«Hast du Soldaten erschossen?»
«Ja, einige, aber am meisten hatte ich mit Juden zu tun. Einige wollten türmen, dann musste man schiessen. Die waren aber selber schuld, wären sie nicht weggerannt, wäre ihnen nichts geschehen. - Wo warst du die letzte Zeit?»
«Ich war in einem Spital als Krankenschwester im Einsatz. Allerdings nicht an der Front, wir hatten nur mit relativ leichten Verletzungen zu tun. Verletzungen welche sich die Soldaten bei Übungen zugezogenen haben.»
Das Thema Krieg wird bald nicht mehr erwähnt. Man erinnert sich an die Zeit vorher. Bei dieser Gelegenheit wandert Gabis Hand Willis Bein entlang und verweilte dann an einer Stelle, weil sie feststellte, dass sich etwas bewegte.
«Wie wäre es mit einem Ausflug auf unseren Hochsitz?»
«Da hätte ich nichts dagegen», beantwortet Willi die Frage, «es könnte allerdings etwas kalt werden.»
«Da wird mir schon was einfallen», meint Gabi mit einem Augenzwinkern.
Über den Einfallsreichtum von Gabi kann Willi nur noch staunen, offensichtlich hat sie einiges an Erfahrung dazugelernt. Er schiebt die aufkommende Eifersucht bei Seite und geniesst die kreativen Techniken von Gabi.
Nach einigen schönen Abenden mit Gabi, muss Willi wieder nach Norden. In Putlos steht wieder Ausbildung auf dem Programm. Die meisten Rekruten im Umschulungskurs sind neu. Sie hatten eben eine militärische Grundausbildung abgeschlossen und sind jetzt bei den Panzertruppen eingeteilt worden.
Willi fühlt sich an den ersten Tag vor einem Jahr erinnert. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich einzuordnen. Erst als seine Gruppe vom Zugführer übernommen wird, kann er diesen informieren, dass er schon im Polenfeldzug dabei war.
Nun ändert sich alles schlagartig. Er wird zum Stellvertreter des Zugführers ernannt und erhält den nötigen Respekt. Sein Zugführer hat selber noch keine Kampferfahrung, er kommt direkt von der Offiziersschule. Für Willi geht es bei diesem Umschulungskurs darum, den neuen Panzer 35T kennen zu lernen. Dieser kann endlich in grossen Stückzahlen an die Wehrmacht ausgeliefert werden, doch es fehlt noch an Soldaten, welche das Gefährt bedienen können.
Es dauert noch eine Woche, bis Willi sein neues Gefährt endlich inspizieren kann. Mit dem PZkw ll hat der neue Panzer nicht mehr viel Vergleichbares. Lediglich die Lenkung über die Ketten ist noch gleich. Das neue Gefährt braucht eine vierköpfige Besatzung. Zu den beiden MGs gehört neu, eine Kanone mit der Geschosse von Kaliber 3,72 cm verschossene werden können. Die wird es auch brauchen, falls der neue Feind die Franzosen und Engländer sind, die verfügen über ähnliche Panzer, da könnten sie mit dem PZkw ll einpacken.
Auf dem Waffenplatz Putlos wird nun intensiv geübt. Willi wird als Instruktor bei der Ausbildung der Fahrer eingesetzt. Der grössere Teil seiner Kompanie trainiert die Bedienung der Geschütze. Es ist nicht einfach, die Kanone schnell nachzuladen, der Platz im Panzer ist eng. Es braucht Übung, bis der Leutnant zufrieden ist. Es wird später im Kampf wichtig sein. Wie lange es vom ersten bis zum zweiten Schuss dauert, kann über Leben und Tod entscheiden.
Ende März wurde die Ausbildung für abgeschlossen erklärt. In einer feierlichen Zeremonie werden sie vom Kommandant verabschiedet. Willi wird zum Leutnant befördert. Danach fährt die Kompanie zum Bahnhof und mit dem Zug nach Kleve in Westfalen. Ausserhalb von Kleve beziehen sie ein Zeltlager. Das Zeltlager ist grösstenteils im Wald errichtet und gut getarnt. Das Tagesprogramm besteht jetzt in theoretischen Panzerschlachten. In einem Zelt ist eine grosse Landkarte aufgeklebt. Mit Panzermodellen wird nun das taktische Vorgehen bei einem Angriff theoretisch durchgespielt.
Die Karte enthält Angaben über Flüsse, Brücken, Wälder und unwegsamen Gebieten wie Sümpfe. Die Ortschaften tragen keine Namen. Es brauchte einige Zeit, bis Willi bemerkte, dass das keine Phantasiekarten zum üben sind, die Karten zeigten Gebiete in Holland, deutlich erkennt er den Verlauf der Maas und der Waal. Seine Beobachtung behält er für sich, es wunderte ihn, dass man mit den Panzermodellen bis weit nach Holland vordringt.
Nach einer Woche mit intensiven Kriegsspielen, wird die Kompanie an einem Abend zum Bahnhof von Kleve gefahren. Sie mussten sich in Formation aufstellen, dann kommandiert der Feldwebel Achtung Stellung und meldet die Kompanie dem Kommandanten als bereit.
Normalerweise richtet sich der Kommandant nach so einem Aufmarsch an seine Truppe, doch diesmal schaut er auf die Bahngleise. Nach zwei langen Minuten hörte man das Nahen eines Zugs. Der verlangsamt seine Fahrt und hält genau vor der Formation an.
«Kompanie run!», schrie jetzt der Kommandant.
Jetzt kann man auch erkennen, was der Zug geladen hatte. Es sind Panzer. Willi zählt auf den Güterwagen 32 neue Panzer 35T.
«Abladen!», schreit der Kommandant, «aber schnell. Die Offiziere wissen was zu tun ist, folgt den Anweisungen.»
Ab sofort verwandelte sich der Bahnhof in einen Ameisenhaufen. Zwei Stunden später rollte der Konvoi in gemächlichem Tempo in Richtung ihres Camps am Waldrand. Die Fahrer haben die Anweisung, möglichst leise zu fahren, zum einen will man möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen, zum anderen müssen die Motoren noch eingefahren werden.
In den folgenden Tagen werden, auf einer vorbereiteten Strecke im Wald, die Panzer vorsichtig eingefahren. In Kleve darf nichts bemerkt werden. Höchsten ein leichtes brummen ist zu hören, doch das könnte auch von LKWs herrühren.
Nach einer Woche hatte jeder der 32 Panzer die notwendigen Einfahrkilometer abgespult. Nun müssen noch die MGs und vor allem die Kanone eingeschossen werden. Das ist nicht ohne Lärm möglich. Das MG-Feuer ist kein Problem, das ist in der Nähe von Truppen nicht aussergewöhnlich.
Damit der Lärm der Kanonen, möglichst nur lokal zu hören ist, wird jeweils ein Panzer in eine Kiesgrube gefahren, wo er seine ersten drei Schüsse abgeben kann. Genau zum Zeitpunkt der Schussabgabe, fliegt eine Bomberformation mit neun Do111 im Tiefflug über Kelve, so sind die Schüsse der Kanone kaum noch zu hören.
Anfang Mai führen immer fünf Panzer Übungen im Formationenfahren durch, dazu nutzte man ein Naturschutzgebiet, welches schon lange für Besucher gesperrt ist. Die Kompanie ist vorbereitet, jeder spürt, dass es nächstens losgeht. Die politische Lage ist angespannt. Offiziell haben Frankreich und England den Deutschen den Krieg erklärt, doch bis jetzt gab es höchstens mal ein Schusswechsel entlang der deutschfranzösischen Grenze. Das deutsche Volk ist immer noch im Siegestaumel. Nebst Polen im letzten Herbst, wurde auch Dänemark und Norwegen ohne grossen Widerstand besetzt. Jeder ist begeistert, den Deutschen kann niemand das Wasser reichen.
Ab dem 5. Mai werden alle Aktivitäten der Truppe eingestellt. An den Fahrzeugen werden allfällige Reparaturen vorgenommen. Die Übungsmunition wird durch Kriegsmunition ersetzt. Die Tanks sind gefüllt und in jedem Panzer gibt es eine Ecke mit einem Notvorrat an Verpflegung. Für Willi steht fest, es wird bald losgehen. Der Führer ist schon klug. Die französischen Truppen stehen wie im Weltkrieg an der Maginot Linie und Hitler umgeht das Bollwerk. Sehr geschickt, wir Deutschen habe ein riesen Glück, so ein weitsichtigen Führer zu haben.
Am 8. Mai gibt es nochmals Ausgang in Kleve. Danach wird die Alarmstufe drei gelten, also noch einmal tüchtig feiern. In Kleve haben sie selten Ausgang, deshalb hat Willi noch keine Freundin. Lohnt sich auch nicht, sie werden sicher bald verlegt. Für den Ausgang müssen sie diesmal zivile Kleidung tragen, es darf niemand merken, dass es in Kleve so viel Militär gibt.
Um Mitternacht gibt es einige Soldaten, welche den Heimweg nicht allein geschafft hätten. Man hilft sich gegenseitig, beim Rapport wird keiner vermisst. Der nächste Tag verläuft für Soldaten untypisch. Nur zum Essen kommen sie aus den Zelten, sonst ist Ruhe angesagt. Bis zum Abendrapport sind alle wieder nüchtern. Für die Nacht wird erhöhte Wachbereitschaft gefordert. Geschlafen wird nur noch in Kampfuniform, höchstens die Jacke darf man ausziehen.
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