Rolf war der festen Überzeugung, dass dies für beide Partner und damit auch für Angelika gegolten hatte. Aber sie hatte es wohl aufgrund des Schmerzes und der Bitterkeit der Trennung nicht wahr haben wollen. Bis heute gefiel sie sich in der Rolle des Opfers, der Leidenden und der Märtyrerin, die alles für ihn aufgegeben und immer alles für ihn getan hatte, bis ihr dann eine fünfundzwanzig Jahre jüngere Frau den Mann weggeschnappt hatte.
So stellte sie es auch gegenüber den Kindern und Freunden dar, und versuchte immer noch, ihn und insbesondere Magda für das zu bestrafen, was sie ihr vermeintlich angetan hatten. Angelikas Ziel war es, alle gegen sie beide aufwiegeln und sie hatte es auch teilweise geschafft. Was seine Exfrau aber nie verstanden hatte war, dass sie sich damit gedanklich und emotional an etwas band, was längst vorbei war. Indem sie nicht verzieh und gegen diese Beziehung ankämpfte, fesselte sie sich an die Vergangenheit, riss immer wieder alte Wunden auf und konnte das Thema für sich nicht abschließen, während Rolf sein neues Leben lebte und glücklich – zumindest glücklicher als vorher – war. Er wusste, dass die Beziehung mit seiner ehemaligen Frau auch unabhängig von Magda früher oder später gescheitert wäre. Der Prozess war durch ihr Auftauchen lediglich beschleunigt worden.
Rolf erinnerte sich immer gerne daran, wie er Magda bei einem Geschäftsbesuch in Polen kennengelernt hatte. Sie hatte ihn damals vom Frederic Chopin Airport in Warschau abgeholt und ihn mit den Worten begrüßte: „Herr Kaltenbrenner? Meine Name ist Magdalena Wigura und ich bin Ihre Begleiterin in den nächsten drei Tagen.“ Ihre tiefe Stimme und ihr Akzent mit dem rollenden „r“ hatten ihn auf Anhieb fasziniert. Zu dem Zeitpunkt hatten beide aber noch nicht geahnt, dass aus den drei Tagen inzwischen sechs Jahre und wahrscheinlich der Rest ihres Lebens – zumindest aber doch seines – werden sollten.
In ihrem roten Kostüm hatte Magda umwerfend ausgesehen, auch wenn sie für seinen Geschmack etwas zu grell geschminkt und ihre Haare etwas zu blond gefärbt gewesen waren. Er hatte sie aber – vielleicht sogar aufgrund dessen – unglaublich attraktiv gefunden und sie hatte eine erotische Anziehung auf ihn ausgeübt, wie er es weder davor noch danach erlebt hatte.
In den folgenden Tagen war sie kaum von seiner Seite gewichen. Sie war als Dolmetscherin aufgetreten, hatte für ihn Termine organisiert und ihn hinsichtlich der landesspezifischen Besonderheiten im geschäftlichen Umgang und der polnischen Kultur beraten. Und er hatte ihre Gegenwart, sowie ihre angenehme und offene Art mit Menschen umzugehen, genossen. Es war eine wundervolle Zeit gewesen und er hatte gespürt, wie er sich zunehmend zu ihr hingezogen gefühlt und sie immer mehr begehrt hatte.
Sein Herz hatte ihm bis zum Hals geschlagen, als er gemerkt hatte, dass sein Werben offensichtlich auf fruchtbaren Boden fiel. An seinem letzten Tag in Warschau hatte er sie dann in eines der teuersten Restaurants der Stadt eingeladen, um sich bei ihr zu bedanken und mit ihr den erfolgreichen Verlauf der Geschäftsreise zu feiern. An diesem Abend hatte sie ihn dann endgültig erhört und sie hatten gemeinsam die Nacht verbracht.
In der Folgezeit war er dann immer häufiger auf ‚Geschäftsreise‘ nach Warschau gefahren und aus der anfänglichen Affäre war eine dauerhafte Beziehung geworden. Irgendwann hatte Rolf nicht mehr Versteck spielen und Magda keine Distanzbeziehung mehr führen wollen. Also hatte er ihr kurzerhand eine kleine Wohnung in Heilbronn gekauft, seine Entscheidung der Familie verkündet und war mit Magda zusammengezogen. Nicht nur seine Kinder, sondern auch viele Freunde und Bekannte hatten sich mit dem von ihm eingeschlagenen Weg schwer getan und manche sich sogar zurückgezogen. Während sich die Gattinnen der Gesellschaft mit Angelika solidarisierten und in Magda den ‚Gold-Digger‘ sahen, neideten die Männer ihm wohl die junge, gutaussehende Frau.
Irgendwann war das Leben in Deutschland und die Arbeit nicht mehr zu ertragen, sodass er die Firma abgegeben hatte. Für etwas mehr als zwei Millionen Euro hatte er sich anschließend eine Sunseeker Luxusyacht gekauft, diese von Port Adriano nach Port d’Andratx überführen lassen und verbrachte nun mit Magda den Großteil des Jahres auf Mallorca.
Abrupt wurde Rolf aus seinen Gedanken gerissen, als das Rauschen der Dusche erstarb. Er drehte sich um, schwang die Beine aus dem Bett und blieb auf dessen Kante einen Moment sitzen. Sein Blick fiel auf sein Bild, das im gegenüberliegenden Spiegel zu sehen war und ihm unangenehm die ungeschönte Wahrheit aufzeigte. Rolf saß leicht vornübergebeugt, sein Oberkörper war unbekleidet und die Rollen seines Bauches hingen über den Bund seiner Boxershort. Die Zeit und das gute Leben hatten unzweifelhaft ihre Spuren hinterlassen.
Mit seinen knapp ein Meter siebzig Körpergröße war er nie ein großer Mann gewesen, hatte dies aber immer mit viel Sport und körperlicher Fitness ausgeglichen. Von dem einst straffen und durchtrainierten Körper war aber nicht mehr viel zu erkennen. Um dem ernüchternden Anblick zu entrinnen, erhob er sich schnell vom Bett, sog die Luft tief in die Lungen, richtete sich auf und spannte die Bauchmuskeln an. Wenn ich den Bauch einziehe, geht‘s, dachte er schon etwas versöhnter bei sich.
Als sich die Tür zum angrenzenden Bad etwas öffnete und der Wasserdampf der heißen Dusche in seine Richtung strömte, atmete er wieder aus. Der Spalt zwischen Tür und Rahmen gab den Blick auf Magda und einen Teil ihres wunderschönen Körpers preis. Er ging in ihre Richtung, schob die Tür ganz auf und betrat den Raum.
Magda stand vor dem Badezimmerspiegel und wickelte sich ein Handtuch wie eine Art Turban um ihre nassen Haare – ansonsten war sie unbekleidet. Sein Blick fiel auf die schlanken Fesseln und wanderte an ihren schier endlos langen Beinen nach oben. An den Rundungen ihres Gesäßes hielt er kurz inne. Dann betrachtete er ihren makellos geraden Rücken und ihren zarten Nacken, auf dem der Flaum ihrer blonden Haare wie Schaumkronen in einem Strudel ineinander liefe.
Da das Handtuch nicht den gewünschten Halt fand, nahm Magda es wieder ab und startete einen erneuten Versuch. Sie hob die Arme über den Kopf und wickelte den Stoff noch etwas straffer. Im Spiegel konnte er ihre runden Brüste sehen und beobachten, wie sich diese im Takt ihrer Bewegungen hoben und senkten. Er liebte den Anblick ihres jungen Körpers und die Schönheit ihrer natürlichen Nacktheit. Rolf spürte, wie sein Blut in Wallung geriet und sich die Erregung in seinem Unterleib ausbreitete. Vorsichtig trat er hinter Magda. Er umfasste ihre Brüste, schob seinen Unterleib an ihr Gesäß und küsste sie in den Nacken. „Guten Morgen mein Schatz“, flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr.
„Niiiecht!“, rief sie und verzog dabei das Gesicht. Schnell schälte sie sich aus seinem Griff, trat einen Schritt zu Seite und nahm ein großes Duschhandtuch aus einem Regal. Kurz tupfte sie sich damit den Schweiß vom Gesicht, der durch die heiße Dusche und die Feuchtigkeit hervorgerufen wurde, und wickelte dann ihren gesamten Körper darin ein.
Rolf spürte, wie die Erregung ihn wieder verließ. Er nahm seine Zahnbürste aus dem Becher, verstrich Zahncreme auf dieser und wandte sich seiner Morgentoilette zu.
*
Zischend schloss sich die Schiebetür der Hotellobby hinter Jan. Obwohl es gerade erst kurz nach zehn Uhr war, brannte die Sonne bereits so warm, dass sich sein Körper auf dem Weg vom ‚Bon Vivant‘ zurück zum Hotel deutlich aufgeheizt hatte. Aufgrund des Alkohols vom Vorabend schwitzte er besonders und empfand es als Wohltat, als sich die angenehme Kühle der klimatisierten Lobby auf seinen Körper legte.
Beim Durchqueren der Halle blickte Jan zur Rezeption hinüber, die inzwischen mit der Tagesschicht besetzt war. Maria und Jaqueline, zwei junge Frauen vom spanischen Festland, beschäftigten sich mit einer Gruppe deutscher Touristen, die gerade eincheckten. Diese waren wahrscheinlich am frühen Morgen von Frankfurt, Düsseldorf, Hannover oder wo auch immer gestartet und froh, nun bald ihr Zimmer beziehen und sich an den Pool legen zu können.
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