„Warum stehen die Dinger dann wochenlang wie ausrangiert auf der Terrasse herum?“, wollte Anna wissen, musste aber vergeblich auf eine Antwort warten. Ansonsten waren solche Urlaubszeiten, wie gesagt, erholsam und beschaulich. Selbst Frieda rannte seltener nach vorn zum Zaun, um harmlose Passanten zu erschrecken, was sonst ihre Lieblingsbeschäftigung war, außer Fressen, versteht sich.
Diesmal allerdings wurde die traute Routine durch Rituale ergänzt, auf die wir nur zu gern verzichtet hätten. Ohne den Dingen allzu weit vorzugreifen, sei dies nur schon einmal erwähnt. Als ich später bei der Zeitung von den Kollegen gefragt wurde, wie denn mein Urlaub gewesen sei, fiel mir als passende Antwort nur ein: „Es war das Gegenteil von Urlaub.“
Mein erster Urlaubstag war der fünfzehnte Krankenhaustag für meine Mutter, und das hieß auch, dass Annas notorische Ermahnungen, ich solle doch bitte nicht vergessen, wieder einmal meine Mutter anzurufen, sich auf ganz grundsätzliche Weise erledigt hatten. Ich rief sie jeden Tag im Krankenhaus an. Meistens geschah das gegen Abend, wenn Hans-Gerd Lossau seinen Stuhl neben ihrem Bett geräumt hatte. Meine Schwester schaute jeden zweiten Tag bei ihr vorbei und telefonierte ebenfalls täglich mit ihr, jeden Mittag rief sie Anna an, um ihr Bericht zu erstatten und natürlich auch mir, nachdem Anna das Telefon an mich weitergereicht hatte. Später gingen dann Anna und ich noch einmal alles durch, und die Schlüsse, zu denen wir gelangten, waren alles andere als positiv. Immerhin telefonierten Carola und ich neuerdings sehr häufig miteinander, was in Annas Augen einen gewissen Fortschritt bezüglich meiner innerfamiliären Kommunikationsbereitschaft darstellte, wenn auch nur unter dem Zwang unerfreulicher Umstände. Jedenfalls holten Carola und ich erstaunlich schnell nach, was wir in den zurückliegenden Jahren versäumt hatten. Wir sprachen nicht ausschließlich über den Gesundheitszustand unserer Mutter.
Was diesen betraf, so ließ sich darüber ohnehin nicht allzu viel Günstiges sagen. „Gesundheitszustand“ war auch wohl kaum das richtige Wort. Wegen des Wassers im Bauch musste unsere Mutter „entwässert“ werden, wie es hieß, was mittels spezieller Medikamente geschah und zur Folge hatte, dass sie binnen weniger Tage fast zehn Kilo abnahm. Ich dachte bei mir, dass sie in den letzten Jahren ohnehin zu schwer geworden war, auch weil sie, entgegen ihrer Behauptung, sich gesund zu ernähren, zu viele Süßigkeiten aß. Doch bestimmt war es keine empfehlenswerte Diät, wenn ein Mensch mit Wasser im Bauch plötzlich durch Entwässerung derart viel Gewicht verlor. Meine Mutter wurde ferner punktiert, man entnahm ihr Gewebeproben und führte irgendwelche Spiegelungen durch und schob sie in irgendwelche Röhren – alles Vorgänge und Begriffe, die mir wenig sagten, sich aber für mein Empfinden nicht gut anhörten. Carola und Anna wussten damit natürlich mehr anzufangen, und was sie nicht auf Anhieb verstanden, schlugen sie in ihren Büchern nach.
Wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, dauerte es meistens eine Weile, bis nach dem Geräusch des Hörerabnehmens ihr Stimme an mein Ohr drang. Sie entschuldigte sich und machte den Apparat dafür verantwortlich.
„Das ist hier so ein komisches Telefon“, sagte sie. Später stellte ich fest, dass es sich um ein ganz normales Telefon handelte. Sie sprach davon, dass sie in einigen Wochen wieder nach Berlin kommen wolle. Sie nannte den Namen eines Restaurants in Mellingen, in dem sie vorher mit uns essen gehen wolle, wenn wir sie abholten, wie ich ihr versprochen hatte. Der Gedanke, dass wir sie abholen würden, schien sie zu freuen und zu beruhigen. Sie steig nur äußerst ungern zu Lossau ins Auto, der trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch fuhr und erst vor wenigen Monaten seinen Wagen zu Schrott gefahren hatte, nur um sich sogleich einen neuen zu kaufen. Einmal war einer unserer Söhne mit ihm gefahren, Paul, wenn ich mich richtig erinnere, und er hatte anschließend gemeint, er könne die Abneigung seiner Großmutter gegen Autofahrten mit ihrem Lebensgefährten am Steuer sehr gut nachvollziehen. Er selbst werde ganz gewiss nie wieder mit Lossau fahren. „Der fährt wie eine Wildsau.“
Carola berichtete mir, unsere Mutter erzähle den Mitpatienten, Ärzten und Schwestern im Krankenhaus, ihr Sohn werde eigens aus Berlin kommen, um sie abzuholen. „Mein Sohn hat einen großen Wagen“, erklärte sie den anderen. Im Vergleich zu Lossaus Golf war unser Volvo tatsächlich groß.
„Lass mich nur erst hier raus sein“, sagte sie zu mir am Telefon und beklagte sich, dass man sie nicht in Frieden lasse. „Ständig sind sie um um mich herum und machen irgendetwas mit mir. Dabei möchte ich einfach nur meine Ruhe haben.“
Das war ein verständlicher Wunsch, wie überhaupt das meiste, was meine Mutter sagte, schlüssig und plausibel klang – das meiste, aber nicht alles. Es war am vierten Tag meines Urlaubs, als sie mir berichtete, in der Nacht zuvor sei jemand am Fenster gewesen. Dann sagte sie noch, sie müsse vorsichtig sein mit dem, was sie sage. „Man kann hier nicht frei sprechen, sie drehen einem das Wort im Mund herum.“ Sie äußerte den Verdacht, dass die Kirche die Hände im Spiel habe. Meine Mutter hielt nichts von der Kirche, und es war ein katholisches Krankenhaus. Aber der Zusammenhang erschloss sich mir dennoch nicht.
„Jemand wie ich ist hier nicht gern gesehen“, sagte sie. „Ich habe die falschen politischen Ansichten und lese den 'Stern' und den 'Spiegel'.“ Das war mir nicht neu, und ich wusste, dass sie die Grünen wählte und mit den Linken liebäugelte, aber ich bezweifelte, dass das irgend jemanden in diesem Krankenhaus interessierte.
Anna meinte, meine Mutter sei offenkundig etwas verwirrt. „Sie ist eine sehr eigenständige Frau, und die Krankenhaussituation bedeutet sowieso großen Stress – und dann auch noch alle die Untersuchungen.“
Carolas Erklärungen klangen ähnlich. Aber am übernächsten Tag gelangten sowohl Anna als auch Carola und ich zu der Ansicht, dass diese Theorien womöglich unvollständig waren. Die Äußerungen der Kranken muteten jetzt noch verworrener an und ihre Stimme klang bisweilen bedenklich schwach, und dies, obschon sie mittlerweile ihre ersehnte Ruhe hatte, nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren und man die Medikation auf die entsprechenden Dosierungen eingestellt hatte.
„Eigentlich müsste es ihr besser gehen“, sagte Carola. Anna meinte das auch, während ich mich in meiner Auffassung bestätigt sah, dass Krankenhäuser letztlich ihre Bezeichnung deswegen zu Recht tragen, weil sie die Menschen krank machen.
„Wenn wir sie erst nach Berlin geholt haben, wir es ihr bald besser gehen, wir päppeln sie hier auf“, sagte ich, ohne indes restlos davon überzeugt zu sein, dass dies eine realistische Perspektive war. Carola fand das auch nicht, und dann sprach sie endlich aus, was mich und wahrscheinlich auch Anna die ganze Zeit schon mehr unbewusst als bewusst beschäftigt hatte.
„Ihr solltet herkommen, um sie zu besuchen“, sagte meine Schwester, „und zwar möglichst bald.“
Carola hatte hier offenbar präzise Vorstellungen, es war nicht leicht, ihnen etwas entgegenzusetzen, zumal sie wusste, dass ich Urlaub hatte, sodass ich mich nicht mit überraschenden Dienstplanänderungen herausreden konnte, wie ich das sonst gern tat, wenn ich irgendwelche unangenehmen Verpflichtungen auf uns zukommen sah. Meistens deckte mich Anna, beispielsweise, wenn wir auf Besuchsreise waren und bereits nach zwei Tagen feststellen mussten, dass wir genug hatten von den Verwandten und Bekannten. Ich fand es interessant, dass Annas Auffassungen darüber, wann es genug war, sich den meinen im Lauf der Jahre immer mehr angeglichen hatten, auch wenn sie das nicht so ohne weiteres zugegeben hätte. Zwar legte sie großen Wert darauf, dann und wann ihre Leute zu sehen, und jedes Mal gab es vorher langwierige Überlegungen, wer im einzelnen besucht werden müsse. Für einige wurden kleine Geschenke eingepackt, die Anna vorsorglich gesammelt hatte, oft waren es auch nur verspätete Weihnachtsgeschenke, die dann im Sommer überreicht werden sollten. Doch wenn es dann ernst wurde mit der Reise und der Termin näher rückte, stellte sich alsbald heraus, dass die Zahl derer, die unbedingt besucht werden mussten, dann doch nicht ganz so groß war. „Lass es uns kurz machen“, sagte Anna.
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