Der Pater fragte mich, wann ich diese Initiativen denn ergriffen hätte, sie seien ihm gar nicht bekannt. Er sei doch über fast alle Initiativen der Kirche für Straßenkinder zu seiner Zeit informiert gewesen. Ich antwortete ihm, dass ich vor sechs Jahren in Brasilien gewesen sei und damals diese Projekte betrieben hätte. Dann sei es allerdings verständlich, dass er nichts davon wisse, sagte er, denn er sei vor acht Jahren aus Brasilien zurückgekommen und habe seitdem die Ereignisse dort nicht weiter verfolgt.
Darauf verwickelte er mich nun seinerseits in ein Gespräch über Methoden der Resozialisierung von Kindern und Jugendlichen. Er war davon überzeugt, dass staatliche Heime nicht viele Erfolge bei dieser schwierigen Arbeit hätten. Schon eher könnten Kinderdörfer, zumindest wenn die Kinder noch klein seien und in die Hände einer guten Hausmutter kämen, gute Ergebnisse erzielen. Auch die kombinierten Wohn- und Ausbildungsstätten bei den Salesianern könnten gute Ergebnisse vorweisen. Meistens sei der Resozialisierungserfolg von dem Einsatz einer akzeptierten Bezugsperson abhängig, wie es die Hausmütter in den Kinderdörfern seien oder die Ausbilder in den Salesianer-Werkstätten.
Aber auch die Einrichtungen, in denen sich Kinder und Jugendliche unter Anleitung eines engagierten geistlichen oder weltlichen Sozialarbeiters selbst verwalteten, hätten gute Chancen. Die kontinuierliche Betreuung durch dieselbe engagierte und kompetente Bezugsperson sei wohl in jedem Falle der Schlüssel des Erfolges. In den staatlichen Einrichtungen wechselten die Betreuer und Betreuerinnen zu häufig, so dass kein echtes Zusammenleben zwischen Betreuern und Betreuten entstehen könne, und so sei der Resozialisierungseffekt sehr gering.
Am allergrößten sei der Heilungsprozess natürlich da, wo zwei Bezugspersonen, eine männliche und eine weibliche mit zudem viel Lebenserfahrung, wie meine alten, im Ruhestand lebenden Ehepaare, sich solcher Kinder kontinuierlich annähmen. Sicherlich hätten diese Ersatzeltern besonders hohe Erfolgsbilanzen vorzuweisen.
Ich gab ihm die vorsichtige Auskunft, dass in den sechs Jahren, in denen diese Projekte liefen, sich etwa ein fünfzigprozentiger Erfolg eingestellt habe, die Schäden der Kinder und Jugendlichen aber in vielen Fällen so groß gewesen seien, dass alle Mühe vergeblich gewesen sei, ihnen eine kombinierte schulische und handwerkliche Ausbildung zu geben. In vielen Fällen, so begann ich – durch die detaillierten Kenntnisse des Paters verunsichert –, mich aus der heiklen Situation zurückzuziehen, hätten sich die alten Ehepaare von den Problemen der Kinder auch überfordert gefühlt und die Verantwortung für die Betreuung der Kinder wieder den staatlichen oder kirchlichen Instanzen zurückgegeben.
„Wie bedauerlich“, sagte der alte Pater, „aber auch verständlich. Ich habe selbst für einige Jahre eine geistliche Einrichtung mit Internat, Schule und handwerklicher Ausbildung geleitet, aber häufig vor den vielen Schäden der Kinder wie Retardierung, Hospitalismus, Jactatio Capitis, Hypermotorik, Einkoten und Einnässen, vor Kleptomanie, Drogensucht, notorischem Münchhausensyndrom, vor unmotivierter Aggressivität, vor Antriebslosigkeit, vor schwersten Verhaltensstörungen, vor Rachitis, Haareraufen, Nägelkauen, massiven Selbstverletzungen kapitulieren müssen. Und mit allen diesen seelischen und körperlichen Erkrankungen ist die Liste der Schäden dieser Kinder noch lange nicht abgeschlossen! Sie wissen das ja besser als ich, obwohl ich gerade ein Buch über Straßenkinder in Brasilien schreibe!“
Mir wurde die Situation allmählich mulmig. Mit einigen Ausdrücken wie Retardierung, wie Hospitalismus, wie Jactatio Capitis, wie Münchhausensyndrom konnte ich nichts anfangen. Außerdem fehlten mir auch alle Kenntnisse über die verschiedenen Einrichtungen und Methoden der Resozialisierung von Kindern und Jugendlichen. Mein Straßenkinderprojekt war ja eine plumpe Lüge und musste sich als solche entlarven, wenn der Pater nach Adressen und Berichten der beteiligten Ehepaare fragen würde.
Zwar konnte ich auf die Kumpanei und Solidarität meiner Freunde bauen, falls der Pater sie anrufen wollte, um ihre Erfahrungen mit den Straßenkindern für sein Buch nutzbar zu machen; aber zu diesem Zwecke hätte ich sie in vielen Telefonaten von meiner Verlegenheit in Kenntnis setzen müssen und ihnen auch rudimentäre Kenntnisse über die Schäden und Therapieformen dieser Schäden bei Straßenkindern vermitteln müssen. Ein solches Unterfangen war in meiner gegenwärtigen Situation illusorisch und so zog ich mich aus der Affäre, indem ich dem Pater mitteilte, dass ich dieses Straßenkinderprojekt auf Wunsch meiner Ordensoberen einem befreundeten Salesianer Pater übertragen hätte und jetzt für konkrete landwirtschaftliche Hilfsprojekte für agrarisch unterentwickelte Gebiete in der Dritten Welt zuständig sei. Dieses Projekt sei allerdings erst im Entstehen und ich sei noch dabei, mich über Finanzierungsmöglichkeiten und Einsatzgegenden zu informieren, könne aber bei der Vorläufigkeit meiner Dispositionen noch keine Auskünfte hierzu geben.
Ich fügte diesen Zusatz bewusst hinzu, weil ich befürchtete, dass der agile Pater auch über diesen Gegenstand ein Buch schreiben wollte und mich als Informationsquelle anzapfen würde. Die nächsten Worte des Paters bestätigten dann auch meine schlimmsten Befürchtungen.
„O, das ist aber schade, dass Sie nicht mehr federführend für dieses Projekt sind. Ich hätte mir gerne von Ihnen die Bekanntschaft mit den involvierten Pflegeeltern vermitteln lassen, um mein Buch noch durch einige Erfahrungsberichte aus erster Hand zu komplettieren, aber vielleicht können Sie mir den Namen und die Adresse Ihres befreundeten Salesianer Paters geben. Dann kann er mir sicher zu den nötigen Informationen über Ihr ehemaliges Projekt verhelfen“, bohrte er weiter.
Darauf antwortete ich: „Leider habe ich wegen meiner Krankheit alle meine Unterlagen in einem Safe des Schweizer Krankenhauses, in dem ich behandelt worden bin, verstaut und infolge der vorzeitigen Entlassung und überraschenden Abholung durch einen jüngeren Verwandten dort liegen lassen. Die Schweizer können leider nicht an den Safe, da ich den Schlüssel versehentlich mitgenommen habe, aber ich hoffe, nach meiner endgültigen Genesung auf schnellstem Wege in die Schweiz zu reisen und wieder in den Besitz meines Adressbüchleins und meiner anderen wichtigen Papiere zu gelangen. Dann werde ich Ihnen selbstverständlich sofort alle gewünschten Daten geben.“
Fürs Erste war damit die Wissbegier des sympathischen Paters gestillt. Aber es kam so, wie ich es erwartet hatte. Jetzt interessierte er sich für mein „neues Projekt“. „Dass Sie im Falle Ihrer neuen Tätigkeit einem schwebenden Verfahren nicht vorgreifen können, kann ich sehr verstehen, aber es wird Ihnen hoffentlich nichts ausmachen, mir etwas über die Voraussetzungen mitzuteilen, die Sie in den Augen Ihrer Oberen zur Organisation einer solch globalen Sache geeignet erscheinen lassen“, fragte er.
„Es sind vor allem meine profunden forst- und landwirtschaftlichen Kenntnisse“, antwortete ich, „die ich mir auf dem Bauernhof meiner Eltern erworben habe.“ „Aha, dann verstehen Sie also etwas von Gartenarbeit“, folgerte er. „Ich kann mir wohl schmeicheln, einen Bauerngarten nach allen Regeln der Kunst korrekt anzulegen und natürlich auch zu pflegen, damit er die gewünschten Erträge bringt“, antwortete ich. „Verstehen Sie auch etwas von Bewässerung?“ fragte er mich weiter. „Selbstverständlich“, antwortete ich, „verschaffen Sie mir das passende Gerät. Dann bohre ich Ihnen einen Brunnen; wenn das Grundwasser nicht zu tief ist, schließe eine mir von Ihnen zu liefernde Pumpe an und bewässere Ihnen mit ebenfalls vom Kloster zu stellenden Schläuchen und Bewässerungsanschlüssen Ihren Klostergarten zu jeder Jahres- und Tageszeit!“ „Das ist ein Wort“, rief er fast begeistert. „Gestatten Sie, ich bin Pater Plazidus, Gartenmeister des Klosters, und ich suche schon seit langem nach einem kompetenten Fachmann, der mir eine Bewässerungsanlage in unserem Garten bauen kann. Ich werde Ihnen die benötigten Utensilien besorgen. Dann können Sie morgen mit dem Bau der Anlage beginnen. Ich werde Ihnen selbstverständlich zur Hand gehen.“
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