«Wir erwarten, dass die Hauptstrasse gut gesichert ist und weichen deshalb aus», ruft Willi seinem Fahrer zu, welcher nickt. Willi ist nicht sicher ob er alles verstanden hat. Auf dem Feldweg wird der Motor noch lauter.
Noch sind sie auf slowakischem Territorium, doch die Grenze rückt immer näher. Drei Kilometer vor der Grenze erhält Willi den Auftrag, nach links auszuscheren und möglichst weit den Berg hinauf zufahren, damit er die Grenze beobachten kann. Im ersten Gang kämpfen sie sich den Berg hoch. Noch sind sie von Polen aus nicht sichtbar. Eine Bergkuppe liegt dazwischen. Noch fünfhundert Meter, dann haben sie freie Sicht nach Polen.
Hinter einem dichten Gebüsch gehen sie in Stellung. Mit dem Fernglas beobachtet Willi den kleinen Grenzort. Alles scheint ruhig, die Strasse ist menschenleer. Der Schlagbaum an der Strasse ist heruntergelassen. Im Häuschen daneben trinken die Zöllner Kaffee oder Tee, das kann Willi nicht unterscheiden.
«Alles ruhig», meldet er über Funk an seinen Kommandant, «aber Vorsicht, auf dem Kirchturm und der Dachluke eines Bauernhauses ist eine MG-Stellung auszumachen.»
Er meldet die genaue Position der beiden Beobachtungen. Hinter einem Misthaufen erspäht er etwas später eine kleine Kanone.
«Die ist am gefährlichsten. Die muss aber noch bewegt werden, bevor sie auf das freie Feld schiessen kann. Die Wachsamkeit der Soldaten scheint nicht besonders hoch. Eine Frau bringt mit einem Wagen Milch in die Käserei. Alles scheint normal, als ob sie keinen Angriff erwarten. Aber Vorsicht, das kann täuschen», meldet Willi vorsichtig.
«Gut bleibt in Position», meldet der Kommandant, «leider kriege ich keine Flugzeug Unterstützung, aber wir haben ja noch unsere Artillerie, das Dorf können sie beschliessen, das liegt innerhalb ihrer Reichweite.»
Er wiederholt nochmals die Koordinaten der drei Ziele, «beobachte, ob noch Korrekturen nötig sind.»
Eine Viertelstunde später ist es mit der Ruhe im Dorf vorbei. Die erste Granate schlägt beim Miststock ein, die Kanone fliegt durch die Luft. Nur Sekunden später werden auch das Grenzhaus und der Kirchturm unter Beschuss genommen.
«Der Kirchturm steht noch», meldet Willi. Sekunden später explodieren weitere Granaten in der Nähe der Kirche, langsam neigt sich der Turm und fällt schliesslich zur Seite. Inzwischen rennen verzweifelte Menschen durch die Strasse des Orts. Mit einem massiven Angriff haben die nicht gerechnet. Die Zivilisten sind immer noch im Ort. Auch Soldaten rennen jetzt auf der Strasse herum und werfen sich hinter Mauern in Deckung.
Nach einer Viertelstunde ist der Spuk erstmal vorbei. Die Artillerie stellt das Feuer ein. Auf dem freien Feld, noch auf slowakischer Seite der Grenze fahren jetzt Panzer auf. Das Feld ist breit genug, dass fünf Panzer nebeneinander auf einer Linie vorrücken können. Dahinter sind Füsiliere im Vorrücken, immer die Deckung der Panzer ausnützend.
Aus dem Dorf schafft es ein polnischer Soldat, eine Salve in Richtung der anrückenden Panzer abzugeben. Unmittelbar nach der Salve feuern die Panzer mit allem was sie haben. Vier sind mit MGs bestückt und einer hat eine Kanone, welche das Bauernhaus ins Visier nimmt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, der Ort verschwindet im Nebel.
«Ich kann nichts mehr erkennen», meldet Willi, «ihr müsst selber nach Zielen suchen. Ich beobachte das Umfeld des Dorfes, für den Fall, dass sich Verstärkung nähern würde».
«Gut gemacht», meldet der Kommandant, «haltet uns den Rücken frei. Wir kommen zurecht, der Widerstand ist gering.»
Zwei Stunden später ist der Ort eingenommen, es gibt keinen Widerstand mehr. Die Bewohner werden ausserhalb des Dorfes auf einem Feld zusammengetrieben und entwaffnet. Ihre Hände werden auf dem Rücken zusammengebunden. Ein Mann greift die Soldaten mit einem Messer an, er wird sofort erschossen. Noch drei Männer müssen erschossen werden, dann wagt es keiner mehr, Widerstand zu leisten.
«Los Beeilung!», ruft der Kommandant, «wir müssen weiter, die SS wird die Gefangenen übernehmen.»
Eine halbe Stunde später fährt die Kompanie wieder in einer Kolonne auf der Strasse in Richtung Polen. Nächstes Ziel Rabka-Zdroj , wo sich vier Strassen kreuzen.
Noch vor Rabca, auf einem freien Feld stürmt plötzlich ein Trupp polnischer Kavallerie auf die Spitze der Kolonne zu. Wie tausend Mal geübt, scheren die Panzer aus und bilden eine Linie. Willi beginnt sofort zu schiessen. Die Pferde haben keine Chance und sinken getroffen zu Boden. Die Reiter fliegen im hohen Bogen aus dem Sattel und schlagen hart auf dem Boden auf.
Das Gefecht dauert keine halbe Stunde, dann ist die polnische Truppe besiegt. Mehr als zwanzig Pferde liegen tot auf dem Feld. Von den Reitern ist keiner mehr am Leben. Einige Pferde winden sich vor Schmerzen auf dem Feld.
«Erschiesst sie!», befiehlt der Kommandant, «ich kann die armen Tiere nicht leiden sehen.»
Fünf Mann übernehmen die undankbare Aufgabe und gehen mit einer Pistole bewaffnet von Pferd zu Pferd.
«Igelt euch ein», lautet der nächste Befehl.
«Wir müssen neue Munition und Diesel besorgen. Der Nachschub sollte in zwei Stunden da sein.»
Die Sicherung des Geländes übernimmt die Infanterie. Die restlichen Soldaten dürfen eine Pause einlegen. Einige nützen die Zeit, um einige Pferde auszuweiden. Mit Äxten trennen sie die Hinterläufe ab. Andere schneiden mit einem Messer den Pferden die Zungen ab. Mit Drähten hängen sie die riesigen Schinken an die Panzer und zwar so, dass die heisse Luft der Kühler sie anbläst, so hofft man, das Fleisch zu trocken.
Zwei Stunden später ist jeder Panzer vollgetankt und die Munitionskisten sind wieder gefüllt. Das Vorrücken auf die Strassenkreuzung bei Rabka-Zdroj erfolgt ohne weitere Feindkontakte. Das Städtchen war schon von der Luftwaffe bombardiert worden. Die drei Scharfschützen, welche sich in den Ruinen versteckt hatten, wurden schnell ausgeschaltet. Jede Strasse wird von drei Panzern gesichert. Damit ist der erste Kriegstag überstanden. Leider sind zwei Kameraden gefallen, fünf wurden verletzt. Im Vergleich zu den Verlusten, welche sie den Polen zugeführt haben, ein gutes Verhältnis. Allerdings betrauert Willi den Tod von Karl, der von einem Heckenschützen im Kopf getroffen wurde. Mit ihm hatte er im Ausgang einige Male Karten gespielt. Er wird seine guten Witze vermissen.
Rund um die Strassenkreuzung richtet man sich für die Nacht ein. Ein Wachdienst wurde aufgezogen. Zwei Stunden Schlaf folgen zwei Stunden Wachdienst, danach zwei Stunden Bereitschaft, in der Zeit muss verpflegt werden und auch Waffenreinigung und Körperpflege müssen in dieser Zeit erledigt werden.
Geschlafen wird auf der Ladebrücke eines LKWs. Bei einem Bauer wird Stroh organisiert, damit es nicht so hart ist. Die Nacht bleibt ruhig. In der Gegend sind die polnischen Truppen bereits besiegt. Eine Widerstandsbewegung lässt sich nicht so kurzfristig aufbauen, woher sollten sie die Waffen nehmen?
Am Morgen steigt die Sonne blutrote hinter einem Wäldchen auf und jeder freut sich über den schönen Anblick. Aus Sicherheitsgründen gibt es kein Antrittsverlesen, jeder Zugführer holt sich seinen Tagesbefehl direkt beim Kommandanten ab. Allgemein wird erwartet, dass man heute weiter in Richtung Krakau vorstösst.
Es kommt einer Enttäuschung gleich, als sich allmählich herumspringen, dass sie die nächsten Tage beauftragt sind, diese wichtige Strassenkreuzung zu sichern. Man beginnt sich einzurichten. An strategisch wichtigen Stellen werden Stellungen gegraben und MGs in Stellung gebracht.
Am Nachmittag fahren die ersten deutschen Truppen über die Kreuzung in Richtung Krakau. Die wachhabenden Soldaten rufen Heil Hitler und strecken den rechten Arm aus. Nur schade, dass man da im Hinterland bleiben muss, während die anderen Verbände ihren Siegeszug durch Polen fortsetzen. Dabei bleibt Willi und seinen Kameraden nur die Zuschauerrolle. Natürlich ist die Sicherung dieser Kreuzung wichtig, aber man hat das Gewehr nur im Anschlag, geschossen wird vermutlich nicht. Man muss sich damit zufrieden geben, dass sie bereits ein Gefecht siegreich bestanden haben.
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