Als Kapitän Paulsen sie aufforderte, unter Deck zu gehen, da die Gefahr bestehe, dass sie über Bord gehen könne, ignorierte sie seine Anweisung, legte sich mit dem Bauch auf eine der Bänke, die auf dem Deck standen, vergrub ihren Kopf in ihren Armen und weigerte sich noch ein Wort zu sprechen. Ich ordnete sofort an, sie auf der Bank festzubinden, damit sie nicht doch von einem über Bord schwappenden Brecher erfasst und ins Meer geschleudert werden konnte. Sie ließ das auch alles willenlos über sich ergehen. Ich blieb bei ihr, sicherte mich allerdings auch mit einer Leine.
Als dann die ersten großen Brecher kamen, versuchte ich mich vor sie zu stellen, um sie gegen das Wasser zu schützen, aber ich konnte mich nicht auf der Stelle halten und so wurde sie auch nass. Da jetzt auch der Himmel seine Schleusen öffnete und das Wasser von oben und unten kam, konnte ich Carlotta doch überzeugen, dass es unter Deck komfortabler sei und somit verschwanden wir zwei – so schnell wir konnten – unter der Deckluke.
In meinem Salon legte sich Carlotta sofort auf das Sofa und ich setzte mich zu ihren Füßen, um sie festzuhalten, falls sie bei einer plötzlichen Schräglage des Schiffes herunterzufallen drohte. So konnte ich es durch rechtzeitiges Eingreifen dreimal verhindern, dass sie durch meinen Salon kollerte, und ich war, als sich der Sturm nach zwei Stunden legte, heilfroh, dass Carlotta bis auf die Seekrankheit kein weiterer Schaden zugestoßen war. Nach einer weiteren Stunde hatte Carlotta sich auch so weit wieder erholt, dass sie aufrecht sitzen und mir glaubhaft versichern konnte, dass dieses die erste und letzte Reise mit meiner Yacht gewesen sei. Sie wolle aber bis Blumenau dabei bleiben und mich dann auf meine Farm begleiten, die ja hoffentlich nicht so ein willfähriges Spielzeug für den Wind sei wie mein Schiff.
Ich beruhigte sie mit der Auskunft, dass das Hauptgebäude meiner Farm ein altes Jesuitenkloster sei, das bis jetzt der Abnutzung durch die Zeit und das Wetter mit Hartnäckigkeit getrotzt habe und dies nach meinem Dafürhalten auch noch einige weitere Jahrhunderte zu tun gedenke.
Nach diesem Ereignis hatte ich das Gefühl, dass Carlotta mich doch etwas mehr respektierte, als sie es vorher getan hatte, auch etwas umgänglicher wurde, wenn wir Freunde besuchten, und auch wieder bereit war, ein kleines Konzert zu geben, wenn es gewünscht wurde.
Ihre Sammeltätigkeit für die Ausbildung von Straßenkindern behielt sie allerdings bei, was mich weiterhin von einer Verlegenheit in die andere stürzte. Denn meine Freunde informierten sich bereits untereinander darüber, dass Carlotta mich begleite und diese Tatsache dazu benutze, um Spenden für den Internatsaufenthalt von ‚Straßenkindern’ zu sammeln. Einige Freunde wollten sich auch den Anblick von Carlottas Fotos ersparen und hatten bereits bei unserer Ankunft ein Beutelchen bereitgestellt, in dem ihre Spende enthalten war. Sie taten dann so, als seien sie begeistert von Carlottas sozialem Engagement, was sie mit vollem Herzen unterstützten und weshalb sie bereits eine Spende erübrigt hätten.
Carlotta zeigte ihnen dann trotzdem ungerührt die Bilder des Elends, die sie in den Favelas von Rio gemacht hatte, und unterstrich die schaurige Anschaulichkeit der Fotos noch durch ihre detaillierten Schilderungen der Wohnsituationen, der familiären Situationen und der Einkommensverhältnisse dieser Menschen, so dass die meisten meiner Freunde durch diese ungeschminkten Berichte geschockt wurden und froh waren, wenn wir ihr Haus oder ihre Wohnung wieder verließen und sie sich ohne atmosphärische Störungen wieder den idyllischen Welten hingeben konnten, die sie sich in ihren Gärten und Wohnräumen geschaffen hatten.
Manche sprachen mich auch in Carlottas Abwesenheit auf ihren Tick an und meinten, dass ich diesem unappetitlichen Thema doch den Stachel ziehen könne, wenn ich die finanzielle Regelung der Angelegenheit selbst in die Hand nähme, so dass Carlotta ihrem sozialen Engagement nachgehen könne, um mit Hilfe der sozialen Einrichtungen von Rio de Janeiro einige Straßenkinder aus ihren Familien zu lösen und schnellstmöglich in ein Internat zu verfrachten. Aber ich musste ihnen dann immer erklären, dass Carlotta sich kategorisch meine Einmischung in diese Angelegenheit verbeten hatte und auch nicht bereit war, auch nur einen Cruzeiro von mir für die Versorgung eines Straßenkindes anzunehmen. Kurz und gut: ich war sehr froh, als wir endlich auf meiner Farm angekommen waren und ich an keinen weiteren Sammelaktionen von Carlotta mehr teilnehmen musste.
Die ersten Tage auf meiner Farm verliefen auch sehr harmonisch und fröhlich. Carlotta ritt mit mir aus, besuchte meine Zuckerrohrplantagen, durchstreifte mit mir meine Wälder und Rinderweiden und zeigte sich unendlich interessiert, alle Sparten meiner Fazenda kennen zu lernen. Sie wälzte dazu Lexika in meiner Bibliothek und lernte von mir und aus einschlägigen Lehrbüchern, die ich in den frühen Jahren meiner Besuche in Brasilien zum Lernen benutzt hatte, Portugiesisch und vergaß auch nicht, zu meinem Vergnügen und ihrer Vorbereitung auf ihre Konzerttournee zwei bis drei Stunden am Tag Klavier zu üben. Aber bei ihrer Kontaktfreude und ihren schnellen Fortschritten in der Beherrschung der portugiesischen Sprache, die sie gierig wie Muttermilch aufsog, konnte es natürlich nicht lange dauern, bis sie viele meiner Landarbeiter kontaktierte, mit ihnen zu sprechen begann und auch die eine oder andere Einladung in ihre bescheidenen Hütten annahm. Sie forderte auch mich auf, sie bei diesen Besuchen zu begleiten, aber ich schob geschäftliche Angelegenheiten vor und besuchte unterdessen alte Freunde in Blumenau.
Ich war also mehrere Tage abwesend, die sie zu ausgedehnten Besuchen bei den Familien meiner Arbeiter nutzte. Als ich zurückkam, trat mir eine verwandelte Carlotta entgegen. Sie habe sich in meiner Abwesenheit über die Lage meiner Arbeiter und die Struktur und Ausdehnung meiner Fazenda kundig gemacht, eröffnete sie mir, und sie sei entsetzt über die Verhältnisse, in denen die Familien meiner Arbeiter leben müssten, und über die unsoziale Nutzung des riesigen zu meiner Fazenda gehörigen Landes.
‚Ich habe gar nicht gewusst, dass du mehr als 15000 Hektar Land besitzt und dass der größte Teil dieses Landes brach liegt’, sagte sie mir. ‚Und deine Arbeiter leben in Verhältnissen, die man nur als menschenunwürdig bezeichnen kann! Ihre roh zusammengezimmerten Hütten oder besser: Verschläge bestehen häufig nur aus einem Raum, haben selten einen Stromanschluss und noch seltener fließendes Wasser. Es sei denn der nahe gelegene Fluss wird als ihr Trinkwasser-Reservoir, ihre Toilettenspülung und ihr Waschbecken betrachtet.
Für ihre tägliche Arbeit auf deinen Plantagen oder bei deinen Rinderherden bekommen sie keinen Cruzeiro Lohn und werden statt dessen mit einer Parzelle Land abgespeist, die die Frauen bearbeiten müssen, weil die Männer von morgens bis abends auf deinem Gelände Frondienste leisten. Viele Kinder wachsen ohne Schulbildung auf, weil sie bereits früh bei der Landarbeit mithelfen müssen und weil deine Arbeitssklaven kein Geld haben, um sie in eine der umliegenden Schulen zu schicken. Gäbe es nicht die christlichen Missionare mit ihren Ordensschulen, die sich neben ihrer Glaubensverbreitung sehr um die schulische Bildung der Kinder kümmern, grassierten hier nur Analphabetismus und Unwissenheit.
Im Übrigen ist die medizinische Versorgung deiner Schutzbefohlenen nicht vorhanden, null und nichtig. Ich habe Menschen mit Wirbelsäulenverkrümmungen gesehen, die auf allen Vieren laufen, andere tragen kiloschwere Krebsgeschwülste auf dem nackten Bauch, die Zähne der Älteren sind zu Stummeln verfault und sie können nur noch Brei und Flüssigkeit zu sich nehmen. Dazu kommen Augenerkrankungen, Rachitis, Unterernährung, ekelhafte Hautkrankheiten. Da sie ihr Trinkwasser aus dem verschmutzten Fluss nehmen müssen, grassieren Magen- und Darmerkrankungen mit häufigen Durchfällen und blutigem Auswurf aus Rachen und Darm.’
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