„Meine Mutter liegt im Krankenhaus“, sagte ich jetzt zu Reinhold, und er zeigte sich sogleich interessiert auf seine notorisch doktorhafte Weise. Über seine eigene Mutter wusste ich nichts. Ich hatte nur einige Male mitbekommen, wie er sehr ungehalten mit ihr telefoniert und anschließenden befunden hatte: „Sie spinnt.“
Reinhold schüttete sich noch einen Cognac ein, während ich ihm erzählte, was ich wusste, seit ich vor drei Tagen auf Annas Geheiß hin meine Mutter hatte anrufen wollen, doch keine Gelegenheit dazu erhalten hatte. Stattdessen war ich selber angerufen worden, und zwar von Anna, nachdem diese einen Anruf von meiner Schwester erhalten hatte. Anna und Carola telefonierten viel miteinander, was man von Carola und mir nicht sagen konnte. Carola und Bodo, mein Schwager, wohnten in Gingen, einer Nachbarstadt von Mellingen, also weit weg von Berlin, aber das war nicht der eigentliche Grund, weshalb der Kontakt zwischen mir und meiner Schwester im Lauf der Jahre immer sporadischer geworden war. Hätte man mich nach dem wahren Grund gefragt, so wäre mir allerdings auch keine plausible Antwort eingefallen, vermutlich, weil es ihn gar nicht gab. Wir hatten uns immer gut verstanden und wir lebten heute in ähnlichen Verhältnissen, hatten ähnliche Ansichten, ähnliche Kinder, ähnliche Probleme und sogar ähnliche Hunde – na ja, beinahe ähnliche. Doch wer einen regelmäßigen Austausch von Gedanken pflegte, über literarische und musikalische Vorlieben miteinander plauderte oder auch nur Wunsch hatte, die eine oder andere befremdliche Neuigkeit über Hans-Gerd Lossau und meine Mutter zu erörtern, das waren nicht Carola und ich, sondern Anna und Carola. Die beiden Schwägerinnen schienen beinahe wie Schwestern, und zwar welche, die besonders gut miteinander können, was ja auch nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Beide waren, vorsichtig gesagt, etwas hypersensibel, man hätte es auch leicht hypochondrisch nennen können, ohne allzu sehr zu übertreiben. Immer hatten sie einander viel zu erzählen, wenn nicht über Bücher, die sie beide mochten, oder die Kinder, die nicht erwachsen werden wollten, oder ihre Männer, die in dieser Hinsicht ebenfalls gewisse Schwierigkeiten bereiteten, dann über Krankheiten, die sie selbst niemals hatten und aller Voraussicht nach auch niemals würden zu erleiden haben. Und jetzt die Krankheit meiner Mutter – das war ein Thema für die beiden, bei dessen Erörterung ich mir beinahe wie ein Außenseiter vorkam.
Zugleich allerdings fühlte ich etwas in mir weich werden. Ich würde meine Mutter fortan jeden Tag anrufen, das nahm ich mir fest vor; ich hatte mir von Carola eigens die Durchwahl zu ihrem Krankenbett geben lassen. Annas Standardhinweis - „es ist schließlich deine Mutter“ -, mit dem sie sonst entsprechende Ermahnungen an meine Adresse zu beschließen pflegte, gewann plötzlich einen neuen Beiklang, vor dem selbst ich die Ohren nicht verschließen konnte. Und als Anna nach Bekanntwerden der Krankheitsnachricht gemeint hatte, ich sollte doch bitte einmal Carola anrufen - „schließlich ist sie deine Schwester“ -, hatte ich nur zustimmend genickt. Ich sah all diese Dinge nun doch in einem etwas anderen Licht, wenn auch noch nicht in einem völlig neuen, so weit war ich noch nicht. Und dass Carola ihren Schilderungen gegenüber Anna zufolge das Gefühl hatte, sie sei für mich „immer nur die kleine Schwester gewesen, die der große Bruder nicht ernst nimmt“, gab mir in dieser Stimmung doch mehr zu denken, als ich sonst von mir selber gewohnt war.
Unsere Mutter hatte „Wasser im Bauch“, wie Carola es ausdrückte, außerdem waren ihre Blutwerte miserabel und der „Stuhl“, wie es hieß, pechschwarz. Allein dieses Wort ließ mich innerlich zusammenzucken, aber so redeten sie wohl in den Krankenhäusern, benutzten die Bezeichnung für ein Sitzmöbel als schönfärberisches Synonym für Exkremente. Der vorläufige Befund jedenfalls lautete, dass unsere Mutter offenbar wahllos und in viel zu großen Mengen Schmerzmittel geschluckt hatte wegen ihrer Arthrose in Knien und Handgelenken. Doch ob das tatsächlich die Ursache für das „Wasser im Bauch“ war, schien einstweilen nicht sicher. Man hatte begonnen, allerlei Untersuchungen anzustellen, und sowohl Carola als auch Anna hatten bereits ihre medizinischen Ratgeberbücher gewälzt.
„Das klingt alles nicht sehr gut“, lautete der Kommentar Reinholds, und ich verkniff mir die Bemerkung, dass wir darauf auch schon gekommen seien. Dann erwähnte er noch etwas von der Leber, die manchmal „verantwortlich für Wasseransammlungen“ sei, was mich kurz überlegen ließ, wie es wohl um seine, Reinholds Leber bestellt sein mochte, wie er es für den Rest des Tages mit dem Cognac halten und wie verantwortlich er sich nach Dienstschluss verhalten würde. So wie ich ihn kannte, würde er trotz erheblicher Alkoholisierung in seinen Wagen steigen, einen kleinen tiefergelegten Mercedes mit Breitreifen und Spoiler, den er unten um die Ecke geparkt hatte. Schlagartig wurde mir klar, dass ich – Freundschaft hin oder her – es schon viel zu lange versäumt hatte, den Hausarzt zu wechseln.
Als ich nach Hause kam, traf ich Anna und Helga im Wohnzimmer an, in dem weißen, um genau zu sein, dort wo gegessen wurde. Sie aßen Räucherlachs, Oliven und Baguette. Helga hatte bereits eine halbe Flasche Weißwein intus, wie ich bemerkte, aber das war gewiss nicht der Grund dafür, dass ihre Augen gerötet waren. Derlei Symptome zeigten sich bei ihr frühestens nach der Hälfte der zweiten Flasche, schließlich war sie bei Reinhold in eine gute Schule gegangen. Zum Glück trank sie immer nur Weißwein, sodass ich keine akuten Sorgen um meine letzten beiden Flaschen Rotwein haben musste. Anna wollte erst übermorgen wieder Großeinkauf machen.
Ich verzog mich mit dem neuen Houellebecq nach draußen in den Liegestuhl, um noch ein bisschen Abendsonne zu genießen, und ich hoffte, dass der neue Houellebecq besser war als der letzte John Irving, der nicht nur viele Kritiker enttäuscht hatte, sondern auch mich. Wer mich nicht enttäuscht hatte, war Philippe Djian, der enttäuschte mich so gut wie nie. Allerdings schrieben sie alle neuerdings nur noch über Sex, und zwar in einer derart bemühten Manier, dass es mich seltsam berührte, obschon ich mir zugute halten konnte, jemand aus der legendären, aufgeklärten, rundum selbstbefreiten Generation zu sein. Insbesondere dieser Houellebecq trieb es ziemlich toll. Ich hatte die ersten zehn Seiten von „Plattform“ gelesen und die beiden anderen Bücher von ihm, „Ausweitung der Kampfzone“ und „Elementarteilchen“, und ich fragte mich, wie jemand durch das Verfassen solcher Texte derart berühmt werden konnte. Was Djian und Irving dazu veranlasst hatte, schriftlich ihre sexuellen Obsessionen auszuleben, schien mir indes noch einigermaßen plausibel. Wahrscheinlich versuchten sie, mit ihren männlichen Wechseljahren klarzukommen, nur eben auf literarische Weise und damit anders als ein gewisser Herr Doktor im Südwesten Berlins. Houellebecq hingegen war meiner Meinung nach einfach nur durchgeknallt – was er da schrieb, waren im Grunde nichts anderes als überlange Leitartikel, garniert mit ein bisschen Porno. Auf solch einen Mix wäre nicht mal der verrückteste Zeitungsredakteur gekommen, und ich kannte einige, denen allerlei zuzutrauen war.
Angesichts dieser Erkenntnis zündete ich mir erstmal eine Camel an. Kurz danach kam Anna kurz heraus, tätschelte mit einem Blick, den ich gut kannte, meinen Brustkorb - „mein Gott, wie braun du schon bist“ - und teilte mir mit, Helga habe ein Problem.
„Ich weiß, ich weiß“, sagte ich. „Hast du vergessen, dass ich heute Morgen bei Reinhold war? Er hat mir alles erzählt.“
„Natürlich habe ich das nicht vergessen, aber ich hätte nicht gedacht, dass er es dir erzählen würde. Er erzählt eigentlich nie jemandem etwas über sich – sagt jedenfalls Helga.“
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