Die unbeschwerte Urlaubsstimmung, Sonne und Alkohol hatten dann dazu geführt, dass passiert war, was sich von Anfang an angedeutet hatte: Nach einem längeren Abend an der Bar waren sie sich nähergekommen und zwischen Jan und Marianne hatte sich eine leidenschaftliche Affäre entwickelt. Sie hatten schöne Stunden miteinander verbracht; am Ende des Urlaubs war sie dann aber wieder in die Arme ihres Mannes zurückgekehrt. Das war das übliche Spiel: Die Gäste kamen in den Club, um eine unbeschwerte, besondere Zeit zu verbringen und etwas zu erleben. Weil für viele ein Flirt oder mehr zu einem gelungenen Urlaub dazu gehörte, entwickelten sich diese Geschichten stets sehr schnell und wie von selbst. Manchmal fragte sich Jan, ob die Urlauber bewusst ihren Verstand abschalteten und ihre Moralvorstellungen zuhause ließen oder einfach rosarote Brillen auf hatten.
Nur eines war bei Marianne anders: Während Jan die Frauen in der Regel nicht wieder sah, war sie die letzten Jahre immer Mitte Mai wieder nach Cala Rajada und zu ihm zurückgekehrt. Ihrem Mann sagte sie stets, dass sie Urlaub vom Familienleben sowie Sonne, Meer und Entspannung benötige, um zu sich zu finden und Kraft für den Alltag zu schöpfen. Ob ihr Gatte das glaubte oder nicht, Jan hatte keine Ahnung. Eigentlich war es ihm aber gleich, ob Marianne mit ihm ihren Mann betrog. Sie wollte es so, schließlich kam sie jedes Jahr zu ihm zurück.
In dieser einen Woche bekam sie die Illusion von Unbeschwertheit und Glück, das Gefühl, eine begehrenswerte sowie wundervolle Frau zu sein. Stets fuhr sie entspannt und erholt nach Hause und Jan wandte sich der nächsten Touristin zu, die etwas mehr erleben wollte. Wahrscheinlich war Mariannes Ehe nach ihren Ausflügen besser als vorher, weil sie gut gelaunt und ausgeglichen in die Arme ihres Mannes zurückkehrte. Also hatte eigentlich auch dieser etwas davon, wenn Jan sich ihrer eine Woche annahm.
Komische Vorstellung, dachte er, während er vorsichtig Mariannes Laken anhob und unter dieses schlüpfte. Zärtlich legte er seinen Arm um ihre Hüfte. Als er sich an sie schmiegte, spürte er ihre Nacktheit und den Körper einer Frau, die ihr Leben lang auf diesen und ihre Figur geachtet hatte. Langsam schob er seinen Unterleib nach vorne und spürte ihr festes Gesäß, als er sich an sie drückte.
Schlaftrunken begann Marianne sich zu räkeln und ihre Arme über den Kopf zu strecken. Jan ließ seine Hand über ihren Bauch nach oben gleiten und umgriff ihre Brust, was sie mit einem leisen lustvollen Seufzer honorierte. Langsam schob sie ihr Gesäß nach hinten, um so den Druck seines Beckens erwidern zu können. Jan spürte, dass es ihm gefiel und wie ihm das Blut in den Unterleib schoss.
„Na, ist mein kleiner Freund schon wach?“, fragte Marianne mit einer Stimme, die ebenfalls den vergangenen Abend in sich trug. Dabei bewegte sie ihren Unterleib rhythmisch gegen seinen.
„Wen von uns beiden meinst du?“, fragte er neckend, während er ihre Haare aus dem Nacken strich und diesen zärtlich küsste.
„So wie es sich anfühlt, sind ja beide schon recht fit.“
Auch wenn Jan ihre Nähe gefiel, so war er nicht in der Lage, jetzt mit ihr zu schlafen. Sein Kopf war bleischwer und er fühlte sich immer noch benebelt. Außerdem hatte er einen pelzigen Geschmack im Mund und sein Magen rebellierte. Er drehte sich auf den Rücken und zog Marianne zu sich herüber. Als sie ihren Kopf auf seine Schulter und die Hand auf seinen Bauch legte, antwortete er abwehrend: „Entschuldige, ich bin echt nicht fit. Ganz im Gegenteil!“
Während beide schweigend dalagen, begannen sich Jans Gedanken wieder zu verselbstständigen. Über die Jahre hatte er viele Frauen geliebt. Liebe, ein Wort, das in diesem Zusammenhang irgendwie fehl am Platze ist, dachte er bei sich. Er hatte diese Frauen nicht geliebt, er hatte sie gevögelt – und die meisten waren ihm ziemlich gleichgültig. Es war ihm auch egal, dass er diesen Frauen wahrscheinlich genauso wenig bedeutete. Am Ende wollten sie im Urlaub keine Liebe und keine großen Gefühle finden. Allenfalls wollten sie eine Illusion davon, um ihren Spaß mit einem Zuckerguss aus Romantik verhüllen zu können. Was ihn dabei immer wieder erstaunte, war, dass die Frauen meist noch nicht einmal sonderlich wählerisch waren. Selbst seine hässlichsten und dümmsten Kollegen hatten regelmäßig Erfolg.
Jan legte seinen Unterarm über seine Augen, um diese vor der Helligkeit zu schützen. Gedanken schossen wie Blitze durch seinen Kopf. Er wusste, dass die Nacht für ihn vorüber war und er nicht mehr einschlafen würde, auch wenn er total übernächtigt war.
Langsam schälte er sich unter dem Laken hervor, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf.
„Was machst du?“, fragte Marianne überrascht.
„Tut mir leid, aber ich muss gleich arbeiten“, sagte Jan und verschwand im Bad. Nachdem er kurz geduscht hatte, trat er wieder heraus und setzte sich aufs Bett. Während er nach seiner Hose griff, die in einem Knäuel auf dem Boden lag, kniete Marianne sich hin und rückte näher an ihn heran. Sie schmiegte sich an ihn, schlang ihre Arme von hinten um ihn und Jan konnte ihre weichen Brüste an seinem Rücken spüren.
„Sehen wir uns heute Abend wieder?“, hauchte sie ihm ins Ohr.
„Ich weiß noch nicht. … Ich muss erst einmal arbeiten und bin gerade ziemlich ausgepowert.“ Während er das sagte, stand er vom Bett auf und zog sich sein T-Shirt an.
„Da weiß ich eine Therapie, die dich schnell wieder zu Kräften kommen lässt“, antwortete sie ihm lächelnd.
„Mal sehen.“ Jan schlüpfte in seine Schuhe, ging dann zu Marianne herüber, küsste sie auf die Stirn und verließ anschließend ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
*
Während Jan die Treppe hinunterging, wurde ihm bewusst, dass es für ihn und Marianne kein Heute und kein Morgen mehr geben würde. Zügig verließ er das Gebäude. Als er nach draußen trat, trafen ihn die Sonnenstrahlen mit voller Wucht. Reflexartig kniff er die Augen zusammen und bildete mit seiner rechten Hand einen Schirm, um seine Augen vor der Helligkeit zu schützen. Es war kurz nach sieben Uhr am Morgen und die Sonne stand noch tief.
Jan hielt einen Moment inne und schaute sich um. Er stand auf einem der Wege, welche die zweistöckigen Häuser für die Gäste und das Hauptgebäude des Hotelkomplexes miteinander verbanden. Die Außengebäude waren in einem weitläufigen Rund um die Pool-Anlage gruppiert, während vor Kopf der vierstöckige Hauptkomplex lag, in dem sich die Infrastruktur des Hotels wie Speisesaal, Bar, Küche, Verwaltung und Rezeption befanden.
Jan hatte das Gefühl, dass er einen starken Kaffee brauchte. Auch wenn er vermutete, dass dieser ihm nicht wirklich helfen würde, so bestand doch zumindest die Hoffnung. Er durchquerte die Hotelanlage, die aufgrund der frühen Stunde noch ruhig dalag. Nur wenige Geräusche wie das Zwitschern der Vögel oder das Zischen und Gurgeln der Rasensprenger unterbrachen die Ruhe. Zudem trug der Wind hin und wieder das leise Klappern von Tellern und Töpfen aus der Küche zu ihm hinüber.
Jan ging auf das Hauptgebäude zu und genoss die Ruhe. In etwa dreißig Minuten würden die ersten Hotelgäste in leichten Sommerkleidern oder T-Shirts und Shorts ihre Zimmer verlassen und sich auf dem Weg zum Frühstück machen. Meist legten sie dabei noch einen Zwischenstopp am Schwimmbecken ein, um mit Badehandtüchern ihre „Pool-Position“ zu sichern. Nach und nach würden sie der Anlage buntes Leben einhauchen. Die Geräuschkulisse würde langsam aufbranden und sich anschließend für etwa zehn Stunden wie eine Glocke über den gesamten Pool-Bereich legen. Eltern würden ihre Kinder gegen deren lautstarken Widerspruch mit Sonnenschutz eincremen. Andere wiederum würden ihren lieben Kleinen hinterher rufen, dass sie aufpassen sollten oder dies oder das nicht tun sollten, während die Rotzlöffel laut schreiend und mit großem Getöse in den Pool sprangen.
Читать дальше