Bevor sie den Satz zu Ende bringen konnte, unterbrach Lauenburg sie kalt: „Danke, ich kenne den Weg. Ich bin ja nicht das erste Mal hier.“ Er drehte sich um, ging zu einem offenen Fahrstuhl und drückte, nachdem er ihn betreten hatte, den Knopf mit der richtigen Etagennummer. Als sich die Tür schloss, lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand, schloss die Augen und atmete tief durch. Er spürte, wie sich der Lift in Bewegung setzte und ihn zügig auf 195 Meter hoch zur 46. Etage katapultierte.
Oben angekommen, wandte er sich dem Eingang des Fernsehsenders zu. Nachdem er einen Wachmann passiert hatte, stand er am Empfang von ‚b-tv deutschland‘. Von dem Studio aus versorgte der Sender seine Zuschauer mit aktuellen Informationen aus der Wirtschaft, der Finanzwelt und vom Börsenparkett.
„Hallo Herr von Lauenburg!“, begrüßte ihn die Dame am Empfang und lächelte ihm zu.
„Guten Morgen.“
„Es tut mir Leid, Herr Schwarz ist noch nicht da.“
„Kein Problem, dann warte ich eine Sekunde auf ihn.“
„Wenn Sie hier vorne Platz nehmen wollen“, antwortete die Mitarbeiterin des Senders und deutet an, sich von ihrem Stuhl zu erheben.
„Bleiben Sie sitzen. Ich weiß ja wo es hingeht.“
Lauenburg ging rechts am Empfang vorbei und betrat einen kleinen Wartebereich, der nur durch ein großes Salzwasseraquarium vom Empfang getrennt war. Er mochte dieses Becken mit den bunten Fischen, Korallen und Seeigeln. Der Anblick der friedlich dahingleitenden Fische hatte eine sehr beruhigende und entschleunigende Wirkung auf ihn und während er dem bunten Treiben zuschaute, verlor er sich wieder in seinen Gedanken.
„Herr von Lauenburg.“
Jäh wurde er in die Gegenwart zurückgeholt und fragte sich, wie lange er wohl schon dagestanden und in das Aquarium gestarrt hatte. Er wandte sich der Stimme zu und sah die Dame vom Empfang.
„Herr Schwarz hat gerade angerufen. Er steht im Stau und kommt etwas später. Wenn Sie mir folgen wollen. Ich bringe Sie dann rüber in unseren Barbereich, dort können Sie einen Kaffee trinken.“
Auf sein Kopfnicken hin drehte sie sich um und führte ihn den Gang hinunter. Dabei passierten sie das Aufnahmestudio, das eigentlich nur ein kleiner Glaskasten mit einem Tisch vor Kopf und einer Kamera an der gegenüberliegenden Decke war. Dort würde er in Kürze mit dem Redakteur über die allgemeine wirtschaftliche Lage, die Situation am Aktienmarkt und insbesondere über das überdurchschnittliche Wachstum seines Bankhauses sprechen – sollte dieser es durch den Berufsverkehr zum Studio schaffen.
Sie betraten einen offenen Barbereich, in dem Mitarbeiter ihre Pausen verbrachten und Besucher verköstigt wurden.
„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“, fragte die Mitarbeiterin vom Empfang.
„Nein Danke, ich habe heute Morgen bereits genug Kaffee gehabt.“
„Etwas anderes vielleicht?“
„Nein. Ich setze mich hier vorn ans Fenster und warte auf Herrn Schwarz.“ Er riss sich zusammen und lächelte.
„Gern“, antwortete die Dame und verließ wieder den Raum.
Lauenburg passierte ein weiteres Salzwasseraquarium und setzte sich an einen kleinen Tisch, der sich unmittelbar an der großen Glasfront befand. Von dort aus konnte er aus dem Fenster über Frankfurt in Richtung Süden schauen. Er liebte den Blick aus großer Höhe über die Stadt und genoss diesen auch immer, wenn er sich zu Besprechungen oder Verhandlungen in einem der Bankentürme aufhielt.
In der Entfernung sah Lauenburg Flugzeuge, die sich wie auf eine Schnur gezogen dem Flughafen näherten, um kurz vor der Landung im Gewirr der Gebäude aus seinem Blick zu verschwinden. Aus dieser Distanz und Höhe wirkten die Maschinen wie kleine Insekten und es hatte den Anschein, als könne er sie mit einer Handbewegung aus der Luft holen. In wenigen Stunden würde auch er in einem dieser Flugzeuge sitzen, um hoffentlich bald mehr Informationen und Gewissheit zu erhalten. Er hoffte, dass der Alptraum bald ein Ende hatte.
Doch zunächst musste er diesen Fernsehtermin erfolgreich hinter sich bringen. Er wusste, was sein Aufsichtsrat, die Aktionäre sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seines Unternehmens von ihm erwarteten – und er würde diese Erwartungen erfüllen.
„Guten Morgen Herr von Lauenburg“, unterbrach eine Männerstimme seine Gedanken.
„Jetzt gilt es“, dachte er kurz bei sich. Carl Friedrich von Lauenburg nahm Haltung an und drehte sich um.
*
Als er wach wurde, spürte er das sanfte Schwanken seiner an der Mole vertäuten Yacht. Rolf drehte sich im Bett auf den Rücken, schlug die Augen auf, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die Decke. Aus dem Bad drang das Rauschen der Dusche an sein Ohr, das sich mit dem leisen Plätschern und Gurgeln des an der Bordwand brechenden Wassers vermischte.
Er fragte sich, welcher Wochentag war und musste einen Moment nachdenken, bis es ihm einfiel. Dienstag. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als ihm wieder bewusst wurde, wie gut es ihm ging. Vor etwa drei Jahren, kurz nach seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag, hatte er sein Unternehmen in einem Management-Buyout an seine angestellten Geschäftsführer veräußert. Es war ihm nicht leicht gefallen, die Firma – einen mittelständischen Automobilzulieferer – abzugeben. Aber er wusste die ‚H.W. Kaltenbrenner Fahrzeugteile AG‘ bei den neuen Eigentümern gut aufgehoben.
Früher oder später hätte er das Unternehmen in fremde Hände geben müssen, da weder seine Tochter noch sein Sohn Interesse an der Leitung des Betriebs hatten. Und dennoch hatte er lange darüber nachdenken müssen, schließlich war die Firma seit fast einhundert Jahren im Besitz seiner Familie gewesen. Sein Großvater hatte das Unternehmen gegründet, dieses dann an Rolfs Vater vermacht und dieser wiederum hatte die Firma an ihn übergeben. Entsprechend schwer hatte Rolf sich mit der Entscheidung getan und es war ein Prozess, der sich über Jahre hingezogen hatte. Währenddessen hatte er sich immer wieder aufs Neue gefragt, ob es der richtige Schritt war. Und fortlaufend hatte ihn ein schlechtes Gewissen geplagt und es hatte an ihm genagt, dass er das Geschäft an einen Dritten veräußern und nicht an seine Kinder übergeben wollte.
Aber seit der Trennung von seiner Ehefrau Angelika war das Verhältnis zu seinen Kindern immer schlechter geworden. Zunächst hatte es sich nur abgekühlt, aber dann war die Situation eskaliert und es war zum Bruch gekommen.
Während sein Sohn noch verhältnismäßig nüchtern mit der Situation umging, war seine Tochter nach und nach immer aggressiver und beleidigender geworden. Beide wollten nicht akzeptieren, dass es seine freie Entscheidung gewesen war, sich von ihrer Mutter zu trennen. Auch wenn Magda, die neue Frau an seiner Seite, fünfundzwanzig Jahre jünger war als er, so war sie nicht eine von Homers Sirenen, die ihn um den Verstand brachte. Rolf lächelte, als ihm bewusst wurde, dass sie es durchaus verstand, ihm alle Sinne zu rauben. Aber die Trennung war nur zu einem Teil von ihr forciert worden und seine neue Partnerin hatten alle, auch seine Kinder, zu akzeptieren. Es war sein Leben, das er nur ein Mal lebte, und in diesem musste er glücklich werden.
Zu dem Zeitpunkt der Trennung von seiner Ehefrau war er bereits seit Längerem an ihrer Seite nicht mehr glücklich gewesen. Auf dem Weg, den sie dreiundzwanzig Jahre gemeinsam gegangen waren, waren beide irgendwann an einer Weggabelung in unterschiedliche Richtungen abgebogen. Vielleicht waren sie noch eine Zeit lang nebeneinander her gelaufen, aber ihre Wege führten sie immer weiter auseinander. Sie hatten sich unterschiedlich schnell und in verschiedene Richtungen entwickelt und so immer weiter voneinander entfernt. Als er sich dann von ihr getrennt hatte, war es bereits seit Jahren keine glückliche und erfüllte Beziehung mehr gewesen.
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