Maja ließ die Tafel wischen (toll, dass sie daran gedacht hatte!) und enteilte in ihre eigene siebte Klasse.
Danach hatte sie Pausenaufsicht, auch das vergaß sie heute nicht (es war ihr durchaus schon passiert, und der Kollege, den sie mit der tobenden Pausenhalle und dem Gedränge vor dem Verkaufskiosk alleine gelassen hatte, hatte dazu kräftige Worte gefunden) – und heute war sie sogar vor ihm da, trennte zwei Raufbolde, sorgte für ordentliche Schlangen vor den Verkaufsschaltern, nötigte ein kleines Ferkel, seinen Bananenpamp wieder vom Boden zu wischen, und hinderte zwei Mittelstüflerinnen daran, zum Rauchen nach draußen zu verschwinden. Auf ihren Hinweis, ein Pfund Wimperntusche lasse einen eben nicht erwachsener, sondern nur überschminkt erscheinen, reagierten die beiden beleidigt und beharrten darauf, schon in der Q 11 zu sein.
„Jaja“, schloss Maja die Debatte ab, „ich könnte euch fotografieren und die Fotos der Frau Suttner zeigen, die kennt die gesamte Oberstufe. Soll ich?“
„Och nööö – ich glaube, es regnet draußen sowieso“, kniff die eine, und dann schlugen die beiden einen Haken und waren im Gewühl verschwunden.
„Was wollten denn die beiden Hühnchen aus der Neunten?“, fragte der Kollege. „Mir erzählen, sie seien in der Q 11 und dürften in der Pause nach draußen“, grinste Maja. „Aber überprüfen lassen wollten sie das dann doch lieber nicht.“
„Gott, sind die zwei doof!“, seufzte er. „Ich hab sie schon zweimal in einer Wolke aus kaltem Rauch zu völlig illegalen Zeiten von draußen reinkommen gesehen und ihnen jedes Mal einen Verweis verpasst – lernen die denn gar nichts daraus? Beim dritten Mal gibt´s den verschärften Verweis und dann reiche ich sie weiter an den Disziplinarausschuss.“
„So süchtig können die doch noch nicht sein, oder?“
„Eben. Ich versteh die zwei auch nicht.“
„Es sei denn“, gab Maja zu bedenken, „da draußen stehen ganz entzückende Kerlchen aus der Oberstufe…“
„Aber wer will schon einen vollen Aschenbecher küssen?“
„Wenn man selbst riecht wie einer, macht das wohl nichts.“
Sie beobachteten einträchtig das Gewimmel und scheuchten nach dem ersten Läuten die Schüler in Richtung Treppe.
Im Lehrerzimmer herrschte große Unruhe, alles aß auf, packte ein, aus und um, studierte den Vertretungsplan, kramte in den Fächern, drängte sich um die beiden Kopierer und verbreitete ganz allgemein Hektik. Maja dachte sogar daran, kurz auf den Vertretungsplan zu schauen – nichts für sie – und ließ sich dann, ausgesprochen zufrieden mit sich selbst, an ihrem Platz nieder.
Sie räumte in ihrer Tasche herum, fand aber nichts, was sich aufräumen ließ, und rechnete die Aufgaben für die Montagsstunde in der Achten durch. Besser als nichts.
Am Montag hatte sie noch die Elfte in Mathe, die Elfte in Geographie und ihre Siebte… wenn sie sich jetzt schon ein bisschen vorbereitete, hatte sie am Wochenende mehr Zeit, um wenigstens das vierte Zimmer einigermaßen herzurichten.
Wenn dieses Zimmer vernünftig aussah… sie versank in Tagträumen von einer wohl organisierten Wohnung.
„Scheiße, das ist in dieser Woche die vierte Vertretung!“, fluchte Bea Frick und ließ sich neben ihr nieder. „Und dann in der sechsten Stunde am Freitag! Wieso können die Zwerge nicht einfach heimgehen?“
„Viermal ist echt heftig“, bedauerte Maja sie pflichtgemäß. „Ist das eine Fünfte?“
„Ja“, stöhnte Bea Frick, „und zwar die 5 e, die kenne ich gar nicht.“
„Sorry, aber die ganz Kleinen dürfen wir nicht mehr früher nach Hause schicken“, mischte sich Hilde Suttner ein, die gerade vorbeikam. „Die Eltern hätten gerne, dass sie bis eins sicher hier aufgeräumt sind und nicht zu Hause die Bude auf den Kopf stellen, während die Eltern noch in der Arbeit sind.“
„Kann man verstehen“, gab Bea zu, „aber ich hätte heimgehen können!“
„Pech. Viermal, hast du gesagt? Echt viel. Ist dir was ausgefallen in dieser Woche?“ Bea grummelte. „Meine Neunte ist gestern und heute auf einem Workshop. Damit sind mir drei Stunden weg gebrochen.“
„Na eben, dann hast du auch nur eine Stunde mehr. Mit so was musst du hier leben. Was machst du denn mit den Zwerglein?“
„Weiß nicht… Hausaufgaben?“
„Wird von der Schulleitung gar nicht geschätzt. Üb mit denen was. Hast du nicht Englisch in einer anderen Fünften?“
Das musste Bea zugeben. „Na, dann üb mit denen. Nötig haben sie´s bestimmt. Alle haben es immer nötig.“
Maja kicherte. „Stimmt. Irgendwie scheinen ihre kleinen Hirne einen Lotus-Effekt zu haben, alles gleitet rückstandsfrei ab.“
„Bei größeren Hirnen leider auch“, kommentierte Hilde trocken. „Du kannst noch in einer Zwölften Leute finden, die sagen: Eine Gerade zeichnen? Haben wir nie gelernt, ehrlich. Und sie glauben es selbst!“
Kurz darauf läutete es, und Bea und Maja verzogen sich in ihren Unterricht.
Als Maja um eins ihre Karte zurückgebracht hatte und im Lehrerzimmer einpackte, war sie voller Tatendrang. Jetzt würde sie diesem vierten Zimmer mal Beine machen, aber so was von gründlich!
Die schon wieder am Boden zerstörte Claudia Merz ignorierte sie und eilte durch die Hintertür davon und zügig nach Hause.
Dort stellte sie ihren Kram ins Wohnzimmer, damit er ihr nachher nicht im Weg war, und sah auf die Uhr: Viertel vor zwei. Erst mal kurz was essen!
Sie schnappte sich einen Apfel und ein hartes Ei, für mehr war sie zu ungeduldig. Sobald sie beides heruntergewürgt und ein Glas Wasser hinterher gegossen hatte, ging sie ans Werk und rollte im vierten Zimmer den Teppichboden auf. Er ging tatsächlich problemlos ab – nur war die Rolle sehr unhandlich und es dauerte, bis sie sie so in den Flur gezerrt hatte, dass sie dort nicht die Türen blockierte.
Im Zimmer standen jetzt noch zwei Stühle, die sie eben quasi vom Teppich geschüttelt hatte, eine halbvolle Umzugskiste und mehrere Plastiktüten auf einem der Fensterbretter. Sie räumte alles nach draußen, ohne groß nachzusehen, was darin war, und betrachtete dann das Zimmer.
Der Boden war schmutzig und voller Brösel von dem Schaumstoff unter dem Teppich, aber offensichtlich waren fast alle diese Brösel lose. Sie saugte den Boden mehrfach ab und schabte dann die letzten Reste herunter.
Nicht schlecht. Und unter dem blöden Teppichboden waren auch flache Sockelleisten zum Vorschein gekommen.
So, jetzt brauchte sie Farbe, Rolle, Gitter, Abdeckfolie und mehrere Teppichmesser, um das Monster in tragbare Stücke zu zerschneiden.
Oder sie quetschte diese fiese Rolle erstmal in den Keller…
Gute Idee. Und dann zum Baumarkt!
Sie brauchte eine gute halbe Stunde, bis sie die Rolle in den Keller gezerrt, in den übervollen Verschlag gepresst, hinter ihr zugesperrt und dann die Krümel von der Treppe gefegt hatte. Danach war sie schweißgebadet. Sie machte sich geringfügig frisch, schätzte die Größe des Zimmers auf zwanzig Quadratmeter und trabte los.
Im Baumarkt lud sie sich die entsprechende Farbmenge und alles Zubehör auf den Wagen und schob ihn durch die Gänge, wo sie prompt auf Frau Heusler stieß, die ein zierliches messingnes Gießkännchen trug.
„Ach, die Frau Körner! Na, sagen Sie mal, warum lassen Sie denn das nicht ihren Mann machen?“
Maja sah sie verdutzt an. „Meinen – was?“
„Na, Ihren Mann? Herrn Körner?“
„Hab ich nicht. Aber ein paar Wände streichen, das schaffe ich ja wohl gerade noch selbst.“
„Keinen Mann? Aber Sie wohnen doch wohl nicht alleine? Und streichen? Können Sie das denn? Weiß das Ihr Vermieter?“
Maja verstand des Problem nicht ganz und pickte nur die letzte Frage heraus: „Mein Vermieter? Wieso?“
„Na, wenn Sie da so laienhaft herumklecksen… Wir lassen so etwas immer einen Fachmann machen. Wirklich vornehme Tapeten, beige mit Goldmotiven…“
Читать дальше