„Die Zeit war natürlich zu kurz, um sich so radikal zu ändern, wie Carlotta es von Ihnen erwartete, aber Sie haben danach ja bemerkenswerte Versuche gemacht, ein anderes Leben zu führen“, bemerkte Frau Schayani. „Sie konvertierten zum katholischen Glauben, Sie begannen Ihre sozialkritische Kolumne in dem bekanntesten deutschen Boulevardblatt ‚Nichts als die Wahrheit’ zu schreiben, Sie begannen Ihren brasilianischen Arbeitern Löhne zu zahlen!“
„Es waren schwächliche Versuche, selber in die Bahn einzuschwenken, die Carlotta gespurt hatte, aber ohne Carlottas Beistand, ohne Kontakt zu ihr versandeten diese bereits im Beginn halbherzigen Bemühungen. Und letztlich hat meine fortschreitende Krankheit diese Initiativen, was die Praktizierung der katholischen Religion und die Beibehaltung der Kolumne betrifft, zunichte gemacht“, bekannte ich.
„Nun seien Sie mal nicht zu selbstkritisch“, ließ sich aus dem Hintergrund Pater Kallmann vernehmen. „Ich kenne zufällig einige der Summen, die Sie für die Ausbildung des katholischen Priesternachwuchses gespendet haben, und soviel ich weiß, haben Sie in einem Flügel Ihres Schlosses die Räume für ein katholisches Kongresscenter bereitgestellt. Ich darf Ihnen hierfür, stellvertretend für unsere Firma und unseren Chef meinen herzlichsten Dank aussprechen!“
Ich antwortete hierauf etwas getröstet und daher ebenso locker wie der Wirtschaftsleiter: „Bei meinem derzeitigen Gesundheitszustand wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis ich in das Reich des Chefs einziehen werde. Daher kann ich nicht genug tun, um mir einen guten Empfang zu sichern. Sie sehen, mein ganzes Handeln ist nur von Egoismus motiviert.“
Jetzt meldete sich auch der Abt zu Wort. „Es gibt keine vollkommenen menschlichen Bestrebungen, nehmen wir die Musik mal aus; aber sollen wir alle Versuche uns zu bessern deswegen verurteilen? Ich kenne nicht die Summen, die Sie der Kirche gespendet haben, aber ich entnehme Ihrer Erzählung, dass Sie eine gewisse Liebe zu weiblicher Schönheit, Güte und Genialität haben, die Carlotta für Sie verkörpert hat und, wie man fühlen kann, immer noch verkörpert. Sie glauben also genau wie wir religiösen Profis an eine vollkommenere Form des Lebens, des Verhaltens, des Bestrebens der Menschen. Und da wir diese höhere Form des Daseins nicht in uns selbst finden können, denn wir sind ja eigentlich nicht mehr als ein ziemlich wässeriger Klumpen Materie, so muss es einen vollkommeneren Geist geben, für dessen Eindringen wir unsere Materie öffnen können, damit er sie veredele, vervollkommne und in seltenen, musikalischen Momenten auch vollende. Und indem Sie an das Vorhandensein eines solchen Geistes in Carlotta glauben und ihn lieben, glauben Sie – wie wir – auch an ein vollkommenes Sein, das in dieser Welt zu finden ist. Wir nennen es Gott; aber was tut es, wenn man es auch Carlotta, das Tadsch Mahal, die vollendete Unvollendete von Schubert oder Bachs Goldberg Variationen nennt. Sie lieben das Vollkommene und damit lieben Sie Gott. Sie sind ein wahrer Gläubiger und kein Zyniker. Und ich freue mich darauf, Sie in unserem Kloster begrüßen und willkommen heißen zu dürfen.“
Ich nahm diese Analyse ungläubig, aber unwidersprochen an und Frau Schayani meinte, dass sie mir nichts Besseres sagen könne, als es der Abt getan habe, und dass, falls wir noch eine Schlossbesichtigung machen wollten, es jetzt höchste Zeit dafür sei, da, wie mir bekannt, ihre Firma, ihre Familie immer um sechs Uhr mit dem Abendessen auf sie warte. Ich stimmte ihr zu, und so zogen wir gemeinsam durchs Schloss und mit der Freude, mit der ich meine Besucher instruierte, merkte ich, dass der Abt wirklich Recht haben könnte und ich ein wahrer Liebender sei, der nicht nur das Vollkommene liebe, sondern auch die eigene Sippe, ihre Geschichte und auch ihre menschliche Größe wie ihre menschlichen Schwächen. Und ich konnte mich in diesem Augenblick und in genau diesem Sinne auch selbst lieben und annehmen.
Ja, ich bin jetzt im Kloster! Ich Johannes, Friedrich, Felix, Georg, Maria von Frost und Zeul, ausgewiesener Playboy, Partylöwe, Weiberheld, Jetset-Pionier, High Society-Freak, Feinschmecker und Weinexperte sitze seit einer Woche als Bruder Anselmus in der Zelle, der Mönchszelle. Die Gefängniszelle wäre meinen alten Freunden wahrscheinlich noch verständlicher gewesen, denke ich an meine wilden Jahre: „Fotografen geohrfeigt“, „Geliebte mit dem Messer bedroht“, „Homosexuelle mit lauwarmem Pommes-frites-Fett überschüttet“, „Schlägerei mit zehn Paparazzis angezettelt“, „Mit dem Motorrad auf der Düsseldorfer Einkaufsmeile Rennen gefahren“, „In Kunstausstellung Statue von Nazibildhauer angepinkelt“ usw. usw.
So lauteten die Schlagzeilen der Boulevardpresse und jedes Mal fand ich einen milden Richter, der mich mit einer maßvollen Geldstrafe davonkommen ließ. Aber wenn schon die weltliche Justiz mich schonte, so konnte ich der Selbstjustiz meines Körpers und meiner Seele nicht entfliehen. Irgendwelche Rachegeister und Dämonen, die sich in meinem Inneren eingenistet haben, vollstrecken ihr Urteil und das lautet: „Stirb am Herzinfarkt oder tue Buße! Bete und arbeite, ändere dein Leben, tue Gutes denen, die dich hassen oder dich nicht verstehen, vergib deinen Schuldnern, denke positiv und selbständig und handle immer nach deinem besten Vermögen und deiner besten Einsicht!“
Als ich vor einer Woche hier, im Benediktinerkloster Schwepptal eintraf, hatte ich gedacht, lauter Heiligen zu begegnen. Ich hatte mich darauf eingestellt, mir eine Tonsur verpassen zu lassen, mich zu kasteien, mir Speisen und Getränke und Schlaf zu entziehen und mit ernster Miene und frommer Haltung, ein religiöses Buch in der Hand, meine meditativen Bahnen im Kreuzgang des Klosters zu ziehen. Aber als ich am 24 Juni 1970 am frühen Abend an der Klosterpforte schellte, kamen Pater Kallmann und Abt Ägidius persönlich mit einer Flasche Klosterlikör und einer Packung Schwepptaler Pralinen, um mich in ihrem Kloster willkommen zu heißen und mir diese Spezialitäten als Gastgeschenk zu überreichen.
Gleichzeitig gratulierten sie mir zu meinem Namenstag, Johannes, dessen ich mir gar nicht bewusst war, und luden mich zu einem Festessen mit anschließendem geselligen Zusammensein und Tanz in ihr Refektorium ein. Als ich diesen Rummel, der, wie ich glaubte, meiner Person galt, abwinken wollte und sagte: „Dieser Aufsehen erregende Aufwand für meine Person ist nicht nötig. Ich bin hergekommen, um als unscheinbarer Bruder Anselmus inkognito unter ihren Mitbrüdern zu weilen und als ihr geringster Knecht mich in Demut und Bescheidenheit zu üben. Meine Ankunft zum Anlass einer Festivität zu nehmen widerspricht allen Abmachungen und dem Zweck meines hiesigen Aufenthalts“, wurde mir von Abt Ägidius erklärt: „Unser Fest findet in keiner Weise Ihretwegen statt, sondern es setzt eine alte Tradition fort, die in unserem Kloster seit Anbeginn zu Ehren des heiligen Johannes, dem wir uns sehr verbunden fühlen, gepflegt wird. Ihre Ankunft und Ihre wahre Identität sind nur Pater Kallmann und mir bekannt. Für die anderen Klosterinsassen sind Sie, wie abgemacht, der unscheinbare Bruder Anselmus, der aus einem unserer Schwesterklöster zu uns gekommen ist, um die Folgen einer Gürtelroseerkrankung bei uns auszukurieren.
Es ist daher auch begrüßenswert, dass Sie sich nach Ihrer Aussage am Telefon bereit gefunden haben, ein graues Toupet zu tragen, um Ihr Äußeres so zu verändern, dass unsere Mitbrüder Sie nicht an Ihrer durch die Presse bekannten braunen Haartolle erkennen können.“ Damit zog er ein graues Toupet aus seiner Kutte und setzte es mir auf. Pater Kallmann holte darauf noch einen Rasierapparat aus der Hosentasche und bat mich, mir meinen ebenso bekannten Kaiser Wilhelm Schnäuzer abzurasieren, da auch dieser meine wahre Identität verraten könne.
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