Der jetzt so friedlich daliegende Ort würde sich in einen Ameisenhaufen verwandeln, in dem absolutes Chaos herrschte und der die Dezibel-Stärke eines startenden Flugzeugs erreichte. Und er, Jan, mitten drin – tapfer lächelnd. Fremde Männerhände würden freundschaftlich auf seine Schultern klopfen, während ihre Besitzer bereits das erste Bier des Tages in der anderen Hand hielten. Gleichzeitig würden ihm weibliche Gäste vielsagend zulächeln, deren Kinder an ihm rumzerrten, um mit ihm Tischtennis oder Volleyball zu spielen oder sich anderweitig ablenken zu lassen.
Jan liebte dieses Chaos, die Abwechslung und die vielen Kontakte zu unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Ländern. Und er hatte in der Regel sehr viel Spaß und lachte oft mit seinen Gästen. Er liebte seine Arbeit – zumindest meistens. Aus Erfahrung wusste er aber auch, dass sein Job nach Nächten mit zu viel Alkohol und zu wenig Schlaf die Hölle sein konnte.
Jan betrat das Hauptgebäude durch den Seiteneingang und durchquerte die Lobby in Richtung Hotelbar. Auf der rechten Seite der Halle befand sich die Rezeption, hinter der er den Nachtportier erkennen konnte. Dieser stand vornübergebeugt hinter der Theke und schaute nach unten. Es war das Ritual des Portiers, mit seinen zwanzig Jahren Unternehmenszugehörigkeit eines der Urgesteine des Hotels, morgens nach Arbeitsende in Ruhe einen Café au Lait zu trinken und die Zeitung zu lesen. Normalerweise tat er dies im Raum hinter der Rezeption. Jan ging davon aus, dass der Portier nicht begeistert war, dass er seinen Kaffee diesmal im Empfangsbereich trinken musste, denn er ließ sich dabei nur ungern von den Gästen stören.
„Hola Pepe!“, rief Jan ihm zu.
Der Portier schaute auf und grüßte freundlich: „Bon dia Jan, com està? … du siehst nicht gut aus, wieder eine anstrengende Nacht gehabt?“
„Hör auf, ich fühle mich hundeelend.“
„Oh, da trifft es sich ja gut, dass Señor Arrivira bereits nach dir gefragt hat“, sagte der alte Mann und rollte dabei mit den Augen. „Er möchte dich sprechen und hat mich gebeten, dich umgehend zu ihm zu schicken, wenn du auftauchst.“
Jan lächelte den anderen an, winkte kurz und änderte dann abrupt seine Gehrichtung. Schnellen Schrittes ging er auf den Haupteingang zu. Wenn ihn sein Chef suchte, dann würde er im Hotel keine Ruhe finden, um seinen Kaffee genießen und etwas regenerieren zu können. Früher oder später würde ihn ‚der Giftzwerg‘, wie ihn die meisten Mitarbeiter aufgrund seiner Größe und seines aufbrausenden Temperaments nannten, entdecken.
Und Jan wusste, wie diese Gespräche abliefen: Arrivira würde ihn wieder fragen, warum die Bereiche, für die Jan und seine Kollegen verantwortlich waren, nicht aufgeräumt waren. Wieder würde er ihn fragen, warum nicht sämtliche Kostüme für die Abendveranstaltungen aufgebügelt waren und sich die Bälle und Spiele nicht an den Stellen befanden, an die sie seiner Ansicht nach gehörten. Und wieder würde er ihn fragen, warum die Türen der Schränke nicht verschlossen waren und ob er glaubte, dass es sich um Regale handelte. Anschließend würde er sich nach dem Gästeprogramm für die nächsten Tage erkundigen und ihn darauf aufmerksam machen, dass Jan als Chefanimateur für den ordnungsgemäßen Zustand der Ausrüstung und die Unterhaltung der Gäste verantwortlich war. Abschließend würde er ihn dann nochmals darauf hinweisen, dass er sein Team führen müsste, dieses aber ein undisziplinierter Haufen sei und dass sie alle da wären, um zu arbeiten und nicht um Urlaub zu machen.
Jan kannte den Sermon und war noch nicht bereit, sich das anzutun. Wie bei einem angeschlagenen Boxer hing seine Deckung derzeit tief und er war noch nicht in der Lage, eine Attacke seines Chefs zu parieren. Jan zog es daher vor, seinen Kaffee außerhalb zu sich zu nehmen.
Zügig verließ er das Hotel und hielt sich rechts in Richtung Carrer de l’Agulla, der Straße, die den Hafen von Cala Rajada mit dem Strand der Cala Agulla verband. Als er die Straße erreichte, wandte er sich in Richtung Hafen. Auch wenn noch wenig Leben in der Stadt war, schoben manche Händler bereits die Rolltore hoch oder die Gitter vor den Türen der Geschäfte beiseite. Vor den kleinen Supermärkten fuhren Mitarbeiter Ständer mit Postkarten oder Sonnenmilch vor die Tür oder hängten aufblasbare Gummitiere auf. An anderen Stellen deckten Cafe- und Restaurantbesitzer die Tische auf ihren Terrassen ein, um die ersten Gäste des Tages willkommen heißen zu können.
Allerdings waren es um diese Uhrzeit häufig noch die Gestrandeten der Nacht, die nach ausgiebigem Feiern den Bars oder Diskotheken wie ‚Bolero‘ oder ‚Physical‘ entstiegen waren. Jan wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie man dort das Gefühl für Zeit und Raum verlieren konnte. Doch während er in jüngeren Jahren als Tourist noch im ‚Physical‘ gefeiert und die Nacht zum Tage gemacht hatte, bevorzugter er heute das ‚Bolero‘. Und das, obwohl der Laden in die Jahre gekommen war und ihm die dort täglich spielende Band ‚Géminis‘ zunehmend auf die Nerven ging. Im ‚Bolero‘ war aber eher seine Altersklasse zu Hause und er mochte die Dachterrasse, auf der man wundervoll entspannt sitzen oder feiern konnte.
Als Jan fast am Hafen angekommen war, bog er links in Richtung der Placa dels Mariners ab und konnte sein Ziel schon fast sehen: Das ‚Bon Vivant‘, sein Lieblingslokal in Cala Rajada. Jan mochte das Café mit der langen Theke, die sich auf der einen Längsseite des Lokals fast durch den ganzen Raum zog und vor der einige Tische standen. Er genoss es, dass das ‚Bon Vivant‘ etwas im toten Winkel der Touristen lag und daher entsprechend ruhiger war und auch von Mallorquinern besucht wurde. Jan hatte das Café noch nie voll erlebt und es herrschte stets eine entspannte Atmosphäre. Wenn er aber ehrlich zu sich selber war, dann gab es einen anderen Grund, der den Ausschlag dafür gab, dass er so oft dort war: Das war die Besitzerin der Bar – Inés.
Als er das Café erreichte, stand die in einem gläsernen Rundbogen eingelassene Tür bereits offen. Wie so oft zog sich sein Magen vor Aufregung zusammen, als er den Raum betrat und Inés sah. Sie stand hinter der Theke an der Espressomaschine und schaute konzentriert auf die kleine Metallkanne in ihrer Hand, während sie mit der anderen den Druck regulierte, mit dem die heiße Luft zischend und gurgelnd in das Gefäß und die Milch gepresst wurde. Mit gleichmäßigen Bewegungen schob Inés die Kanne nach oben und unten und verwandelte so die Milch in Schaum. Kurz schaute sie auf, um sich dann wieder der Zubereitung des Kaffees oder Cappuccino zu widmen.
Wie beiläufig sagte sie: „Hola Jan! Du siehst nicht gut aus. Wieder eine anstrengende Nacht gehabt?“ Ein spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Hi Inés, ging so – es war einfach spät. … Kann ich bitte einen Café con Leche haben.“ Jan ging an der Theke entlang bis zu der Stelle, wo diese in einem nahezu rechten Winkel in Richtung Wand auslief. In dieser Ecke setzte er sich auf einen Barhocker. Es war sein Lieblingsplatz, denn von hier aus konnte er in Richtung Tür schauen und sehen, wer das Lokal betrat. Und er hatte einen freien Blick auf die Bar und – was noch wichtiger war – auf Inés.
Während sie den Kaffee weiter zubereitete, schaute sie ihn mit dem bezauberndsten Lächeln der Welt an. Seit ihrem ersten Treffen vor drei Jahren und den ersten Worten, die sie gewechselt hatten, riefen ihr Anblick und ihre Nähe einen emotionalen Sturm in Jan hervor. Inés war damals mit einer Freundin im ‚Bolero‘ gewesen und die beiden hatten mit ihren Getränken auf der Dachterrasse an einem der Stehtische gestanden und etwas getrunken. Jan hatte sich zu ihnen gestellt und als sie ins Gespräch gekommen waren, die beiden Frauen mit seinem Mallorquinisch beeindruckt. Nachdem ihre Freundin tanzen gegangen war, hatte Jan den Blick nicht mehr von Inés abwenden können. Ihre fast schwarzen Augen hatten ihn fasziniert und er hatte sich in diesen verlieren wollen.
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