So langsam regt sich auch in unseren Kreisen wieder etwas. Wir wollen ein Laienspiel aufführen und uns mit anderen Gruppen in Verbindung setzen. Ein gewisser Stamm von Jugendlichen ist vorhanden. ... Ich hoffe, dass es bald wieder aufwärts geht.
Nun will ich schließen. Wie schon erwähnt, wünsche ich Ihnen gesegnete Pfingstfeiertage, wenn Sie sie nicht bei uns verbringen wollen und grüße Sie herzlich, Ihre Roswitha
Berlin, den 21. 5. 56
Liebe Roswitha, nun hat es doch nicht geklappt, dass ich zu Pfingsten kommen konnte. Es ist aber derartig viel liegen geblieben, was ich in den freien Tagen erledigen muss, dass es unverantwortlich gewesen wäre wegzufahren. Doch es ist mir schon schwer gefallen, Ihre freundliche Einladung auszuschlagen. ... Mein Schrieb ist nicht nur Antwort auf Ihre Zeilen – also endlich recht herzlichen Dank dafür – sondern eine Revolution gegen das, was ich schon den ganzen Tag tue. Ich habe die Vorlesung über elektrische Schaltanlagen erst einmal mit Gewalt beiseite gelegt, um Ihnen zu schreiben.
Es stimmt schon, dass wir viel umher kommen als Pfadfinder. Und ich möchte die Jahre nicht missen, in denen ich so auf Fahrt ging. Sie sind die schönsten, die ich erlebt habe. Leider wird dieses Jahr wohl vorläufig das letzte sein. Denn wenn ich erst im Beruf bin und zwei Wochen Urlaub im Jahr bekomme, lässt sich nicht mehr allzu viel machen. Außerdem werde ich ja auch immer älter.
So gebe ich die Führung meines Stammes wahrscheinlich schon Anfang Juli ab. Das hat zwei Gründe, einmal weil ich im Spätsommer fast ¼ Jahr nicht in Berlin bin – ich gehe erst auf Fahrt nach Frankreich und arbeite dann in Hamburg im Elektrizitätswerk – zum anderen aber auch, weil ich im Winter ins Examen steige. Und die Führung eines solchen Stammes nimmt einen doch außerordentlich in Anspruch, wenn etwas Vernünftiges heraus kommen soll. ...
Ich freue mich, dass Sie so persönlich von dem Kreis dort berichten. Das klingt ja, als ob Sie wieder aktiv mit arbeiten. Nach Ihrem Bericht im März war das noch nicht so der Fall. Sie haben bestimmt nicht zu Hause gesessen an den Feiertagen, sondern sind „umher gestrolcht“ und ich beneide Sie darum. Den Besuch jedoch, den ich Pfingsten vor hatte, hole ich bestimmt einmal nach. Denn noch gibt es genug, was ich von St. Andreasberg und seiner Umgebung nicht gesehen habe. Ich werde also demnächst mal für ein Wochenende hinüberkommen.
Etwas fällt mir noch ein: Wenn Sie in der Evangelischen Jugend mitarbeiten, könnten wir doch, wie es unter diesen Mädchen und Jungen üblich ist, das feierlich „Sie“ fallen lassen. Schreiben Sie mir doch bitte Ihre Meinung dazu. – Und nun sende ich Ihnen die herzlichsten Grüße, Ihr Ernst-Günther
St. Andreasberg, den 10. 6. 56
Lieber Fyps! Ich werde also von dem netten Angebot, uns Du zu sagen, gleich Gebrauch machen. Ich habe mich über Deinen Brief gefreut, trotz Deiner wenigen Freizeit und muss mich nun ein bisschen schämen, dass es bei mir so lange gedauert hat. Es ist trotzdem nicht weniger herzlich gemeint. ...
Um auf die Evangelische Jugend zu kommen, ich bin wieder ganz dabei und habe den Chor unserer Firma, der gerade auf den Mittwoch fällt, dafür aufgegeben. Mit den jüngeren Pfarrersleuten, die noch nicht lange hier sind, ist schon eher etwas anzufangen. Ganz davon abgesehen, dass wir oftmals unsere Kreise selber abhalten. ...
Am Donnerstag waren wir alle in der Kirche zu dem Spiel „Kain und Abel“, das hier von Künstlern der Evangelischen Akademie aus Braunschweig aufgeführt wurde. ... Bei Kain geht es um einen Klumpen Gold, der ihm alles bedeutet und mit dem er auszieht, um die Welt zu erobern, nachdem er Abel umgebracht hat. Das Spiel hat uns alle zum Nachdenken angeregt. ...
Ich hoffe, dass Du noch einmal bei uns vorbeikommst, bevor Du auf Fahrt gehst und wir gemeinsam im Harz wandern können.
Nun wünsche ich Dir alles Gute und sende Dir die herzlichsten Grüße, Deine Roswitha
Berlin, den 12. 6. 56
Liebe Roswitha, ich habe schon auf Deinen Brief gewartet, ... weil ich Euch Ende dieser Woche einen kurzen Besuch abstatten will. Ja, es ist wahr: wenn mir nichts Entscheidendes dazwischen kommt, treffe ich am Freitag Abend in St. Andreasberg ein und bleibe bis Sonntag am späten Nachmittag. Was kann man in dieser Zeit anfangen? ... Für den Abend wäre ich nicht abgeneigt, tanzen zu gehen. Ich weiß nicht, wie das im Harz ist. Am Sonntag ist ja dann noch genug Zeit. Vielleicht können wir zum Gottesdienst in ein kleines Dorf gehen.
Ich habe mich gefreut, dass Du auf meinen Vorschlag eingegangen bist. Das „Sie“ klingt immer so fremd und unpersönlich. ...
Über alles andere können wir uns ja am kommenden Wochenende direkt unterhalten. Ich freue mich schon sehr auf den Besuch bei Euch, weil ich mal wieder aus der Großstadt raus muss. Aber das ist nicht der einzige Grund.
Nun recht herzlichen Gruß, Dein Ernst-Günther
Erinnerung: 15. – 17. 6. 56 im Harz
Trotz der schon vertrauten Briefe sind wir uns noch etwas fremd. Ich schenke dir mein Zeichen der Evangelischen Jugend, das ich vor Jahren selbst angefertigt habe. Du freust dich sehr darüber. Wir strolchen in der Gegend umher und gehen am Abend tanzen. Auf dem Heimweg erzähle ich dir, dass dies mein erster richtiger Tanz seit zwei Jahren war, weil ich so lange um Dietlind getrauert habe.
Der Sonntagvormittag gehört dann ganz uns beiden. Wir wandern durch den schönen aufblühenden Wald in Richtung zur Sprungschanze, ohne uns sehr an die Wege zu halten. Als wir an einem Hochsitz vorbei kommen, schlage ich vor, hinauf zu klettern. Wir schauen hinaus auf die Gegend, doch ich sehe nur dich, du wunderbares Mädchen, und mir wird immer wärmer ums Herz. Zu gerne würde ich dich küssen, doch ich weiß nicht, ob du schon dazu bereit bist. Und du bist mir zu wertvoll, um dich zu erschrecken und vielleicht zu verlieren.
Du merkst wohl, was in mir vorgeht. Du lächelst mich freundlich an und sagst ganz ruhig: „Komm, lass uns wieder hinabsteigen.“ Die Spannung in mir löst sich und ich folge dir, dankbar, dass dein feiner Takt mir die Sache so leicht macht. – Als wir uns abends am Bus verabschieden, gebe ich dir die Hand. Doch du legst auch deine linke noch dazu und drückst sie mir ganz fest. Glücklich wie schon lange nicht mehr fahre ich durch die Nacht nach Berlin zurück.
Berlin, den 18. 6. 56
Liebe Roswitha, damit Du ruhig schlafen kannst: Ich bin gut angekommen. Kurz vor sieben war ich heute früh zu Hause und wie geplant um acht in der Schule. Doch meine Gedanken waren viel mehr bei Dir als bei elektrischen Maschinen. ...
Liebes Mädel, Du wirst gemerkt haben, was jene Tage für mich bedeutet haben: ein langsames Neu-Einfinden in eine Welt, von der ich vor zwei Jahren glaubte, dass ich mich nie wieder hinein finden könnte. Denn wenn ich erwähnte, dass ich Dietlind sehr gern hatte, so ist das außerordentlich schwach ausgedrückt. Ich habe sie geliebt mit meiner ganzen Liebesfähigkeit.
Ungefähr ein Jahr nach ihrem Unfall habe ich zuweilen etwas getanzt, aber die vollständige innere Freiheit und Gelöstheit von jenem Geschehen suchte ich vergeblich. Du hast mich von diesem Gefühl befreit, unfähig zu sein, noch einen Menschen gern zu haben; ein Griesgram geworden zu sein. Dafür danke ich Dir von Herzen. Gleichzeitig möchte ich Dich aber auch bitten, Geduld mit mir zu haben, wenn jetzt einiges in meiner Erinnerung auftaucht, was ich bisher gewaltsam unterdrücken musste, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich werde Dir, wenn wir uns gut genug kennen, alles erzählen, was zwischen Dietlind und mir war, weil ich glaube, dass das auch zur Ehrlichkeit zwischen uns gehört. Also noch mal: Hab’ bitte Geduld mit mir. ... Sage bitte Deinen Eltern noch einmal herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme und sei selbst von Herzen gegrüßt von Deinem Ernst-Günther
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