Carlotta wollte sich aber nicht in die Engelsrolle zwängen lassen und spielte in Brasilia Gershwin, Strawinsky und Ungarische Tänze von Dvorak und Brahms. Aber die Begeisterung des Publikums und der Presse hielt an. Bilder von ihr tauchten im ganzen Land auf, in Zeitungen, Illustrierten und Wochenschauen. Und da ich ständig an ihrer Seite war, so kam auch ich zu den Ehren öffentlicher Würdigungen. Einige findige Reporter hatten auch bald die bescheidenen Änderungen herausgefunden, die auf meiner Fazenda im Gange waren. Und sie entdeckten auch, dass diese Änderungen auf Betreiben Carlottas in Gang gesetzt worden waren.
Dieses hatte ungeahnte Auswirkungen auf viele landlose Bauern und in Armut lebende Stadtbewohner, die in Carlotta so etwas wie einen weiblichen Messias zu sehen begannen. Kurz: Carlotta fiel auf und fokussierte die Hoffnungen vieler Not leidender Menschen auf ihre Person. Als wir einige Tage in einem Hotel in Manaus abstiegen, weil Carlotta ein Konzert in dem Opernhaus von Manaus geben sollte, waren wir von Tag zu Tag mehr erstaunt, wie viele Bettler und kranke Menschen sich in der Straße versammelten, in der das Hotel lag.
Ich hatte einer allein erziehenden, obdachlosen Mutter, die jeden Spätnachmittag ihren Platz auf der Treppe des Hotels bezog, um unter dem die Treppe überwölbenden Baldachin in der Nacht gegen Regen geschützt zu sein, auf Drängen Carlottas 100 Cruzeiros geschenkt und damit eine Kettenreaktion ausgelöst. Am nächsten Tag hatten sich bereits fünf allein stehende Mütter versammelt, um mich ganz gezielt anzusprechen und um Geld für einen Kinderwagen, ein Paar Schuhe, ein Kleid, eine Babybadewanne, eine Nähmaschine zu bitten.
Der Portier des Hotels riet mir, keine der Frauen anzuschauen und ihnen keinen Cruzeiro zu geben, weil ich sonst eine Völkerwanderung in diese Straße auslösen könnte, eine Menschenlawine, die niemand mehr unter Kontrolle halten könne und die letztlich alle Geschäfte, die an der Straße lägen, plündern und wie die Heuschrecken nur noch kahl gefressene Theken zurücklassen würden.
Es gelang mir auch tatsächlich, das Spalier der Frauen blind und taub zu passieren, aber Carlotta, die sich ja mittlerweile Kenntnisse der portugiesischen Sprache angeeignet hatte, blieb bei jeder stehen, ließ sich ein Kind in den Arm drücken und die Not und die Bedürfnisse jeder einzelnen haarklein auseinanderlegen. Wie aus dem Nichts tauchten dann auch die ersten Reporter auf, und damit war es auch um meine Blindheit und Taubheit geschehen. Ich musste mich also zu Carlotta stellen, mir auch rechts und links von den Frauen ein Kind in den Arm drücken lassen und mir ihre katastrophale Lage mit drastischen Worten schildern lassen. Die Frauen merkten natürlich, dass sich die Situation erheblich zu ihren Gunsten gewendet hatte, und erhoben jetzt sehr viel weitreichendere Forderungen.
Sie hatten auch begriffen, dass die Frau, die die Nähmaschine haben wollte, sich damit eine eigene Existenz aufbauen wollte, und jetzt kamen die anderen auf dieselbe Idee. Die Frau mit dem Kinderwagenwunsch ergänzte ihre Liste um eine Heißmangel, die Frau mit dem Schuhwunsch wollte jetzt eine Schuhreparatur- und Putzausrüstung, die Frau mit dem Kleiderwunsch wollte jetzt eine Strickmaschine, und die Frau mit der Babybadewanne eine große Waschmaschine.
Alle wollten mit diesen Geräten ihren eigenen kleinen Betrieb eröffnen und baten mich um meine Bürgschaft für die Anmietung eines kleinen Geschäftlokals, um dort ihre Dienste anzubieten. Ich sah Carlotta an und Carlotta nickte mit dem Kopf. Das hieß, ich solle die Wünsche der Frauen erfüllen. Als sie das helle Entsetzen auf meinem Gesicht sah wegen dieser Zumutung, sagte sie auf Deutsch: ‚Sie müssen das Geld nur vorstrecken. Mein Konzert ist ausverkauft. Ich habe daraus so viele Einnahmen, dass ich Ihnen das Geld zurückgeben kann.’
Sie sprach mich wieder mit ‚Sie’ an, was bei ihr zu einer ständigen Gewohnheit wurde, wenn sie mit meinem Verhalten nicht einverstanden war. Damit bewirkte sie auch meistens, dass ich schwach wurde und ihr nachgab. Auch jetzt konnte ich mich nicht mehr aus der Affäre ziehen und sagte den Frauen die Erfüllung ihrer Wünsche zu.
Das sollte ungeahnte Folgen haben. Denn die Reportage über dieses Ereignis stand am nächsten Morgen in der Zeitung. Und es erfüllte sich die Voraussage des Portiers: Die bedürftigen Massen kamen, aber sie plünderten nicht und sie bettelten nicht. Sie wollten nur Carlotta sehen.
Ich warnte Carlotta, das Hotel zu verlassen. Aber ebenso gut hätte ich einen Papagei auffordern können, das Krächzen zu unterlassen. Carlotta ging auf die Straße und begrüßte die Menschen und lud sie ein, ihr zum Opernhaus von Manaus zu folgen. ‚Ich muss für mein Konzert heute Abend einen Soundchek machen’, sagte sie. ‚Wenn ihr wollt, so könnt ihr dabei sein. Ich werde fast mein ganzes Programm von heute Abend spielen.’
Die Leute freuten sich und klatschten. Darauf zog Carlotta an der Spitze der Volksversammlung los und mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Carlotta hängte sich bei mir ein, aber nur um mein Ohr besser zu erreichen. ‚Wie wäre es’, raunte sie mir ins Ohr, ‚wenn du während meines Konzertes für die Speisung der Menschen nach dem Konzert Vorsorge treffen könntest? Vor dem Opernhaus gibt es den großen Platz. Dort könnten Stände mit Backwaren, Früchten und Grillware eingerichtet werden. Wenn du in das Branchenverzeichnis schaust, wirst du genug Bäcker, Metzger und Obsthändler finden, die sich eine Ehre daraus machen werden, ihre Waren zum Opernplatz zu transportieren und für dein Geld dort an die Armen zu verteilen. Du gibst auf deinem Schloss ja auch ab und zu Feste für Hunderte von Prominenten, die in ihren Essgewohnheiten viel anspruchsvoller sind, als es diese armen Menschen hier sein werden. Es wird dich also bei weitem nicht so viel kosten. Und du hast die Genugtuung, auch etwas für die Armen getan zu haben. Ich trage doch schon die Kosten für die fünf Frauen!’
Sollte ich mich von diesem jungen Mädchen lumpen lassen? ‚Kein Problem’, sagte ich, ‚die Sache zu organisieren! Aber wer bürgt in dieser Zeit, in der du mit den Menschen in der Oper allein bist, für deine Sicherheit?’ ‚Chopin’, sagte sie, ‚Brahms, Villa Lobos, Johann Strauß, Gershwin!’ ‚Dann bist du allerdings in guten Händen!’, erwiderte ich. ‚Vielleicht freuen diese sich, wenn du durch eine Panik der Leute oder ihre Zuneigung so verdrückt wirst, dass du ihnen im Himmel Gesellschaft leisten kannst!’
‚Keine Sorge, ich habe die Menge im Griff!’, antwortete sie, ‚ich bin auch ein Kind der Vorstädte und weiß, wie man mit diesen Menschen umgehen muss. Ich spreche ihre Sprache und ich kenne ihre Probleme und ich nehme sie ernst. Das spüren sie. Sie werden meine besten Beschützer sein. Aber für dich ist es besser, dich aus unserer Mitte zu entfernen. Denn vielleicht gibt es unter ihnen einige ehemalige Arbeiter von deiner Fazenda, die noch die Zeiten gekannt haben, als es keinen Strom und kein fließendes Wasser, keine medizinische Versorgung und keine Schule gab.’ ‚In Ordnung’, sagte ich. ‚Widme sich jeder seiner eigenen Aufgabe, aber wenn ich das Essen organisiert habe, dann komme ich auch noch in die Oper!’ ‚Ich werde dir dann eine Bearbeitung von Telemanns Tafelmusik spielen!’, sagte sie und gab meinen Arm wieder frei.
Carlotta gab die Neuigkeit sofort der begeisterten Menge bekannt und schlug vor, den restlichen Weg zum Opernhaus tanzend und singend zurückzulegen. Und so erlebte Manaus eine groteske Prozession von mit ihren Krücken oder auf allen Vieren tanzenden Körperbehinderten und Bettlern, von singenden, klatschenden und die Beine schmeißenden Müttern und Kindern. Natürlich wurde die Polizei auf diese Humpeltanzprozession und Katzenmusikkarawane aufmerksam, aber die gute Laune dieser Menschenmenge und ihre Friedlichkeit steckten die Polizisten an, so dass auch sie zu schunkeln und zu klatschen begannen und somit in Manaus der erste Straßenkarneval im Sommer stattfand. Ich machte noch ein paar Fotos von dem spektakulären Ereignis und suchte dann schleunigst unser Hotel auf, das ich Carlotta nach dem Aufenthalt auf der Amazonas-Lodge ausnahmsweise hatte schmackhaft machen können.
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