Ein Schiessbefehl durch den Kompaniekommandanten bleibt bisher aus. Ohne ausdrücklichen Befehl wagen es die Soldaten nicht zu schiessen. Nachts wird Kriegsrat unter Soldaten gehalten. Es muss etwas passieren, das ist allen klar. Man beschliesst, dass Soldaten, welche zu keinem Wachdienst eingeteilt sind, sich auf die Lauer legen. So hofft man ein der Gören festzunehmen und ihr tüchtig einzuheizen.
Am nächsten Tag wird der Plan in die Tat umgesetzt. Wieder erscheint eine Holländerin und spaziert provozierend vor dem Panzer durch. Das Lachen vergeht ihr schnell, als sie plötzlich überrascht feststellt, dass sie umzingelt ist. Die Falle schnappt zu, zwei Soldaten bekommen sie zu fassen und Sekunden später ist sie von zehn Soldaten umringt. Drei Soldaten haben ihre Arme und den Kopf fixiert, je zwei weitere heben ihre Beine an und so wird sie in ein, von der Kompanie requiriertem Haus gebracht.
Im Keller wird sie in einer Ecke abgesetzt. Die Soldaten bilden einen geschlossenen Kreis. Die freche Göre sitzt nun kleinlaut in der Ecke und harrt der Dinge, die da auf sie zukommen. Sie bekommt Angst, aus dem frechen Spiel, ist Ernst geworden.
Es entbrennt eine heftig Diskussion, was man mit ihr anstellen könnte. Die Phantasien der Soldaten sind sehr kreativ. Die Wehrmacht hat den Befehl herausgegeben, die Holländer anständig zu behandeln, schliesslich sind es Arier wie die Deutschen.
Ungeschoren darf sie aber nicht davonkommen. Die vorgesehene Strafe wird unter den Soldaten geflüstert, das Mädel hat keine Ahnung, was sie mit ihr vorhaben.
Jetzt geben die Soldaten eine Gasse frei und einer taucht mit einem Wasserschlauch auf und als hinten jemand den Hahn aufdreht, spritzt er das Mädel mit kaltem Wasser ab. Jetzt windet sie sich und versucht dem Wasserstrahl auszuweichen. Schliesslich dreht einer den Wasserhahn zu, sie hat es überstanden. Einer reicht ihr ein Handtuch, damit sie sich abtrocknen kann, dann darf sie gehen.
In den folgenden Tagen verzichten die Holländerinnen auf weitere Provokationen. Der Wachdienst wird einfacher, wenn auch langweiliger. Immer mehr zeichnet sich ein durchschlagender Erfolg der deutschen Truppen ab. Die Holländer warten vergeben auf die Hilfe der Franzosen und auch die Engländer können nicht helfen, sie sind, der Wehrmacht unterlegen. Sie müssen froh sein, wenn sie sich zurückziehen können, ohne dass sie zu starke Verluste hinnehmen müssen.
Anfang Juni wird es langweilig. Es gibt keine Gegner mehr. Die Engländer haben sich in Dünkirchen abgesetzt. Holland und Belgien haben kapituliert. Hitler lässt sich feiern. Dass sich die Engländer zurückziehen konnten, ist ein kleiner Schönheitsfehler, doch er wird sie von ihrer Insel vertreiben, dann können sie nur noch nach Amerika rüber schwimmen, aber auch das wird man verhindern.
In den besetzten Gebieten übernimmt die SS das Kommando und beginnt die Jagt nach Juden und von denen gibt es im neuen besetzten Gebiet viele. Noch gibt es organisatorische Probleme, doch mit jedem Tag werden mehr Juden in die Lager nach Deutschland verfrachtet.
Am 25. Juni wird Willi ins Kompaniebüro bestellt. Er überlegt sich, was er wohl angestellt hat, aber es kommt ihm nichts in den Sinn, welches Vergehen ihm zur Last gelegt werden könnte. Hoffentlich nicht wieder die Sache mit seiner Uroma, das hat er inzwischen verdrängt und für unwichtig eingestuft. Er kann also mit ruhigem Gewissen vorsprechen.
Als er eintritt, ist der Kommandant noch am Telefon, er muss warten. Dann legt der den Hörer auf und kommt auf Willi zu.
«Gehen wir kurz nach draussen», schlägt der Kommandant vor. Willi wird es nun doch etwas bang.
«Leutnant Wolf, sie sind Luftfahrtingenieur?»
«Ich bin mit dem Studium nicht fertig», erklärt er seinem Kommandanten, «der Krieg kam dazwischen.»
«Ja das trifft bei vielen Wehrmännern zu», entgegnet der Kommandant mit ruhiger Stimme, was Willi etwas beruhigt.
«Das mit dem fehlenden Abschluss sehen die in der Heeresleitung anscheinend nicht so eng. Die brauchen Leute wie sie in der Rüstungsindustrie. Die wird immer wichtiger. Auf jeden Fall sind sie mit einem Antrag an mich gelangt, Sie aus der Wehrmacht zu entlassen, damit sie beim Aufbau einer Flugzeugfabrik helfen können.»
«Zu Befehl Herr Oberst - Heil Hitler!»
Die Details zu seiner Entlassung, erklärte ihm der Feldwebel. Mit einem LKW welcher in Deutschland Nachschub holen muss, wird er nach Aachen gefahren. Dort erfolgt die offizielle Entlassung aus der Wehrmacht. Die Uniform wird eingezogen. Freundlicherweise erhält er als Ersatz einen Anzug. Zudem werden ihm der Sold und eine Abgangsentschädigung ausbezahlt. Weiter erhält er einen Transportgutschein für eine Fahrt nach Worms und eine Fahrt von Worms nach Rostock, drei Wochen später.
Die Zeit in Worms verbringt er bei seiner Familie. Seine Eltern arbeiten immer noch in der Lederfabrik. Vater muss allerdings kein Leder mehr einkaufen, jetzt kann er es requirierten. Sowohl Bauern, wie auch die Fleischer, werden verpflichtet, die Felle der geschlachteten Tiere der Wehrmacht abzugeben. Die Entschädigung ist klar geregelt. Diese Verordnung erleichterte Franz die Arbeit, er kann jetzt doppelt so viel Tierfelle beschaffen, da er nicht mehr feilschen muss.
Seine Mutter Rosa ist Aufseherin in der Näherei und musste die Mädchen überwachen. Diese werden jeden Morgen mit einem LKW von einem Lager ausserhalb Worms hergefahren. Diese Mädchen musste Rosa im Auge behalten. Nebst einer Haselrute, mit dem sie den Mädchen auf die Finger schlägt, hatte sie weitere Möglichkeiten, indem sie bei dem Lagerkommandant Meldung erstatten kann. Nach einer solchen Meldung erscheinen die Frauen längere Zeit nicht mehr zur Arbeit. Zwei bis drei Wochen später, tauchen sie bis auf die Knochen abgemagert wieder auf, sind aber so geschwächt, dass sie die Frauen nicht mehr brauchen kann. Deshalb greift sie nur in Ausnahmefällen zu diesen drastischen Massnahmen. Meistens reichen leichte Schläge mit der Rute aus, ab und zu musste sie etwas härter zuschlagen, dann haben die Frauen begriffen, wer hier die Chefin ist.
Für Willi gibt es nicht viel zu tun. Als erstes überprüft er das Warenlager im Gartenhaus und kontrolliert, ob sich kein Schimmel gebildet hatte oder ob andere Massnahmen erforderlich sind, dass die eingelagerten Waren nicht an Wert verlieren, denn eines ist sicher, zur Zeit kann man diese Ware nicht verkaufen.
Als diese Arbeit erledigt ist, befasst er sich mit dem Flugzeugbau. Er schreibt einen Bericht, über die während seiner Zeit in der Flugzeugfabrik gemachten Erfahrungen. Er hofft, dass nach dem Krieg, mit diesem Bericht das Ingenieurdiplom leichter zu erlangen ist. So wie er die aktuelle Lage beurteilt, wird der Krieg nicht mehr lange dauern. Die gefährlichsten Gegner sind besiegt, dann wird Hitler seine Visionen über ein Europa unter einer deutschen Führung umsetzen. Alle werden von den weitsichtigen Projekten des Führers profitieren. Jeder wird erkennen, dass der deutschen Organisation nichts Gleichwertiges entgegengestellt werden kann. Der Lebensstandard in Europa wird für alle steigen. Dies gilt natürlich nicht für Juden, das ist klar, die werden ihre beherrschende Stellung verlieren.
Wenn Willi in Worms spaziert, wird er immer wieder von der Gestapo kontrolliert. Ein Mann im wehrpflichtigen Alter, welcher ohne Arbeit durch Worms spaziert, ist verdächtig. Einmal hat er seine Bescheinigung, dass er ordnungsgemäss aus der Armee entlassen wurde, nicht dabei. Er wurde sofort verhaftet und ins Gestapo Hauptquartier gebracht. Dort sass er für drei Stunden fest. Erst als ihm sein Vater das fehlende Papier brachte, wurde er entlassen.
«Die schauen schon, dass jeder seinen Pflicht gegenüber Hitler erfüllt», meint sein Vater, als sie wieder auf der Strasse stehen, «wie kann man ein so wichtiges Dokument zuhause lassen. Ich hoffe, das wir dir eine Lehre sein!»
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