Bis zum nächsten Besuch lasse ich meine Klampfe bei dir und für meine Zeit in Hamburg verabreden wir einen gemeinsamen Theaterbesuch in Hannover oder Göttingen.
Hamburg, den 19. 8. 56
Mein liebes Mädel, nun bin ich glücklich in Hamburg gelandet. Ich habe während der Fahrt ständig an Dich gedacht. Weißt Du, die Tage bei Dir waren wunderschön. Lass mich Dir noch einmal von Herzen danken für alles, was Du mir gegeben hast. Und bald ist es schon wieder so weit, darauf freue ich mich auch schon sehr. ...
Meine Tante freute sich wie immer, wenn sie mich sieht. Auch von Dir musste ich erzählen. Ich glaube, sie weiß schon genau, was los ist, denn sie kennt mich so gut, dass sie sich schon aus einigen Andeutungen ein Bild machen kann. Und morgen geht die Arbeit los. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Einerseits freue ich mich auf das produktive Schaffen, zum anderen weiß ich, dass die ungebundene zeitliche Freiheit des Studentenlebens für eine Weile erheblich beschnitten ist. Trotzdem – es wird schon schön werden.
Etwas ist mir unterwegs eingefallen: Du erzähltest mir, dass Dein Hauptname gar nicht Roswitha ist, sondern Karin. Ich muss sagen, mir gefällt Karin viel besser. Wie steht es bei Dir? Wenn Du der gleichen Meinung bist, würde ich Dich gerne so nennen.
Was macht das Klampfe spielen? Das Instrument, das ich Dir dort gelassen habe, stammt von Dietlind. Ich habe es mir von ihrer Mutter erbeten. Ich hoffe, Du kannst schon einigermaßen wechseln, wenn ich komme. Dafür kannst Du mir gelegentlich „Flötentöne“ beibringen.
Sag bitte Deinen Eltern noch einmal recht herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme und grüße sie von mir. Du selbst sei in Liebe von Herzen gegrüßt und in Gedanken tausend Mal geküsst (wie im folgenden Gedicht beschrieben) von Deinem Ernst-Günther
Nirgends hin als auf den Mund,
da sinkt es in des Herzens Grund.
Nicht zu frei, nicht zu gezwungen,
nicht mit allzu trägen Zungen.
Nicht zu langsam, nicht zu schnelle,
nicht stets auf dieselbe Stelle,
nicht ohn’ Unterschied der Zeiten,
mehr allein als vor den Leuten.
Küsse nun ein jedermann,
wie er weiß, will, soll und kann!
Ich nur und Du, Liebste, wissen,
wie wir recht uns sollen küssen.
Paul Flemming
St. Andreasberg, den 21. 8. 56 (nach Hamburg)
Lieber Ernst-Günther! Habe vielen Dank für Deinen lieben Brief und Deine „Küsse“. Ich denke noch viel an die letzten Tage mit Dir und freue mich schon sehr darauf, dass wir uns bald wieder sehen können. Des Theaters wegen habe ich heute nach Hannover und Göttingen geschrieben. ... Übrigens finde ich es besser, wenn wir uns gleich in Hannover treffen, auch wenn Du Samstags nicht zu arbeiten brauchst, denn ich kann doch schon vormittags kommen. Wenn Du nicht mit einem Wagen kommst, würden wir wohl nur in Hannover eine Übernachtung bekommen, denn so spät fahren keine Züge mehr.
Ich habe gestern zu Hause keinen leichten Stand gehabt. Alle sind dagegen, dass ich im September zu diesem Kursus fahren möchte. Meine Eltern meinen, ich würde mich übernehmen, ich sollte mich erst um meinen Beruf kümmern. ...
Lieber Ernst-Günther, Du fragst, wie ich zu meinem Namen Karin stehe. Ich finde nur immer, dass er besser zu mir passt, warum kann ich nicht sagen. Allerdings müsste ich mich erst umgewöhnen, aber das ist kein Problem. Du kannst mich ruhig Karin nennen.
Ehe ich mich an Deinen Namen Ernst-Günther gewöhnt habe! Fyps war viel einfacher und netter zu sagen. Ernst oder Günther würde ja auch genügen. Überlege doch einmal, ob Du Dich nicht daran gewöhnen könntest. ...
Lieber Ernst-Günther, das eine muss ich Dir noch sagen: Ich freue mich so sehr, dass ich Dich habe und dass ich Dich sehr liebgewonnen habe. Ich habe mich zuerst dagegen gesträubt, obwohl ich das schon ahnte, denn ich wollte allein sein. Aber Du zwingst mich einfach dazu, Dich gerne zu haben, und ich bin nun ganz das Gegenteil als unglücklich darüber. Ich freue mich riesig über Deine Briefe und zähle schon die Tage, bis Du endlich wieder bei mir bist.
Lieber Ernst-Günther, bestelle bitte Deiner Tante die herzlichsten Grüße von mir und sei Du auch von Herzen gegrüßt und geküsst (in Gedanken), Deine (Roswitha) Karin
Hamburg, den 23. 8. 56
Meine liebe Karin, hab herzlichen Dank für deinen lieben Brief und den Erikagruß. Ich hatte heute noch gar keine Antwort erwartet. Aber so war die Freude doppelt groß.
Seit Montag bin ich nun bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken im Konstruktionsbüro. Ich stehe am Reißbrett und konstruiere eine neue Schalttafel für ein Fernheizwerk. ... Du kannst Dir denken, dass das eine mächtig interessante Arbeit ist. Dazu besteht bei den HEW ein sehr freundliches Betriebsklima. Alle sind nett und bemühen sich um den Neuling, so dass ich die Aussicht, eventuell später als Ingenieur hier zu arbeiten, lebhaft verfolge. Es kann also sein, dass ich im März mein Domizil hier in Hamburg aufschlage. Ein Amt als Gauführer bei der CP steht mir auch schon in Aussicht. Es ist also für Ausgleich gesorgt.
Leider muss ich samstags bis 13 Uhr arbeiten. Ich weiß noch nicht, ob ich per Auto oder Zug nach Hannover komme, bin jedoch mit keinem von beiden vor 15:30 dort. Ich käme lieber mit dem Auto als mit dem Zug, denn ich will Dich auf jeden Fall noch in selbiger Nacht zu Hause abliefern. Es kommt gar nicht in Frage, dass Du die Nacht mit mir in Hannover bleibst. Ich möchte Dich nicht ins Gerede bringen, denn dazu bist Du mir zu wertvoll.
Zu dem Kurs solltest Du auf jeden Fall fahren. Kannst Du Deinen Eltern nicht erklären, dass Du die entsprechende Ausbildung brauchst, wo Du jetzt die Gruppenleitung übernommen hast? ...
Dass ich Dich Karin nennen darf, ist fein und ich danke Dir dafür. Fyps ist zwar schön kurz aber rein dienstlich, d. h. jeder CPer außer Bringfried nennt mich so. Den Namen „Ernst-Günther“ habe ich eigentlich selber zu gerne, als dass ich ihn teilen möchte. Erfinde doch einfach einen Namen für mich.
Geliebtes Mädel, auch ich zähle die Tage, bis wir uns wieder sehen. Auch ich falte immer wieder die Hände und danke Gott, dass ich Dich gefunden habe. Und wenn wir alles, was uns gegeben wird, sei es gut oder schlecht, aus seinen Händen nehmen, wird die Liebe zwischen uns immer größer und schöner werden und erst durch das Ende unserer Tage ihr Ende finden.
Karin, ich muss zur Arbeit. Sei von Herzen gegrüßt und geküsst von Deinem Ernst-Günther
Kind, noch einen Kuss mir gib,
einen Kuss von deinem Munde.
Ach ich habe dich so lieb!
Kind, noch einen Kuss mir gib.
Werden möcht’ ich sonst zum Dieb,
wärst du karg in dieser Stunde.
Kind, noch einen Kuss mir gib,
einen Kuss von deinem Munde.
Gibst du einen Kuss mir nur,
tausend geb’ ich dir für einen.
Ach, wie schnelle läuft die Uhr!
Gibst du einen Kuss mir nur,
ich verlange keinen Schwur,
wenn es treu die Lippen meinen.
Gibst du einen Kuss mir nur,
tausend geb’ ich dir für einen.
Adalbert von Chamisso
St. Andreasberg, den 27. 8. 56 (nach Hamburg)
Lieber Ernst-Günther! Habe recht vielen Dank für Deinen Brief und Dein liebes Gedicht. Nein, zum Dieb brauchst Du nicht zu werden, dafür habe ich Dich viel zu lieb. Mit dem Namen erfinden ist das so eine Sache. Ich habe schon gedacht, Lausebengel wäre so der richtige Name. Doch keine Angst, so nenne ich Dich nicht. Aber Kosenamen liegen mir nicht so. Einstweilen bleibe ich doch lieber bei Ernst-Günther. … Ob ich nun nach Gelnhausen fahren kann. steht immer noch nicht fest. Ich habe das meinen Eltern noch mal auseinander gesetzt. Ihre Meinung hat sich nicht geändert. Sie meinen, ich würde mir in der Firma viel verderben und außerdem hätte ich den Verdienstausfall. Ich finde, das sind keine triftigen Gründe. ... Nun, lieber Ernst-Günther, viele liebe Grüße und einen Kuss,
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