Vor allem, wenn man an dieses Delfter Blau dachte. Wenn Onkel Karl Heinz das wenigstens in der Küche verwendet hätte!
Vielleicht konnte man das überstreichen? Die Tapete war noch ganz ordentlich… Am Wochenende?
Ja, und am Montag war sie dann krank, weil sie das ganze Wochenende in den Farbdämpfen geschlafen hatte! Toller Plan.
Jetzt musste sie sowieso erst mal in die Schule, heute war ein langer Tag. Sieben Stunden, dreimal Mathe, viermal Geo. Sie hatte sich doch gestern eine Liste geschrieben, was sie machen wollte… wo war die jetzt wieder hin? Sie trank eine Tasse Tee und wühlte in ihrer Tasche herum, bis sie den verknüllten Zettel wieder zutage gefördert hatte.
Ach so, ja. Alles klar.
Immerhin hatte sie alle Mappen und alle nötigen Bücher in der Tasche.
Deshalb war die auch so schwer! Geld, Tasche, Schlüssel – und ab.
Dass sie beim Bäcker daran dachte, Vollkornsemmeln und Mineralwasser zu kaufen, machte sie richtig stolz. Eigentlich hatte sie sich in den letzten zweieinhalb Tagen schon ziemlich gebessert, fand sie. Auf dem richtigen Weg, konnte man sagen.
Ja, und wenn sie so weiter machte, hatte sie in circa fünf bis sieben Jahren ihre Wohnung aufgeräumt, ihre Arbeit auf die Reihe gekriegt und sich etwa auf Normalgewicht herunter trainiert. Dann war sie zwei- oder dreiunddreißig.
Nein, etwas flotter musste das schon gehen. Mit dreißig wollte sie alles geschafft haben. Immerhin hatte sie doch einigermaßen flott studiert – nicht jede saß schon mit siebenundzwanzig auf ihrer Planstelle.
Wenn man von Geli Pollmeier absah. Die wurde im März fünfundzwanzig und wurde manchmal nicht ins Lehrerzimmer gelassen, weil sie wie eine Schülerin wirkte. Und die hatte sogar drei Fächer studiert!
Ja, aber sonst musste sie sich wirklich nicht schämen.
Aber mit achtundzwanzig sollte sie schon ein Stück weiter sein. Damit hatte sie noch etwas über zwei Monate Zeit, das konnten neun oder zehn Kilo sein, einige Schränke, alle Kisten, vielleicht zwei, drei Räume – es gab immerhin noch die Weihnachtsferien… Mal sehen, vielleicht konnte sie bis Weihnachten auch noch einiges wegputzen. Buchstäblich.
Kein Chef vor der Zehnten, mit der sie ein gutes Stück weiter kam, auch wenn denen so früh am Morgen eine müde Frau Körner sichtlich lieber gewesen wäre.
Die beiden Geo-Kurse schienen ebenfalls keine rechte Lust zu haben, fügten sich aber etwas unenthusiastisch, als sie Atlasarbeit und Auswertung von Quellen und Statistiken einforderte. Maja notierte das Wichtigste an der Tafel (Ergebnissicherung!), wiederholte am Ende und gab den entsprechenden Buchtext auf.
Die Siebte tobte ihr entgegen, vorneweg Leon und Nike, die sich um eine schon ziemlich zerfledderte Bravo rauften. Maja riss das Heft an sich und steckte es ein. „Jetzt braucht ihr das bestimmt nicht. Und wenn ihr es zur Pause wieder haben wollt, benehmt euch entsprechend.“
Oh Gott, hatte sie das eben wirklich gesagt? Genau wie Mama früher!
Leicht betreten scheuchte sie die Kinder ins Klassenzimmer, ließ sie aufstehen, begrüßte sie förmlich und begann mit den Hausaufgaben. Wie ordentlich sie heute war! Sie war sich selbst schon ganz fremd.
In der 6. und 7. Stunde hatte sie frei und sogar daran gedacht, auf den Vertretungsplan zu schauen (am Anfang des Schuljahrs hatte sie mehrere Vertretungen nicht gehalten, weil sie eben nicht gemerkt hatte, dass man sie eingesetzt hatte). Sie saß im Lehrerzimmer und räumte in ihrer Tasche herum, als Luis Trattner hereinkam und sich suchend umsah. Außer Maja war keiner da, und er murmelte „Nein, hier ist auch niemand…“, bevor er sich abwandte.
Maja war empört. War sie niemand? Was hatte er eigentlich gegen sie? Glaubte er etwa, wenn er normale Höflichkeit an den Tag legte, läge sie ihm sofort zu Füßen? Also, soo schön war er nun auch wieder nicht!
Und ein ziemlicher Affe obendrein. Dass Katja ihn nicht haben wollte, freute sie jetzt richtig. Blöder Sack. Typisch Sportlehrer eben.
Na, es gab auch nette. Aber nicht Trattner! Mit noch mehr Energie räumte sie ihre Tasche aus, sortierte die brauchbaren losen Zettel in die entsprechenden Mappen, stellte ein endlich vollständiges Ex zusammen (fällig schon länger vor Allerheiligen) und steckte es der Fachbetreuerin ins Fach und stellte schließlich erfreut fest, dass sie die Mitschrift für das Fachsitzungsprotokoll immer noch herumtrug. Es zahlte sich also doch aus, nicht alles sofort aufzuräumen…
Nebenan an den PC-Plätzen war alles frei, also loggte sie sich ein und begann mit dem Protokoll, dass ihr sogar einigermaßen flott von der Hand ging. Kunststück, wenn das Geschreibsel von gestern stammte! Sie tippte drei volle Seiten, legte ein anständiges Layout drüber – damit waren es dreieinhalb Seiten, ergänzte den vorgeschriebenen Kopf, las alles noch einmal durch, zog es in ihre eigenen Dateien und schickte es sofort an die Fachbetreuerin, druckte es zweimal aus und loggte sich wieder aus. Ein Exemplar steckte sie ein, das zweite kriegte die Zeitz gleich ins Fach.
War sie eine Streberin!
Wenn sie jetzt so eine affige To-do-Liste hätte, könnte sie diesen Punkt mit Schmackes durchstreichen…
Nein, ein normal begabter Mensch musste doch nicht dauernd mit einem Notizbuch herumlaufen. Das konnte man sich doch alles merken!
Immerhin fischte sie die Liste mit dem Stoff von heute aus dem Vorderfach ihrer Tasche und studierte sie kurz: alles erledigt – bis auf die Ableitungsregeln, nachher. Aber die Doppelstunde reichte dafür locker.
Jetzt hatte sie erst einmal Hunger! Sie aß die Vollkornsemmeln trocken und spülte mit Wasser nach. Wasser und Brot… ganz schön frugal. Der Gedanke gefiel ihr.
Die Elfte ächzte und litt hörbar, aber Maja wiederholte mit ihnen alles von der Potenz- bis zur Kettenregel und ließ sie dann in Gruppen Aufgaben lösen, auf Folie schreiben und den anderen Gruppen vorstellen.
Um Viertel vor drei hingen sie wirklich in den Seilen, aber einige Testfragen zeigten, dass für den Moment alle alles ableiten konnten, was ihnen vor die Flinte kam. Wie das freilich in der nächsten Stunde aussehen würde… aber dafür gab es ja eine geeignete Hausaufgabe.
Im Lehrerzimmer war schon wieder niemand - hatte denn heute kein Mensch Nachmittagsunterricht? Oder hatte sie so sehr getrödelt, dass alle anderen schon weg waren? Oder trafen die sich auf dem Parkplatz, den sie ja mangels eines fahrtüchtigen Autos nicht frequentierte?
Sie packte ihren Kram zusammen und machte, dass sie nach Hause kam – schließlich wartete dort noch jede Menge Unordnung auf sie.
Sobald sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, sank ihr wieder der Mut – wo sollte man hier denn anfangen? Dass zwei Schrankfächer und die Abstellkammer einigermaßen ordentlich waren, stellte ja doch nur einen Tropfen auf den heißen Stein dar. Jetzt war es vier, stellte sie fest. Was zuerst? Etwas essen? Nein, sie hatte schon die Vollkornsemmeln gehabt – erst abends sollte es wieder etwas geben. Sie war schließlich fett genug.
Na gut, eine Mülltüte voller schrecklicher Klamotten. Das würde sie so lange machen, bis der Schrank einigermaßen leer war. Sie hatte noch so ein Riesending, in dem mal eine Tasche gewesen war – und sie wurde fündig: zwei unsägliche Strickjacken, ein völlig ausgeleiertes Polo, drei zerfranste T-Shirts, eine Bluse in Größe 54, die sie wieder vor Rätsel stellte: So dick war sie doch noch nie gewesen?
Im nächsten Schrank zerrte sie den braunen Strickrock vom Bügel. Den zog sie ja doch nie an, und irgendwie war er doof. Sie ergänzte die Sammlung noch um die Socken, die immerzu rutschten (von der Sorte hatte sie fünf Paar) und diese widerliche knallblaue Seidenbluse, bei der die Knopflöcher zu groß waren. Von solchen Schnäppchen sollte sie wirklich besser die Finger lassen!
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