Regelmässig informiert der Kommandant über den Verlauf der Kämpfe, die deutschen Truppen siegen an allen Fronten. Die Polen können ausser Kampfgeist, nichts entgegensetzen. Ihre Ausrüstung ist ungenügend, sie haben keine Chance.
Inzwischen steht die Einheit von Willi bereits seit einer Woche an dieser Kreuzung. Krakau ist bereits erobert und die Kämpfe konzentrieren sich auf die Eroberung von Warschau. Inzwischen haben hunderte von deutschen LKWs die Kreuzung passiert. Der Krieg ist für Willi zur Routine geworden. Eine gefährliche Routine, denn auch wenn nicht geschlossen wird, muss man immer mit einem Angriff rechnen.
Vor Angriffen bleiben sie verschont. Die Kreuzung ist zu unbedeutend und strategisch gut durch die Deutschen gesichert, ein Angriff wäre reiner Selbstmord. So bleibt der Einheit von Willi nichts anderes übrig, als das Kriegsgeschehen aus der Ferne zu verfolgen. Ungemütlich wird es nach drei Wochen, als es zu regnen beginnt. Ihre ausgehobenen Stellungen füllen sich mit Wasser und verwandeln sich ein Schlammbad.
Nach zwei unangenehmen Tagen, hatte man das Problem im Griff und die Stellungen mit Holzrosten trockengelegt. Die Polen stehen kurz vor der Kapitulation. Täglich verkündet der Führer neu Erfolgsmeldungen. Inzwischen hat der Kommandant erlaubt, dass die Truppe jede Ansprache des Führers am Radio mithören darf. Jede Erfolgsmeldung wird mit Jubel und Heil Hitler rufen bedacht.
Nach vier Wochen heisst es plötzlich zusammenpacken. Die Kompanie wird nach Krakau verlegt. Die Überwachung der Kreuzung übernimmt eine Reserveeinheit mit älteren Soldaten.
Die Verschiebung nach Krakau führt durch zahlreiche zerstörte Orte. Ihr neuer Standort liegt ausserhalb der Stadt in der Nähe des Güterbahnhofs. Sie können vorbereitete Stellungen beziehen. Die andere Kompanie wurde nach Warschau abkommandiert. In Krakau ist wesentlich mehr Betrieb als auf der Kreuzung. Die Zufahrtsstrassen zum Bahnhof mussten kontrolliert werden. Die Polen, welche auf dem Gelände arbeiten müssen, haben Ausweise bekommen. Die meisten sind Bahnarbeiter, welch nun die Zugskomposititionen zusammenstellen müssen.
Willi wird nicht bei den Kontrollposten eingesetzt. Sein Panzer steht auf einer Anhöhe und kann das ganze Gelände mit MG-Feuer erreichen. Neugierig beobachtet er das Geschehen auf dem Bahnhof. Täglich werden hunderte von Leuten in Güterwagen verfrachtet. Pro Tag verlassen zwei bis drei Züge den Bahnhof in Richtung Warschau. Die Umsiedlung der polnischen Juden ist im Gang. Hitler beginnt sofort mit der Umsetzung seines wichtigsten Kriegsziels, die polnischen Juden unter strenge Kontrolle zu bringen.
Nach einer Woche weiss jeder wie es abläuft. Die SS durchkämmt die Häuser von Krakau. Jeder Jude wird umgesiedelt, wohin genau, das weiss keiner. Es sind provisorische Lager errichtet worden. Viele werden direkt nach Warschau gebracht, wo ein jüdisches Viertel eingerichtet wird. Den grössten Teil der Wohnungseinrichtung müssen sie zurücklassen, der wird von der SS beschlagnahmt.
Die Zeit vergeht schnell, nun hüten sie bereits ein Monat lang den Bahnhof. Inzwischen ist es kalt geworden. Die Schichten für die Wachmannschaft mussten verkürzt werden, nach einer Stunde ist man praktisch steif gefroren. Da genügend Soldaten zur Verfügung stehen, ist das kein Problem. Inzwischen wird nur noch ein Zug pro Tag abgefertigt. Die SS hat Probleme, Nachschub zu liefern. Die Wachposten werden nur noch zu den Verladezeiten vollbesetzt, die restliche Zeit reicht der Posten mit der besten Sicht auf das Gelände aus.
Willi ist mit Rolf auf dem Posten eingeteilt. In Kürze beginnt das Verladen der Juden, deshalb sind jetzt auch die anderen Posten besetzt. Willi schiebt sich ein Stück vom getrockneten Pferdeschinken in den Mund. Es hat sich so eingebürgert, dass auf der Wache auf einem Stück herumgekaut wird. So bleibt man besser wach. Die zusätzlichen Kalorien sind sehr willkommen. Das Essen ist nicht schlecht, aber im Überfluss leben die Soldaten in Krakau nicht.
«Da haut einer ab!», ruft Rolf.
Willi hat sofort das MG im Anschlag und zielt auf den über die Geleise eilenden Mann. Das MG ist auf Einzelschuss eingestellt, man will Munition sparen. Nun muss er schiessen, sonst erreicht der Flüchtende noch die Güterwagen auf dem äussersten Geleise.
«Scheiss Jude!», brummte Willi, «dir werde ich es geben.»
Dann kracht der Schuss. Es dauert endlos lange, doch dann fällt der Flüchtende hin. Er hat ihn. Er hat ihn immer noch im Visier, doch er zögert mit dem nächsten Schuss. Der kann ihm nicht mehr entrinnen.
Der Mann schreit aus Leibeskräften, er scheint grosse Schmerzen zu haben.
«Feuer einstellen!»
Die Aufforderung über Funk ist unmissverständlich, der geht uns nicht durch die Lappen. Zum Glück sind sie gut hundert Meter entfernt, denn das Schreien des Mannes geht einem durch Mark und Bein. Nur kurz überlegt Willi, ob er ihm einen Gnadenschuss verpassen soll. Dann müsste er sich wegen Munitionsverschwendung rechtfertigen. Er geht davon aus, dass einer der SS diese Aufgabe übernimmt, doch die denken nicht daran und lassen den Mann schreien.
Nach einer halben Stunde ist es im Bahnhof endlich wieder ruhig, ein einfahrender Zug hat den Juden überrollt. Jetzt liegen nur noch einzelne Körperteile auf den Geleisen verstreut herum. Die streunenden Hunde werden in der Nacht ihre Freude daran haben.
«Wie kann man nur auf solche Art Selbstmord begehen!», meint Willi zu Rolf, «der weiss doch, dass er keine Chance hat.»
«So denken eben die Juden», meint Rolf, «wenn es nicht um Geld geht, ist der Verstand ausgeschaltet. Doch damit ist jetzt in Deutschland Schluss, da müssen sie schon nach Amerika auswandern.»
Hast ja recht denkt Willi für sich. Innerlich ärgert er sich, denn er hatte tatsächlich einige Sekunden daran gedacht, den Mann von seinen Schmerzen zu erlösen. Er ist einfach zu weich. Für kurze Zeit hat er vergessen, dass es ein Jude war, der da schrie.
Mitte Dezember wird die Kompanie von Willi in den Heimaturlaub geschickt. Die SS findet in Krakau keine Juden mehr, deshalb wird der Bahnhof nicht mehr gebraucht. Die Polen haben sich mit den deutschen Truppen arrangiert, es sieht so aus, als ob die nur an den Juden interessiert sind, die gewöhnlichen polnischen Bürger werden nicht schikaniert.
Nach dem Weihnachtsurlaub wird seine Kompanie auf neue Panzer umgeschult. Der Einsatz für Willi in Polen ist zu Ende. Er wird für einige Wochen auf den Waffenplatz an der Ostsee zurückkehren.
Den Urlaub verbringt er bei seinen Eltern in Worms. Die jungen Leute sind aus dem Stadtbild verschwunden. In den Kneipen tummeln sich abends vor allem ältere Leute. Die meisten Deutschen, welche in der Lederfabrik arbeiten, bekleiden jetzt höhere Positionen als vorher. Die einfachen Arbeiten werden durch Kriegsgefangene erledigt. Alles was nicht unbedingt in der Fabrik gemacht werden muss, wird an ein Lager ausserhalb von Worms vergeben. Dort sind die Juden separiert worden.
Die Gegenstände, welche Willi und Vater von den Juden gekauft haben, sind immer noch im Gartenhaus verstaut. Es lohnt sich nicht, sie zu verkaufen. An einem Abend, Willi genehmigt sich ein Bier im Krug, als plötzlich Gabi auf ihn zukommt.
«Schon lange nichts mehr von dir gehört!», stellt sie fest und setzt sich zu ihm.
«Ich war in Polen.»
«Da hast du Bomben auf die Dörfer geworfen?»
«Nein, ich bin nicht mehr bei der Luftwaffe, ich wurde zu der Panzertruppe ungeteilt.»
«Aber du wolltest doch Kampfpilot werden!»
«Hat leider nicht geklappt, mir wurde immer schlecht, deshalb wurde ich umgeschult. Nun bei den Panzer gefällt es mir gut, da ist man viel näher am Kriegsgeschehen dran.»
«Du warst im Kampf?», fragt Gabi überrascht, «wurde auf dich geschossen?»
«Nicht direkt», gibt er kleinlaut zu, «aber unsere Kompanie hatte auch Ausfälle zu verkraften. Ein Freund wurde durch einen Kopfschuss getötet. Es war ein Heckenschütze, wir haben ihn leider zu spät entdeckt. Aber der Kamerad wurde gerächt.»
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