Ich ging im Walde so für mich hin
und nichts zu suchen, das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich ein Blümchen steh’n,
wie Sterne leuchtend, wie Augen so schön.
Ich wollt’ es brechen, da sagt es fein:
„Soll ich zum Welken gebrochen sein?“
Ich grub’s mit all seinen Wurzeln aus,
zum Garten trug ich’s an meinem Haus.
Und pflanzt’ es wieder an stillem Ort,
nun zweigt es immer und blüht so fort.
Johann Wolfgang von Goethe
St. Andreasberg, den 21. 6. 56
Lieber Ernst-Günther! Erst mal tausend Dank für Deinen lieben Brief und besonders für das schöne Gedicht, das Du sehr gut ausgewählt hast und ich sehr fein finde. Ich denke noch viel an unser gemeinsames Wochenende. Es war wirklich wunderbar für mich, sicher so wie für Dich. Ich mache mir nur Gedanken um Dich. Gewiss, ich kann mir vorstellen, dass Du jetzt viel in Dir zu verarbeiten hast mit dem, was Du mir schriebst von Dietlind. – Ich möchte Dir einen Vorschlag machen. Hoffentlich verstehst Du mich richtig. Wollen wir das, was gewesen ist, nicht lieber ruhen lassen? Ich möchte Dich nicht unnötig quälen und Dir weh tun mit dem, was nicht mehr zu ändern ist. ... Wenn wir beide Geduld miteinander haben, kann es zwischen uns zu einem schönen neuen Anfang kommen. Wenn es Dich aber befreit, Dir alles vom Herzen zu sprechen, dann will ich Dir gerne helfen.
Einstweilen solltest Du Deine Gedanken beim Studium haben, weil es jetzt doch für Dich schwierig wird. Nach dem zu urteilen, wie ich pünktlich an Dich und Deine Arbeit heute gedacht habe, könntest Du sie gar nicht verhauen haben. ... Im Übrigen hat noch keine von unseren Mädels mein EJ-Zeichen entdeckt. Du glaubst gar nicht, was Du mir mit diesem Zeichen für Freude bereitet hast, schon weil Du es selber gemacht hast. – Lieber Ernst-Günther, ganz herzliche Grüße von mir, Deine Roswitha
Berlin, den 24. 6. 56
Liebe Roswitha, ich hatte schon gehofft, dass ich gestern nach der Schule Post von Dir vorfinden würde und wirklich, Dein lieber Brief war da. Herzlichen Dank dafür. Ich hätte gestern schon geantwortet, aber ich hatte am Nachmittag meine ersten 1½ Stunden Fahrschule, und abends war ich zu einem Fest von Nuddles Klasse geladen.
zu 1: Ich habe mir das Autofahren viel schwieriger vorgestellt. Gewiss, ich habe noch manches falsch gemacht, z. B. vergessen, den Winker nach der Kurve wieder hereinzunehmen, aber im Großen und Ganzen ist es ein Kinderspiel. Ich werde also gar nicht viele Fahrstunden brauchen und freue mich schon auf die Prüfung.
zu 2: Ich bin seit Jahren nicht mehr so fröhlich und unbeschwert gewesen, wie auf dem Klassenfest. Wer daran Schuld ist? Du! Seit dem gemeinsamen Wochenende sieht die Welt ganz anders aus. ...
Ich glaube, Du hast mich im letzten Brief etwas missverstanden. Ich meinte, dass ich manche schöne Erinnerung unterdrückt habe, weil sie sich sonst in einen Stachel verwandelt hätte. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Es ist nicht so, dass ich gewesenen Dingen nachhänge. Dazu ist mir die Notwendigkeit des Leidens viel zu klar geworden. So quält mich auch der Gedanke an das Gewesene nicht, sondern ich bin froh, dass ich schon so Schönes erleben durfte, wenn ich auch glaube, dass ich noch viel Schöneres zu erleben habe. Eben deshalb hoffe ich, dass es zwischen uns zu einem schönen neuen Anfang kommen kann.
Und da das nun einmal ausgesprochen ist, kann ich auch das andere sagen, dass ich Dich sehr lieb gewonnen habe und hoffe und bete, es möge zwischen uns eine Liebe wachsen, die das Leben überdauert. Deshalb aber meinte ich, es gehöre zur Ehrlichkeit, dass wir uns ganz kennen lernen, auch mit dem, was gewesen ist. Dass jeder von uns eine Menge Geduld mit dem anderen wird aufbringen müssen, ist mir auch klar. ...
Liebes Mädel, eines vergaß ich Montag: Als ich morgens die Losung aufschlug, stand dort: „Bis hierher hat uns Gott geholfen.“ Ein feines Wort und genau für uns passend, nicht wahr? Nun sei Du von Herzen gegrüßt von Deinem Ernst-Günther
St. Andreasberg, den 29. 6. 56
Lieber Ernst-Günther! Recht herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Ich habe mich sehr gefreut, wie immer, wenn ich Post von Dir bekomme. Ich freue mich auch, dass ich Dir so viel bedeuten kann, dass Du wieder froh und frei bist und in die richtigen Gleise zurückfindest. Mir bedeutest Du sehr viel. Du hast mir schon einiges zu denken gegeben und ich bin dankbar, dass ich Dich überhaupt kennen gelernt habe. Durch Dich habe ich erst mal so einen kleinen Aufschwung bekommen. Du hast auch bewirkt, dass ich mich jetzt als Jungscharleiterin betätige. Ich helfe der Inge, eine Rasselbande von 25 Mädchen zusammen zu halten. Sie sind alle freudig dabei und mir macht es auch viel Spaß. – Inge und ich, wir würden gern vom 10. bis 21. September zu einem Jugendgruppenleiterkurs nach Hessen fahren. Schreibe mir doch bitte, wann Du im September zu uns kommen kannst, damit ich weiß, ob ich zusagen kann. ...
Nun lieber Ernst-Günther, ich werde aufhören zu schreiben. Es ist schon spät. Ich sende Dir ganz herzliche Grüße, Deine Roswitha
Berlin, den 2. 7. 56
Liebe Roswitha, ich bin eben aus dem Kino gekommen: „Ich denke oft an Piroschka“. Wenn es diesen Film bei Euch gibt, musst Du unbedingt hingehen. Er hat etwas Befreiendes an sich und zwingt dadurch den Zuschauer zu einem inneren Lächeln, wie über eine gelungene Überraschung. Solche Filme sind selten. Wenn er bis September nicht bei Euch war, werde ich ihn Dir erzählen.
Nun erst mal herzlichen Dank für Deinen Brief. Ich hatte ihn schon sehnsüchtig erwartet. ... Da siehst Du, wie gefährlich Du bist: Jetzt warte ich schon darauf, dass von Dir Post kommt. Noch schöner aber wird es werden, wenn ich erst wieder bei Dir bin.
Gestern habe ich meinen Stamm abgegeben. Samstag Abend hatten wir Thing auf einem kleinen Zeltplatz beim Kontrollpunkt Dreilinden. Siebzehn Jungen waren wir, die schon lange genug im Stamm sind, um beurteilen zu können, wer als neuer Führer in Frage kommt. Es wurde eine schwere Entscheidung. Endlich um 1:30 nachts war dann Nuddle gewählt. Du kennst ihn ja, mit der kaputten Skihose zu Ostern. Es ist immer wieder fein zu sehen, wie Jungen, die sonst nicht viel sagen, bei einer wichtigen Entscheidung verantwortlich und überlegt reden und handeln. Vor allen Dingen ist es schön, wenn man weiß, dass man den Jungen das erst beigebracht hat. Es war ein seltsames Gefühl, als ich gestern den Stamm ohne mich sah, den Stamm, den ich selbst aufgebaut habe, in dem ich jeden Jungen ganz genau kenne, manchen genauer als seine Eltern ihn kennen, von den Lehrern ganz zu schweigen. Irgendwie war ein Loch da, eine leere Stelle. ...
Ich freue mich sehr, dass Du Dich dort jetzt betätigst. Es ist doch jeder, der irgendwie ein bisschen begriffen hat, gerufen, sich in den Dienst zu stellen und das weiterzugeben. ... Nur daraus resultiert die Freude, die sich auf jeden verantwortlichen Dienst einstellt. ...
Es ist übrigens selbstverständlich, dass Du im September zu dem Jugendgruppenleiterkursus fährst. Wann ich kommen werde, liegt ganz in meiner Hand und ich werde mich danach richten. ...
So mein liebes Mädel, jetzt ist es spät genug. Schreib mir bitte recht bald wieder und grüß zu Hause schön. Dir selbst auch die herzlichsten Grüße, Dein Ernst-Günther
Der Lausebengel
Als Amor in den goldnen Zeiten
verliebt in Schäferlustbarkeiten
auf bunten Blumenwiesen lief,
da stach den kleinsten von den Göttern
ein Bienchen, das in Rosenblättern,
wo es sonst Honig holte, schlief.
Durch diesen Stich ward Amor klüger;
der unerschöpfliche Betrüger
sann einer neuen Kriegslist nach:
Er lauscht in Rosen und Violen,
und kam ein Mädchen, sie zu holen,
flog er als Bien’ heraus und stach.
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