Meistens erklärten wir dann, es tue uns wirklich Leid, aber wir könnten nicht länger bleiben, wegen meiner Arbeit. Mal kündigten wir die Besuchsabkürzung schon vorher an, mal erfolgten unsere Erklärungen ganz spontan – je nachdem, wie sehr uns die Sache auf die Nerven ging, da waren wir flexibel.
In der ersten Zeit nach unserem Umzug nach Berlin waren wir noch ziemlich regelmäßig Richtung Westen gefahren, nicht nur dann, wenn dieser oder jener Pflichtbesuch fällig war. Doch mit den Jahren hatte die Frequenz deutlich nachgelassen und wir hatten eigene Vorstellungen davon entwickelt, was ein Pflichtbesuch war. Das gab gelegentlich Anlass zu spitzen Bemerkungen von Bekannten und Verwandten. Auch wurden Zweifel geäußert, ob bei den Zeitungsjournalisten tatsächlich so häufig die Dienstpläne über den Haufen geworfen würden – Zweifel, die durchaus ihre Berechtigung hatten. Aber es war einfach so, dass uns der ganze Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zum Sinn und Nutzen solcher Reisen zu stehen schien. Wir verbrachten viele Stunden auf der Autobahn, etliche davon im Stau, mussten langweilige Kaffeetrinken über uns ergehen lassen, wurden von wohlmeinenden Gastgebern zum Verzehr von zu vielen warmen Mahlzeiten genötigt und mussten in unbequemen Betten schlafen. Wir fanden es bei uns zu Hause einfach angenehmer.
Doch wie immer wir mittlerweile zu Besuchsreisen stehen mochten, eines war klar: Der Besuch bei meiner kranken Mutter war nicht zu vermeiden. Hier handelte es sich eindeutig um einen Pflichttermin. Die Frage schien einstweilen nur, was meine Schwester mit „bald“ meinte.
Für Anna und mich hatte das Projekt „meine Mutter nach Berlin holen“ bis dahin unter anderem den Vorzug gehabt, dass es weder sehr konkret noch sonderlich aktuell war. Die Dringlichkeit war in etwa vergleichbar mit jener solcher Urlaubsaktivitäten wie Museumsbesuche oder Fahrten ins Umland. Irgendwann würde vielleicht der Tag kommen, da wir uns dazu aufrafften – aber doch nicht jetzt gleich. Anna hatte übrigens nicht nur eine starke Abneigung gegen lange Autofahrten, sie hasste auch Krankenhausbesuche mindestens so sehr wie ich selbst.
„Lass uns bitte nicht gleich morgen fahren“, sagte sie. „Übermorgen ist früh genug, ich muss mich erst auf das Ganze irgendwie einstellen.“
Das sollte mir nur recht sein, so eilig hatte ich es auch nicht, und außerdem hatte ich ebenfalls das Gefühl, dass mir die die richtige Einstellung zu dem Vorhaben bisher noch fehlte. Allerdings glaubte ich kaum, dass ich sie bis zum übernächsten Tag finden würde. Ich wusste nicht einmal, wie die richtige Einstellung überhaupt auszusehen hatte.
Als ich am Abend mit meiner Mutter telefonierte, schien sie mir noch verwirrter als am Vortag. Dann rief noch einmal Carola an, und wir machten aus, dass wir uns übermorgen im Krankenhaus treffen und dann für ein paar Tage bei ihr und Bodo bleiben würden. Platz genug hatten sie, seit Lars und Nina ausgezogen waren, die etwa das gleiche Alter hatten wie Max und Paul. Das Haus war, nebenbei bemerkt, ihr eigenes, was Anna manchmal neidisch werden ließ, auch wenn sie das nicht gern zugab. Carola und ich und später Anna und ich überlegten, wann wir zuletzt bei den beiden zu Besuch gewesen waren. ES musste mindestens sechs, sieben Jahre her sein.
Carola gegenüber bekräftigte ich die Behauptung, ich müsse in der kommenden Woche wieder arbeiten, sodass unser Aufenthalt zwangsläufig begrenzt sein würde. Ich hielt es für vertretbar, meine Schwester in dem Irrtum zu belassen, ich hätte nur zwei Wochen Urlaub. Dies war das Mindeste, was ich tun konnte, um Anna und mir eine Chance zu sichern, „es kurz zu machen“.
Der letzte Tag vor dem Unvermeidlichen verstrich, ohne dass sich hätte sagen lassen, er sei noch besonders erholsam gewesen. Dann war es so weit. Anna erteilte Max und Paul die passenden Ermahnungen, die Post aus dem Kasten zu nehmen, sich vernünftig zu ernähren und sich um Frieda zu kümmern, wir versorgten uns an der Tankstelle mit dem Nötigen und machten uns auf den Weg.
Wir sprachen nicht viel während der Fahrt. Die Zeit verging selbst für Anna mit ihrer erklärten Aversion gegen lange Autobahnfahrten viel zu schnell. Dies hier war ein Pflichtbesuch der härteren Art. Ich dachte daran, welch ein Unterschied es war, im Liegestuhl im Garten zu liegen oder in einem Krankenhausbett. Im Sommer zuvor hatte meine Mutter oft bei uns im Garten gesessen.
Im Radio wurde unentwegt die Nummer eins der Charts gespielt – ganz egal, welchen Sender ich wählte, überall wurde nur dieser Song der blonden Kolumbianerin gespielt, die mir kürzlich nachts beim Zappen schon zufällig auf einem der Musiksender aufgefallen war, auch wegen ihres beeindruckenden Hüftschwungs. Das Stück war ein Ohrwurm, keine Frage, aber mir stand der Sinn nicht nach dieser Art von Musik.
Als wir nach fünf Stunden endlich die Autobahn hinter uns gelassen hatten und uns dem Krankenhaus näherten und immer noch Shakira sang, sagte Anna: „Stell bitte das Radio ab, ich kann es nicht mehr hören.“ Ich konnte es auch nicht mehr hören. Kurz darauf suchte ich eine Parklücke vor dem Krankenhaus und fand auch gleich eine. Eigentlich gab es keinen Grund für uns, noch im Wagen sitzen zu bleiben, aber wir taten es trotzdem.
Eine knappe Stunde später saßen wir bereits wieder im Auto und hatten es ziemlich eilig, von hier wegzukommen. Mir waren die ganze Zeit zuvor schon Carolas Worte bei unserem letzten Telefonat nicht aus dem Kopf gegangen: „Ihr müsst euch übrigens darauf einstellen, dass sie jetzt ganz anders aussieht. Es ist nicht mehr die Frau, die ihr gekannt habt.“ Anna hatte ich davon lieber nichts gesagt, weil ich wusste, dass sie ohnehin angespannt und nervös war. Was es mit dieser Warnung meiner Schwester tatsächlich auf sich hatte, war mir allerdings nicht ganz klar gewesen. Die zurückliegende Stunde hatte es klar gemacht, nicht nur mir, sondern auch Anna.
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