Vielleicht diese Blicke oder auch einfach nur Instinkt veranlassten sie, die Augen zu öffnen.
„Hallo, Schatz, ich bin zurück“, begrüßte er seine Frau, „und ich darf sagen, genau im richtigen Augenblick.“
Beide lächelten und Katrin reckte sich wortlos empor, um ihren Mann zu küssen. Ihre Zunge bohrte sich fordernd in seinen Mund und das reichte aus, um Mekinsky endgültig eine Erektion zu verschaffen. Doch ebenso schnell wie Katrin losgelegt hatte, stieß sie Ulrich auch gleich wieder von sich.
„Du hast schon wieder getrunken!“, legte sie wütend los. „kannst du nicht wenigstens ab und zu nüchtern von der Arbeit nach Hause kommen? Ist das zu viel verlangt?“
„Ja, Schatz, es waren nur zwei Bier, ehrlich. Ich musste mit Gernot essen gehen und …“
„Zwei Bier, ja? Verkauf mich nicht für blöd! Gestern habe ich noch gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Aber heute haben wir – wie du hoffentlich noch weißt - einen Tisch bei „Don Giovanni“ bestellt. Dass du jetzt vollgetankt ankommst, ist eine Frechheit!“
Wütend sprang sie aus der Wanne, griff sich ein Badetuch und wich der versuchten Umarmung ihres Mannes geschickt aus.
„Schatz, es tut mir leid“, stammelte Mekinsky, aber seine Frau war bereits aus dem Bad verschwunden, nicht ohne die Tür mit einem satten Knall ins Schloss zu werfen.
Ulrich setzte sich auf den Rand der Badewanne, legte sein Gesicht in beide Hände und schluchzte. Er wusste, dass Katrin vollkommen Recht hatte und er gestand sich auch ein, dass er tagsüber keinen einzigen Gedanken an ihr gemeinsames Abendessen in der Pizzeria verschwendet hatte. Sie würde heute keinen Fuß mit ihm gemeinsam vor das Haus setzen. Soweit kannte er seine Frau. Er, der Topanwalt, der vor Gericht so souverän wirkte, konnte sich vor dem Teufel Alkohol nicht schützen.
„Das muss anders werden! Bei Gott, ich schwöre es.“
Das abfließende Wasser der Wanne gluckste wie zur Bestätigung.
3. Tag; Mittwoch, 4. September
Die Glocken der Pfarrkirche St. Elisabeth läuteten siebenmal. So zeitig traf Mekinsky praktisch nie in der Kanzlei ein, aber heute war es anders. Der Streit mit Katrin und der dubiose Fall des Teufelsanbeters hatten ihm eine kurze, unruhige Nacht bereitet.
Als er sich auf den Weg gemacht hatte, schliefen Katrin und Lisa noch. Kurz hatte er gezögert und überlegt, ob er seine Frau wecken soll, aber er kannte sie als Morgenmuffel und wollte nicht das Risiko eines weiteren Streites eingehen.
Er öffnete die Tür der Kanzlei, schaltete das Licht ein, die Alarmanlage aus und betrat die menschenleeren Räume. Auf Bettinas Schreibtisch fand er ein an ihn adressiertes Kuvert.
Ohne einen Blick hineinzuwerfen wusste er, dass es die Unterlagen waren, die Demessos für ihn hinterlegt hatte. Er nahm das Kuvert mit und warf es auf seinen Schreibtisch. Dann schaltete er das Radio ein. Die pseudolustige Stimme eines Ö3-Moderators erzählte einen mehr als seichten Gag über einen populären Oppositionspolitiker. Mekinsky ging in die Küche, warf eine Münze in den Kaffeeautomaten und begab sich mit einem Plastikbecher voll heißer, dampfender Flüssigkeit in der Hand zurück in sein luxuriöses Büro.
Die nächsten zwei Stunden verbrachte er mit dem Studium der Unterlagen. Da war die offizielle Anklageschrift, per Hand auf Papier gekritzelte Notizen des Teufelsanbeters, eine Liste von Entlastungzeugen und der versprochene Scheck. Er las die Unterlagen aufmerksam und mit steigendem Interesse. Im Grunde baute die Anklage darauf, dass der Vorwurf vieler „kleinerer“ Delikte gegen die Satanisten zumindest eine erste Verurteilung zur Folge haben könnte.
Die Herabwürdigung religiöser Lehren bezog sich – ohne konkreten Vorwurf – auf den Umstand der Teufelsanbetung an sich. Der Diebstahl bezog sich auf einen antiken Dolch, dessen genaue Besitzverhältnisse eigentlich nicht feststellbar waren. Außerdem wurde noch Sachbeschädigung wegen eines Tieropfers angefügt.
In Summe alles Kleinkram, stellte Mekinsky fest. Warum die WEGA eingeschritten war, ging aus den Unterlagen nicht hervor. Offensichtlich wollte die Behörde wirklich einen Präventivschlag gegen Demessos und seine Leute führen. Ein Wunder, dass sich eine so ehrgeizige Staatsanwältin wie Mühlbacher für so etwas hergab. Oder steckte mehr dahinter? Mekinskys Neugier war jedenfalls geweckt.
Knapp nach neun, Bettina war noch nicht da, läutete das Telefon.
„Kanzlei Griess, Mekinsky & Partner. Guten Morgen“, meldete sich der Jurist förmlich.
„Guten Morgen, Staranwalt. Es könnte sogar ein sehr guter werden, wenn Sie meine Verteidigung übernehmen wollen“, tönte ein gut gelaunter Demessos aus dem Hörer.
„Welchen Teil von „nennen Sie mich nicht Staranwalt“ haben Sie nicht verstanden, Demessos?“, fauchte Mekinsky in den Hörer.
„Sie nennen mich Demessos, ich Sie Staranwalt. Kein Mekinsky, kein Schönbacher – so ist unser Deal. Namen sind etwas für Grabsteine. Also, übernehmen Sie meine Vertretung oder nicht?“
Mekinsky zögerte. Die Aussicht, Mühlbacher noch einmal zu schlagen und nebenbei zehntausend Euro zu verdienen, in einem Fall, den wohl jeder halbwegs talentierte Jus-Student gewinnen könnte, reizte ihn sehr. Andererseits war ihm Demessos noch immer höchst suspekt.
„Natürlich, jeder hat das Recht auf die bestmögliche Verteidigung.“
„Okay, dann sehen wir uns in vier Tagen bei der ersten Anhörung.“
„Seien Sie pünktlich“, erwiderte Mekinsky und legte auf.
Er schrieb eine Email an Bettina, um ihr mitzuteilen, dass er den Rest des Tages frei nehmen würde und nur in höchstdringlichen Fällen auf dem Handy erreichbar sei und verließ die Kanzlei.
Unterwegs nach Hause stoppte er in der Oberlaaer Straße bei einer Gärtnerei und kaufte neun rote Rosen.
Gegen zehn Uhr traf er daheim ein. Er nahm die Aktentasche und die Blumen vom Beifahrersitz, verschloss den Mercedes mit der Fernbedienung und betrat sein Haus.
„Du bist schon wieder zurück?“, fragte Katrin verblüfft, als er sie im Wohnzimmer am Klavier sitzend vorfand.
„Guten Morgen, Schatz.“ Er umarmte und küsste sie, was sie widerstandslos geschehen ließ. „Die sind für dich.“
Auf Katrins Gesicht machte sich ein Lächeln breit, als sie den Strauß Rosen überreicht bekam. „Als Entschuldigung Nummer eins für gestern Abend. Ich hoffe, Du kannst mir verzeihen?“
Erneut fiel ihm Katrin um den Hals und küsste ihn sanft auf den Mund.
„Das hängt aber sehr von Entschuldigung Nummer zwei ab“, sagte sie neckisch, nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten.
„Nummer zwei ist ein Mittagessen bei „Don Giovanni“. Tisch und Hummer sind reserviert“, entgegnete Ulrich.
Ein Strahlen überzog ihr hübsches Gesicht. Dennoch zögerte sie.
„Eines musst du mir aber versprechen. Du musst etwas gegen das Trinken tun. Irgendwann kann etwas ganz Schlimmes passieren, wenn du nicht aufhörst. Bitte, uns zu Liebe. Aber vor allem Lisa zu Liebe.“
Er nahm ihre Hände in die seinen. „Ich verspreche es, bei Gott. Ich verspreche es dir. Und jetzt zieh dich rasch um, sonst wird der Hummer ungeduldig.“
7. Tag; Montag, 10. September 2012
In den vergangenen Tagen hatte sich Mekinsky in den „Fall Schönbacher“ vertieft, Literatur zum Thema Sekten gelesen und sich taktisch auf die erste Anhörung vorbereitet, die nun in wenigen Augenblicken im Landesgericht Wien beginnen sollte. Markus Kienzl schlichtete am Tisch der Verteidigung einige Papiere, während Mekinsky sich leise mit Demessos unterhielt. Der Angeklagte trug einen eleganten, hellen Anzug, verzichtete aber auch heute nicht auf ein Stirnband. Diesmal war es ein schwarzes mit blutroten Ziffern, die mehrfach die Zahl „666“ bildeten. Die Zahl des Teufels nach der Offenbarung des Johannes.
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