zeitvertreib, wenn sie aus dem Klassenzimmer flog: „Jacken kontrollieren“.
Kathi war die absolute Außenseiterin, aber mit bestimmten Aktionen machte sie auf sich aufmerksam. Sie schoss in der Pausenhalle häufig mit dem Turnbeutel die Deckenlampen kaputt. Die Haftpflichtversicherung ihrer Eltern schrieben regelmäßig Mahnungen.
Am Ende des zweiten Schuljahres standen zwei Sätze im Zeugnis, die ihr Schulleben bestimmten: Kathi ist eine Träumerin. Kathi prügelt sich häufig auf dem Schulgelände, anbei die Unfallprotokolle.
Kathi brauchte Steigerungen. Dieses Gefühl der Angst und dass doch alles gut geht. Sie kletterte aufs Schuldach. Sie klaute die Handtasche vom Pult der Lehrerin und schmiss sie ins Gebüsch – ohne etwas zu stehlen, denn sie mochte sie. Sprang aus dem Klassenfenster und brach sich den Fuß.
Das Verarzten, Röntgen, Verbinden ihrer körperlichen Wunden tat so gut. Obwohl sie wusste, dass das nicht richtig war, gestand sie sich dieses Gefühl nicht wirklich ein. Sonst hätte sie es viel mehr genießen können, dieses warme Gefühl, versorgt zu werden.
Aber um ihr Glück, ihre kleine verschüttete von Angst und Verletzung geschundene Seele, die voller Liebe war, kümmerte sich niemand. Und sie wusste nichts davon. Sie lebte einfach irgendwie und dachte, so muss das eben sein. Sie liebte die Mama und den Papa, die Schwester und die Lehrerin, Frau Voigt und Frau Schlichting, Frau Star und die Tauben unterm Sims, die gurrten, um sie damit beruhigten. Sie wollte sie alle beschützen und sie sollten glücklich sein. Dafür tat Kathi alles, was ihr möglich war. Die fünfzig Pfennig aus der Jackentasche, davon kaufte Kathi der Mama eine 5er Packung Milde Sorte, die rauchte sie so gern.
Und wenn sie abends mit diesen heiß-kalt-Gefühlen im Bett lag und ihr Nachtgebet sprach: „Lieber Gott, danke, dass ich lebe. Lass es Papa, Mama, Oma, Opa, Britta und auch den Tauben immer gut gehen“, die Tür leise aufging und vom Papa ein: „Schläfst du schon, Kathi?“, kam, dann musste sie ganz kurz überlegen, ob sie antworten sollte. Denn eine Antwort bedeutete, warme Arme und ihren Papa ganz für sich. Geborgenheit und Liebe spüren. Wenn dann die Dinge passierten, die sie nicht wollte, wusste sie schon, das hatte sie in ihrem jungen Leben schnell begriffen: „Das wollte Papa, das wollten die Männer, das ist das Wichtigste für sie.“ Und wenn das so war, dann musste und wollte sie ihm das geben, denn sie liebte ihn doch!
„Nein ich schlaf noch nicht“. Ganz steif lag sie da, kniff die Augen zu und dachte wieder einmal, wie sie einen Jungen aus dem eingebrochenen See im Winter vor dem Haus rettete, oder durch ein Feuer in ein brennendes Gebäude lief, um ganze Familien zu retten.
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