Du warst also schon wieder einmal tanzen. Ich muss sagen, Du lebst ganz gut. Waren die Studenten wenigstens nett? Aber ich freue mich ja genau so wie Du, wenn Du dort etwas Abwechslung hast.
Die Zeilen auf dem Sonderblatt sind diesmal von mir. Sie können Dir vielleicht mehr als manches andere Wort von der Sehnsucht sagen, die mich manchmal überfällt. Wenn es uns doch gegeben sein möchte, einander diese Liebe zu schenken, die ein Leben lang reicht! Aber wir dürfen es uns nicht zu einfach machen. Denn dass vor mir kein einfaches Leben liegt, das habe ich schon gemerkt. Das ist wohl bei Christen überhaupt so.
Mein liebes Mädel, ich wünsche Dir recht gute und fröhlich Urlaubstage. Erhol Dich gut und schöpfe viel neue Kraft. Herzlichen Gruß, Dein Ernst-Günther
Als schneller Vogel möcht’ manchmal ich fliegen
über die Grenzen und weit hinaus.
Kann länger nicht über’m Schreibtisch liegen
im dumpfen Haus.
Möcht’ fliegen und schauen in Felder und Auen;
über Fluss und Wald möchte ich fliegen ohn’ Halt,
bis ich endlich die finde, die die Unrast überwinde.
Als wilder Freier möcht’ manchmal ich ziehen
über die Grenzen längs Straße und Rain.
Kann nicht länger in die Arbeit fliehen
so völlig allein.
Möcht’ ziehn bis ans Ende zu suchen zwei Hände
in Wald, Feld und Tal, im tanzwirbelnden Saal;
möcht’ sehn, ob ich find’ ein liebendes Kind.
Oh Vater im Himmel, so gib Deinen Segen,
ein liebendes Weib lass doch finden mich neu,
der ich den Kopf in den Schoß kann legen,
die heimlich mir gibt wieder neue Stärke,
dass weiter ich schaffe an Deinem Werke
froh und treu.
Pönitz, den 25. 7. 56 (Ansichtskarte nach Salzburg)
Lieber Ernst-Günther! Es gefällt mir hier ausgezeichnet. Ich glaube, hier könnte ich mich wohler fühlen als im Harz. ... Lieber Ernst-Günther, noch einmal vielen herzlichen Dank für das Kalenderbuch des EMP. Ich habe es mitgenommen. Ich schreibe bald mehr. Recht herzliche Grüße, Deine Roswitha
Pönitz, den 27. 7. 56 (nach Passau)
Lieber Ernst-Günther! Recht vielen Dank für Deinen Brief mit Gedicht, ich hatte ihn erst am Freitag bekommen. ... Die beiden Mädels und ich haben schon alles Mögliche verzapft. ... Am Sonntag gehen wir in „Die Zauberflöte“. Wir sind auch schon in Lübeck gewesen. ... Die See ist herrlich, besonders bei Wellengang.
Du wirst ja sicher auch allerhand erleben. Wie ich aus den Adressen sehe, kommst Du ganz schön herum. Ich wünsche Dir viel Spaß und Freude dazu. ... Du wirst mir doch sicher aus Hamburg von Deiner Fahrt berichten, nicht wahr? – Für den EMP-Kalender nochmals vielen Dank. ... Was Du da geschrieben hast, dass ich mich vielleicht Deinetwegen für die Jugendarbeit einsetze, stimmt nicht, dafür habe ich mich selbst schon genügend geprüft. Du hast mir nur den Anstoß gegeben und dafür bin ich Dir sehr dankbar, denn ich sehe darin eine wertvolle Aufgabe und es macht mir auch Spaß.
Nun lieber Ernst-Günther, wünsche ich Dir noch recht frohe Ferien. Es grüßt Dich herzlich Deine Roswitha
Passau, den 1. 8. 56 (Ansichtskarte nach Pönitz)
Liebe Roswitha, Dank für Deinen lieben Brief. Ich war schon ganz verzweifelt, da ich fast zwei Wochen keine Post von Dir hatte und wir morgen um 7 Uhr mit einem Schiff in die Wachau fahren. Bisher hatten wir schöne Tage in der Klause, gestern und heute haben wir Passau angesehen. Für den Rest des Urlaubs noch schöne Tage und macht nicht zu viel Blödsinn. Lass Dich von Herzen grüßen,
Dein Ernst-Günther
Melk (Donau), den 4. 8. 56 (Ansichtskarte)
Liebe Roswitha, nun sind wir ein Stück die Donau herab geschwommen, ein Stück Bahn gefahren und gelaufen. Es ist eine feine Gegend hier und der Wein schmeckt auch gut. Wir folgen immer den Spuren der Nibelungen, gestern bei Bechelaren vorbei, wo Kriemhilds Bruder Giselher sich mit der Tochter des Markgrafen Rüdiger verlobt hat. Sei recht herzlich gegrüßt, Dein Ernst-Günther
Wien, den 6. 8. 56 (Ansichtskarte)
Liebe Roswitha, nun sollst Du auch aus Wien einen Gruß haben. Seit gestern früh sind wir hier und haben schon viel gesehen: Dom, Prater, Innenstadt, Rathaus, Parlament, Burgtheater und vor allem die Schatzkammer mit der Kaiserkrone und den Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches. Ich halte ja sonst nicht viel von Traditionen, aber diese Symbole einer über Jahrhunderte währenden Macht haben mich doch beeindruckt. Nun sei recht herzlich gegrüßt von Deinem Ernst- Günther
Salzburg, den 8. 8. 56 (Ansichtskarte)
Liebe Roswitha, gestern trampten wir von Wien hierher, 320 km in 9 Stunden. ... Hier ist ein unheimlicher Betrieb, denn die Festspiele sind voll im Gange. Internationales Publikum, mehr Ausländer als Österreicher. ... Nun lass Dich recht herzlich grüßen,
Dein Ernst-Günther
Innsbruck, den 11. 8. 56 (Ansichtskarte)
Liebe Roswitha, auch aus Innsbruck sollst Du einen herzlichen Gruß von mir bekommen. Ich bin vorgestern von Salzburg hier herüber gefahren und bleibe jetzt noch ein paar Tage bei meiner Schwester. Morgen fahren wir nach Italien zum Gardasee, das zweite Mal, dass ich in Italien bin. Dann geht es in der nächsten Woche nach Hamburg. ... Dort möchte ich von Dir gerne mal wieder Post haben. Nochmals herzlichen Gruß, Dein Ernst Günther
St. Andreasberg, den 14. 8. 56 (nach Hamburg)
Lieber Ernst-Günther! Sei mir bitte nicht allzu böse, dass ich Dir heute erst schreibe, und Du warst so fleißig. Recht herzlichen Dank für Deine schönen Ansichtskarten. … Mein Urlaub war einfach herrlich. Bis auf zwei Tage hatten wir immer schönes Wetter. Wir waren fast jeden Tag am Strand und haben viele Bilder gemacht. Zum Abschluss haben wir in der Eutiner Freilichtbühne „Die Zauberflöte“ gesehen. Wir waren sehr davon angetan. …
Ach, Du hast sicher auch allerlei Schönes gesehen, Deine Karten sagen mir ja schon genug. Und jetzt geht es mit neuer Kraft an die Arbeit. … Ich freue mich, dass Du bald kommst und wir uns mal wieder sehen können. Du sicher auch, nicht wahr? Nun sei herzlich gegrüßt und nicht so traurig, dass ich heute erst geschrieben habe. Von Herzen, Deine Roswitha
Erinnerung: 17. – 18. 8. 56 im Harz
Eigentlich wollte ich gemächlich zum Wochenende nach Hamburg trampen. Doch am Gardasee wird mir klar, dass ich ja dicht bei euch vorbei komme und da wird die Sehnsucht nach dir übermächtig. Ich verlasse Freitag Vormittag die Autobahn in Göttingen und trampe in den Harz hinauf. Deine Freude ist groß, als ich plötzlich vor dir stehe. Gleich nach deinem Feierabend verziehen wir uns in den nahen Wald und erzählen uns von unseren Reisen.
Nicht umsonst habe ich dir den Film „Ich denke oft an Piroschka“ empfohlen. Am Samstagvormittag streifen wir bei strahlendem Sonnenschein wieder durch Berg und Wald bis hinauf zu den Hohen Klippen. Als wir dort stehen und ins Land hinausschauen, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, eigentlich müsstest du mein Herzklopfen hören. Ich spreche dich auf den Film an. Ja, du hast ihn gesehen. Ob du denn die Szene erinnern kannst, wo die beiden zusammen auf der Wiese sind? Du lachst, ich glaube, du hast schon begriffen, was ich will. Ob Du diese Szene schön gefunden hast, frage ich noch. Mit leuchtenden Augen sagst du „ja“. Da nehme ich dich in die Arme und küsse dich. Wie lange habe ich mich schon danach gesehnt, und jetzt merke ich voller Freude, dass du es auch genießt. Mit geschlossenen Augen und beseligtem Gesicht umarmst auch du mich, als unsere Zungen miteinander spielen. Du bist ja für mich schon lange das schönste Mädchen auf der Welt, aber nie bist Du schöner als in diesem Augenblick.
Wie oft wir uns an diesem Tag noch geküsst haben, weiß ich nicht, aber es war sehr oft. Ich glaube, du hast es auch gewollt oder zumindest gewusst, dass wir diesmal so nahe zueinander finden. Und als wir uns abends zum Abschied noch einmal innig küssen, wissen wir beide, dass wir uns nie wieder loslassen werden.
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