1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 Mekinsky füllte sein Glas mit dem dunklen Mönchsbier und hoffte, dass der Alte das Zittern seiner Hände nicht bemerkte. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn wieder und er musste sich eingestehen, dass der Teufelsanbeter es immer wieder mühelos schaffte, ihn aus dem Konzept zu bringen.
Wortlos stieß er mit dem Alten an, machte einen langen Zug und spürte, wie der gewohnte Alkohol sein Selbstbewusstsein mehr und mehr zurückbrachte.
„Möchten Sie etwas essen?“, fragte Demessos und Mekinsky verneinte.
„Vielmehr würde mich interessieren, warum Sie mich hergebeten haben. Alles, was es zu besprechen gibt, hätten wir genauso gut in der Kanzlei erledigen können.“
„Ich will Ihnen die Möglichkeit geben, uns besser zu verstehen, Staranwalt, damit Sie für den Prozess besser gewappnet sind. Unsere Gegner werden mit harten Bandagen kämpfen.“
„Mühlbacher hat gar nichts. Sie stochert herum, aber den Unterlagen nach zu schließen, wird sie gehörig ausrutschen“, antwortete Mekinsky und schenkte sich den Rest aus der Bierflasche ein.
„Seien Sie da nicht so sicher“, unterbrach der Satanist, „die Dame ist gefährlich. Karrieregeil. Und sie hat sich unseren Fall förmlich erbettelt. Auf Knien, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Mekinsky grinste. „Sie meinen, sie ist auf den Knien vor ihrem Chef rumgerutscht, um den Fall zu bekommen?“
„Nein, ich meine, sie hat Hofrat Hirtner einen geblasen, um an diesen Fall zu kommen. Ihr Chef konnte auf Hirtners Weisung gar nicht anders, als ihr den Fall zu übergeben.“
„Verdammt nochmal, woher wissen Sie das denn?“
Mekinskys Verblüffung amüsierte Demessos sichtlich. „Staranwalt, Sie begehen immer noch den Fehler, uns für eine Juxtruppe zu halten. Aber wir sind gut vernetzt, und Sie würden sich wundern, wie viele wir wirklich sind und vor allem, bis in welche Kreise unser Einfluss reicht.“
Demessos sagte das mit einer Ruhe, die Mekinsky fast überzeugte.
„Wenn Ihre Sekte …“
„Glaubensrichtung“, unterbrach der Teufelsanbeter.
„.. wenn Ihre Glaubensrichtung so mächtig ist, warum konnte Sie dann den WEGA-Einsatz nicht verhindern? Das müsste doch eine einfache Übung für ein angeblich so starkes Netzwerk sein“, antwortete der Anwalt spöttisch.
„Können Sie sich vorstellen, dass wir durch unsere Gesinnung auch durchaus mächtige Feinde haben?“
„Wen denn? Die Todesschwadronen des Opus Dei?“, spottete Mekinsky weiter.
Demessos sah ihn lange schweigend an. Kurz bevor Mekinsky das peinliche Schweigen beenden wollte, erwiderte der alte Mann mit ruhiger Stimme: „Sie denken immer noch zu einseitig, Staranwalt. Dass das Christentum mit Satanisten nichts zu tun haben will, wird Ihnen schon klar geworden sein. Aber wie ist das mit dem Judentum? Oder den Moslems? Ist es für Sie vorstellbar, dass praktisch alle Weltreligionen in uns eine Bedrohung sehen? Und wenn Sie eine Sekunde bereit sind, anzunehmen, dass diese Bedrohung für uns real ist, können Sie sich dann vorstellen, dass unsere Feinde durchaus in der Lage sind, eine Truppe wie die WEGA loszuschicken?“
Mekinsky dachte über das eben Gehörte nach. Wenn der Alte Recht hatte, dann war der Fall wirklich um einiges größer als bisher angenommen. Mekinsky nahm sich vor, ab jetzt ein wenig weiträumiger zu denken und die Dimension des Ganzen anders zu bewerten.
„Was genau möchten Sie und ihre Glaubensgenossen eigentlich erreichen?“, fragte der Gast neugierig.
„Im Grunde ist es einfach. Wir wollen in Ruhe gelassen werden, unsere Riten und Gebräuche ausleben können und dem gefallenen Erzengel Luzifer dienen dürfen. Nicht mehr und nicht weniger, als alle anderen Glaubensrichtungen auch tun.“
„Die Weltreligionen haben sich aber nicht dem Bösen verschrieben, so wie es bei Ihnen der Fall ist.“
„Das Böse? Was, Staranwalt, ist das Böse? Sie verteidigen ständig irgendwelche Typen, die Böses begangen haben und empfinden dabei keinerlei Skrupel. Politiker begehen Verbrechen am Volk, Priester ficken Knaben, Eheleute betrügen einander. Die Welt, Staranwalt, ist voll böser Taten. Nur, wir stehen dazu, so zu sein, wie der Mensch nun einmal ist, ohne der ganzen Schönfärberei und dem Drang, sich ständig als edel und gut verkaufen zu müssen.“
„Sie halten die Menschheit für im Grunde böse?“
„Ja, und wenn Sie die Augen aufmachen, würden Sie das auch erkennen können. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen. Und wie hat es ihm die Menschheit gedankt? Neid, Hass, Eifersucht, Betrug, Mord, Folter, Habgier und alle anderen sogenannten negativen Eigenschaften sind heute weiter verbreitet als je zuvor.“
Demessos hatte sich in Rage geredet und Mekinsky merkte, dass sein Gastgeber entschlossen war, ihm sein Weltbild schmackhaft zu machen. Er nahm einen weiteren kräftigen Schluck Bier.
„Sie sind doch verheiratet, oder?“
„Ich nehme an, dass Sie das genau wissen“, erwiderte Mekinsky.
„Natürlich. Und jetzt meine Frage: Haben Sie, als meine Tochter Sie hier hereingeführt hat, nicht daran gedacht, wie es wäre, sie zu ficken? Natürlich haben Sie das. Streiten Sie es nicht ab. Wo bleibt da Ihre Tugend? Wie heißt es in Ihrer ulkigen Religion? „Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib“ und „Du sollst nicht ehebrechen“.“
Mekinsky errötete und fürchtete, dass sein Gegenüber es im Halbdunkel bemerken könnte. Schnell nahm er noch einen Schluck Bier, um sich eine Antwort zu ersparen. Einmal mehr stellte er fest, dass der Alte in ihm wie in einem offen Buch lesen konnte.
„Nein, Staranwalt, Sie sind genauso vom Bösen durchdrungen wie ich, auch wenn Sie sich das selbst nicht eingestehen wollen“, fuhr Demessos fort, „es fehlt Ihnen nur der Mut, es auszuleben.“
„Halten Sie mich für einen Feigling?“, empörte sich Mekinsky.
„Nein, nur für jemanden, der Wasser predigt und Wein trinkt. Aber das ist Ihre Sache.“
Demessos stand auf, ging zum Globus, öffnete ihn und entnahm wieder die Flasche mit blutroter Flüssigkeit, füllte zwei Gläser und begab sich zurück zur Couch. Er stellte Mekinsky ein Glas hin und behielt das andere in seiner Hand.
„Trinken wir auf einen erfolgreichen Prozessverlauf. Prost!“
Mekinsky nahm das Glas, betrachtete kurz die rote Flüssigkeit und stieß wortlos mit seinem Gastgeber an. Er nahm einen großen Schluck und hätte beinahe die Flüssigkeit wieder ausgespuckt.
„Verdammt noch mal, ist das scharf! Was ist das für ein Zeug?“, fragte der geeichte Trinker.
„Wir nennen es „Luzifers Tränen“, aber woraus es genau besteht, wissen nur unsere Glaubensbrüder in Chile. Die stellen es für uns her.“
Mekinsky kämpfte mit den eigenen Tränen, spürte, wie sich der Schmerz in seinen Gedärmen ausbreitete und fürchtete schon, vergiftet worden zu sein. Doch das unangenehme Gefühl ließ rasch nach und wich, ähnlich wie bei einem guten Whiskey, wohliger Wärme. Und noch ein Umstand irritierte ihn. Er hatte eine derart heftige Erektion, dass er fürchtete, seine Jeans zu sprengen.
„Kommen Sie mit, Staranwalt, ich will Ihnen noch einen tieferen Einblick in unsere Welt geben“, sagte der Teufelsanbeter und stand auf. Er wandte sich jener Tür zu, durch die Kira vorhin verschwunden war und im Nu schluckte ihn das Halbdunkel. Mekinsky blieb nichts anderes übrig, als dem Alten zu folgen. Mehr tastend als sehend arbeitete er sich vorwärts. Unvermittelt prallte er auf Demessos.
„Hier geht’s bergab. Versuchen Sie, nicht zu stolpern, die Stufen sind sehr schmal“, warnte der Hausherr und ging voran.
Mekinsky schritt vorsichtig über die Wendeltreppe nach unten. Leise drang eine Art Singsang, ähnlich den gregorianischen Chorälen, an sein Ohr.
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