1 ...8 9 10 12 13 14 ...18 Sie hängte die drei anständigen auf und warf das schwarzweiße Scheusal zu dem übrigen Mist. Wo sollten die drei Blazer hin? Sie konnten ja nicht ewig an den Schranktüren baumeln!
Kleiderstangen gab es im dritten Schrank – zwei übereinander, voller Blusen, die wahrscheinlich alle untragbar waren – und im vierten: eine Stange, an der einige Hosen über Bügeln hingen, außerdem zwei Strickjacken, die auf den Bügeln bestimmt schon einen Meter länger geworden waren, mehrere eher merkwürdige Kleider und ein Daunenmantel, der den halben Schrank zu füllen schien. Hier passten die Blazer hinein – und mindestens die Hälfte des übrigen Krams konnte weg.
Mittlerweile waren die beiden Fächer trocken; Maja schichtete die T-Shirt-Stapel hinein und freute sich an dem wohl geordneten Anblick. Für heute reichte das, fand sie. Sie holte sich aus der Küche eine Riesenplastiktüte und packte die T-Shirts und den Blazer hinein. In der Tüte war noch Platz, also zog sie zwei besonders alberne Kleider von ihren Bügeln, überlegte kurz und packte sie dazu.
Die Tüte war damit einigermaßen voll; sie band sie zu und warf sie in ihren Einkaufskorb – ein kleiner Weg zum Container war locker noch drin, auch wenn es mittlerweile schon fast neun war.
Die Nacht war angenehm, fast lau, eine Erinnerung an den Sommer – obwohl der ja eigentlich wenig hergegeben hatte. Maja war das allerdings eher am Rande aufgefallen, sie hatte darauf gelauert, ob – und wo – sie eine Planstelle bekam und wo sie in Leisenberg wohnen sollte, bis ihre Eltern mit ihrem Ruhestandsplan herausgerückt waren und ihr die gerade leer stehende Wohnung überschrieben hatten. Ja, und dann hatte sie den ganzen Krempel aus ihrem Neuhausener Einzimmerappartement in Kisten verpackt und stückweise hierher geschafft. Damals war ja ihr uralter Polo noch gefahren… Kurz danach hatten praktisch gleichzeitig Lichtmaschine, Hauptbremszylinder und Getriebe den Geist aufgegeben.
„Ja, waren Sie denn nie bei der Inspektion?“ Die Frage klang ihr noch im Ohr. Gut, der Polo war sechzehn Jahre alt geworden, sie hatte ihn als Siebenjährigen gekauft. Aber mit etwas Pflege hätte er gut zwanzig werden können!
Ach ja… aber eigentlich tat es ihr recht gut, durch die laue Nacht zum Containerstandplatz zu gehen. Klar, eigentlich war das Einwerfen schon verboten, aber sie kam ja nicht mit einem Korb voller lärmender Flaschen. Ein Sack Klamotten weckte schon niemanden. Zehn Kalorien oder so verbrauchte der Weg bestimmt. Und morgen würde sie sich beim Bäcker nur noch zwei Vollkornsemmeln kaufen. Und einen Apfel mitnehmen. Wenn das nicht wirkte, wusste sie ja auch nicht.
Sie versenkte die Riesentüte lautlos im Container und lief auf einem sehr lobenswerten Umweg an vielen schönen Schaufenstern vorbei nach Hause zurück.
Sehr selbstzufrieden kam sie in die Wohnung und war so im Schwung, dass sie auch gleich noch das Bügelbrett aufbaute und sich daran machte, die restliche Wäsche von gestern wegzubügeln und Die T-Shirts konnte sie danach auch richtig sortieren und auf die verschiedenen Stapel zu verteilen.
Zufrieden war sie aber immer noch nicht, auch nicht, als Bügeleisen und Brett wieder verstaut waren und das Wäschegestell wieder hinter der Tür klemmte.
Sie holte sich noch eine Riesentüte und baute sich vor dem nächsten Kleiderschrank auf.
Pullover! Der fiese Chenillelumpen in Dunkelgrün konnte weg – aber in den Müll, für den Container war er schon zu fürchterlich. Und dieses schweinchenfarbene Polyesterding – das musste ihr irgendjemand geschenkt haben, sie konnte sich so etwas Scheußliches unmöglich selbst gekauft haben. Auch Müll.
Das Riesensweatshirt mit dem Blümchenmuster…
Hm.
Sie zog es über: Viel zu groß. Sie hatte nicht vor, so viel zuzunehmen, dass ihr das Ding passte, also ab in den Container.
Schuhe – zwischen den Pullis? Und zwar abgetretene rosa Ballerinas. Müll.
Die Jeans, die ganz hinten zum Vorschein kamen, waren an den Innenseiten der Oberschenkel durchgewetzt, saßen schlecht und waren zu eng.
Zu eng wäre nicht das Problem, überlegte sie, angesichts ihrer Vorsätze, aber der Stoff war praktisch durch. Müll.
Der Sweatblazer in rot-weiß geblümt war völlig verzogen und verschrumpelt – den musste sie mal in den Trockner gesteckt haben. Auch Müll.
Nun reichte es ihr doch; sie packte den ganzen Müllkram in eine kaputte Tüte, trug die hinunter und versenkte sie ganz tief in der Tonne. Damit hatte sie für heute eigentlich genug geleistet.
Oben angekommen, eilte sie ins Bad, schrubbte sich das Gesicht mit einem Rest Peeling, cremte sich sorgfältig ein, merkte sich vor, dass sie sich am Wochenende mal die Augenbrauen zupfen sollte, verteilte etwas Augengel auf ihren Tränensäcken – das waren doch Tränensäcke? Als sei sie schon vierzig und nicht erst siebenundzwanzig! – und zog sich aus.
Großer Gott, dieser Schwabbelbauch! Und der fette Hintern! Und die Cellulite an den Oberschenkeln! Die Arme waren auch wabbelig und zu dick.
Gruselig. Da mussten mindestens zwanzig Kilo runter. Die drei Mädels waren alle ungefähr so groß wie sie… na, Luise war größer. Aber die wogen alle so schätzungsweise um die sechzig Kilo.
Nicht praktisch neunundachtzig.
Und wenn sie jetzt noch mal auf die Waage stieg? Klamotten hatte sie keine an, aber Ballaststoffe im Magen. Na gut, sie durfte maximal ein Kilo abziehen.
Die Waage zeigte neunundachtzig an. Hieß das, sie hatte immer noch achtundachtzig?
Wenn sie jede Woche ein Kilo… bis Weihnachten konnte sie dann… sie zählte an den Fingern ab. Sieben Wochen, praktisch acht. Achtzig Kilo. Nicht gut, aber schon besser. Dann passten die achtundvierziger Sachen gut und die sechsundvierziger zur Not. Und alles, was größer war als achtundvierzig, würde im Container landen.
Genau!
Weihnachten und dann bis Fasching – neun Wochen. Einundsiebzig. Bis Ostern… acht, also dreiundsechzig. Ostern: einundsechzig. Das machte richtig Spaß, aber leider fiel ihr ein, dass sie solche kühnen Pläne schon verdammt oft geschmiedet hatte – und irgendwie war nie was draus geworden. Sie schlüpfte in ihr Nachthemd, putzte sich die Zähne und legte sich frustriert in das ungemachte Bett.
Gut geschlafen hatte sie, musste sie zugeben – aber sie sah genauso verquollen aus wie in den letzten Tagen. Mürrisch musterte sie sich im Badezimmerspiegel.
„Den könnte ich auch mal putzen“, murmelte sie, schrubbte sich das Gesicht mit viel kaltem Wasser und trug wieder Augengel und Feuchtigkeitscreme auf.
Die Haare waren auch ziemlich furchtbar. Zu lang, zu farblos und an den Spitzen heftig kaputt. Aber jetzt wollte sie die nicht schneiden. Vielleicht am Wochenende ein paar Zentimeter. Naja, oder heute Abend… mal sehen.
Immerhin gelang es ihr, beim Duschen einen der zahlreichen Duschgelreste aufzubrauchen. Zufrieden warf sie die Flasche in den Müll und stand dann ratlos vor dem Kleiderschrank. Welche Hose?
Die schwarzen 48er mussten doch passen?
Naja, sie kniffen, aber sie gingen zu. Man musste eben bescheiden sein. Und dazu? Sie zog eine schwarz-weiß gewürfelte Bluse aus dem Schrank, die wie durch ein Wunder ebenfalls passte, und eine rote Fleeceweste. Die sollte sie aber besser offen lassen, die war etwas eng.
Soo schlecht sah das alles nicht aus, überlegte sie beim Fönen. Aber sie war wirklich ganz schön fett. Heute Nachmittag würde sie das Protokoll der Fachsitzung tippen. Na, wenigstens zur Hälfte. Und dann mal alle Hosen sichten, sie konnte ja nicht immer nur diese schwarze und die graue und die dark blue von gestern und vorgestern anziehen. Vielleicht waren ja auch noch welche in den Kisten?
Bestimmt sogar – aber in welchen Größen? Und ein paar schöne Hemden mussten auch irgendwo noch sein. Die Küche sah furchtbar aus. Der Flur sah furchtbar aus. Das Regal im Arbeitszimmer war völlig unzureichend. Was mit dem vierten Zimmer werden sollte, war auch noch nicht raus. Sie konnte doch nicht ewig damit leben, dass im Schlafzimmer immerhin ein Schrank stand!
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