Und was war eingetrudelt? Sie sah die Karten rasch durch: Köln, Stuttgart, Leisenberg (ui, so ein Zufall), Münchener Innenstadt, Schloss Blutenburg, Flughafen München (noch der in Riem). Nein, das hob sie nicht auf, die waren auch nicht von historischem Interesse.
Gut, dann passten die Schachteln jetzt ineinander. Und die drei ausgeleierten Zopfgummis aus der kleinsten Blumenschachtel warf sie am besten auch gleich weg.
So, zwei Schachtelsets – ins Wohnzimmerregal, vorläufig. Allmählich hatte sie das Gefühl, dass sie immer neue Unordnung erzeugte. Sie tröstete sich damit, dass sie sich in den nächsten Wochen ja ein perfektes Arbeitszimmer herrichten würde – und da war dann für alles Platz. Und wenn das erstmal fertig war, kam das Wohnzimmer dran, und dann das Schlafzimmer, und dann… dann waren wahrscheinlich schon Sommerferien!
Wenn schon, sie hatte ja Zeit. Und das Arbeitszimmer war das einzig Wichtige, sonst hatte sie in der Schule nur ewig Ärger, weil sie Sachen verlegte, vergaß oder zu spät machte. Der Rest war wirklich nicht dringend. Und einen perfekten Kleiderschrank konnte sie sich sowieso erst einrichten, wenn sie ihr Idealgewicht hatte.
Apropos Idealgewicht – sie hatte Hunger. Es war fast neun Uhr, da war das Mittagessen ja wohl verdaut. Aber viel durfte sie nicht, und am besten nur ein bisschen Proteine.
Woher nehmen?
Sie hatte Schinken gekauft, fiel ihr ein. Und ein hartes Ei dazu? Genau, das musste reichen. Harte Eier sättigten doch ungemein, und an ihren Cholesterinspiegel wollte sie jetzt lieber nicht denken.
Also, Kiste fünf und dann was essen. Nein, umgekehrt, sonst lag ihr das Ei bloß wie ein Stein im Magen.
Kiste fünf wäre immerhin die drittletzte, stellte sie erfreut fest. Wieder Bücher! Schneiderbücher aus ihrer Vor-Teenie-Zeit („Bille und Zottel“ und ähnlicher Kram), ein paar dämliche Liebesgeschichten und die Vorläufer von Twilight – das Zeug, das die Deutschlehrerinnen nie als Lektüre hatten lesen wollen („Mädels, wie kann man diesen Kitsch mögen?“). War in der Kiste irgendetwas Aktuelles?
Ja, ganz unten entdeckte sie die beiden fehlenden Bände ihres teuren Geographie-Handbuchs in zwölf Bänden, einen Band Schiller und ihren großen Geschichtsatlas. Und der Liebeskitsch kam in den Tauschladen – bestimmt gab es arme Teenies, die sich diesen Kram für einen Euro pro Band noch kauften!
Sie packte einen Teil der Bücher in den Korb für den Wertstoffhof - hatte der morgen Nachmittag wohl auf?
So, jetzt etwas essen und dann noch einiges wegwerfen. Und am Container auf dem Schild nachgucken, wann der Wertstoffhof auf hatte!
Sie schälte sich, an den Küchenschränken lehnend, ein hartes Ei, gab etwas Pfeffer darauf und aß es aus der Hand, nahm sich einige Scheiben Schinken, rollte sie auf und verspeiste sie genüsslich. Den Rest wickelte sie ordentlich in Frischhaltefolie und war ganz stolz, dass so etwas überhaupt im Haus war.
Sobald alles verräumt war, ging sie tatsächlich nachsehen, ob der Wertstoffhof morgen geöffnet war. War er.
Also auf zur nächsten Kiste. Obenauf lag eine Kiste mit Disketten. Ach herrje… ihr aktueller Rechner hatte gar kein Diskettenlaufwerk mehr. War da wohl etwas Wichtiges drauf? Sollte sie den Mist kopieren? In der Schule gab es noch Diskettenlaufwerke, soweit sie wusste.
Wahrscheinlich passte der ganze Mist auf einen USB-Stick. Gut, Krempel beiseitelegen, USB-Stick suchen.
Endlos viele verwickelte Kabel waren der nächste Fund, und in diesem Knäuel fanden sich auch zwei schwarze Trafos. Na toll – zu welchen Geräten gehörten die denn wohl? Warum hatte sie da nichts draufgeschrieben? Wegwerfen kam jedenfalls nicht in Frage! Sie legte auch diesen Verhau beiseite, was das Wohnzimmerregal nicht unbedingt schöner machte.
Zwei leere CD-Boxen, einige sachte veraltete Computerzeitschriften, ziemlich ausgeschriebene Stifte zur Beschriftung von DVDs… das konnte alles weg. Auf dem Grund der Kiste fanden sich noch einige Bücher – vor allem die Computerhandbücher, in denen sie doch sowieso nie etwas nachschaute! - und ein Körbchen, in dem sich alle ihre Stifte befanden. Besser gesagt, befunden hätten, wenn das Körbchen nicht umgekippt wäre. Da also war alles gelandet, was in der alten Wohnung auf ihrem Schreibtisch gelegen hatte. Vermisst hatte sie bis jetzt nichts davon! Naja, Körbchen ins Regal im Wohnzimmer, Kiste in den Flur. Nummer sieben, die vorletzte: Bettwäsche. Jede Menge Bettwäsche. Zu Beginn ihres Studiums konnte sie an keiner heruntergesetzten Garnitur vorbeigehen, und so hatte sie am Ende Stapel von Bettbezügen besessen, die sie nie mehr verwendete – Biber, Flanell, Seersucker. Heute benutzte sie gerade mal die drei schönen Satinbezüge. Tauschladen, eindeutig!
Sie zerrte die Kiste in den Flur – sie auszupacken hatte jetzt wenig Sinn. Und auf die letzte Kiste hatte sie jetzt absolut keine Lust mehr. Sie sah auf die Uhr – am besten verzog sie sich gleich ins Bett. Frustriert wickelte sie sich schließlich in ihre Decke – egal, wo sie in dieser Bude anfing, es wurde eigentlich nur immer schlimmer. Keine Ahnung, wie das weiter gehen sollte!
Wenigstens hatte sie heute wenig Unterricht, tröstete sie sich, als sie den Gang zur 8 b entlang hastete. Der Kurs war mürrisch gewesen (ab der vierten Stunde würden sie Geschichte/Sozialkunde schreiben, deshalb wohl die vielen schlecht verborgenen Geschichtsbücher zwischen dem Mathekram), und in der Freistunde hatte die blöde Merz wieder mal mit den Tränen gekämpft. Tja, Augen auf bei der Berufswahl, konnte man da nur sagen. Die Gute war ja von praktisch nichts schon überfordert!
Obwohl, was wusste sie schon von ihr? Vielleicht musste sie nebenbei noch drei ledige Kinder großziehen und altersschwache Eltern pflegen?
„Hi, Maja!“
Maja grüßte die Kollegin, deren Namen sie schon wieder vergessen hatte. War das Kathrin Gruber – oder Anna Weidenhöfer? Eher Anna, sie glaubte sich bei Kathrin an rötere Haare erinnern zu können. Bevor sie die Frage geklärt hatte, hatte sie auch schon das Zimmer der 8 b erreicht und riss die Tür auf, hinter der ein Höllenlärm getobt hatte.
Der Lärm überfiel sie wie eine Flutwelle – dabei war gar nichts Besonderes los, nicht etwa eine gigantische Prügelei. Die Mädels unterhielten sich nur mit schrillen Stimmen, und die Jungs tanzten hinter der letzten Reihe auf eine recht urwaldmäßige Art. Wenn sie damit allerdings die Mädels beeindrucken wollten – Fehlschlag. Die guckten gar nicht hin, nicht einmal, um spöttisch zu kichern.
„Tolle Vorstellung“, lobte Maja, und die Jungs stoppten abrupt, liefen rosa an und verzogen sich eilig auf ihre Plätze. Die Mädchen mussten noch einmal ermahnt werden, bevor sie bereit waren, die Stunde zu beginnen.
Maja sammelte die Schulaufgaben wieder ein (vierzehn von sechsundzwanzig hatten sie natürlich vergessen) und begann mit einem neuen Thema, den linearen Ungleichungen.
Sie übten gemeinsam – unter großem Gestöhne: „Wann muss man das Ungleichheitszeichen denn umdrehen? Ich versteh das nicht!“ Schließlich aber behaupteten alle, alles verstanden zu haben, was Maja ihnen keine Sekunde lang abkaufte. Morgen wären sie doch wieder ratlos!
„Jetzt übt ihr selbst. Macht mal die Nummer drei – so viel ihr schafft, hier - den Rest bis Montag.“
„Och… am Wochenende Hausaufgaben machen?“
„Melli, fang an – während du hier herummaulst, haben andere schon die 3 a halb fertig!“ Fieberhaftes Rechnen begann, und wohltuende Stille senkte sich über den Raum. Maja schlenderte durch die Reihen und half denen auf die Sprünge, die noch an den kritischen Stellen hängen blieben. Als es läutete, waren die Fitten tatsächlich fertig, die Mittelfitten hatten nur noch e und f zu machen und nur die ganz Langsamen mussten noch vieles zu Hause machen.
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