Satanisten. Teufelsanbeter. Was können die wohl schon großartiges angestellt haben?
Beim Matzleinsdorfer Platz kontrollierten zwei Polizisten vorbeifahrende Autos, waren aber zu beschäftigt mit anderen Lenkern, um Mekinsky gefährlich werden zu können. Unbehelligt kam er bis zu seinem Haus, parkte den Mercedes in der Garage und begab sich ins Innere. Er machte kein Licht, um seine Frau Katrin und Lisa, seine Tochter, nicht zu wecken. Über die Treppe im großen Wohnraum schlich er in den ersten Stock, öffnete die Badezimmertür, zog sich aus und stieg in die Dusche. Das heiße Wasser rann über seinen noch immer durchtrainierten, solarium-gebräunten Körper. Mit sich und der Welt zufrieden stieg Mekinsky aus der Dusche, trocknete sich komplett ab und verharrte vor dem mannshohen Spiegel.
Nach ausgiebiger Selbstmusterung verließ er das Badezimmer, schlich zu Lisas Zimmer, öffnete es leise und sah von der Tür aus seine Tochter schlafend im Bett liegen. Lisa war sein ein und alles. Für sie würde er alles tun. Sie war nun schon fast siebzehn, praktisch eine voll erblühte Frau. Daran konnte auch ihr oftmals mädchenhaftes Gehabe nichts ändern. Es war ihm klar, dass der Tag, an dem sie selbst eine Familie gründen und damit ein eigenes Leben jenem bei Katrin und ihm vorziehen würde, bald anstehen würde. Obwohl er noch nie etwas davon mitbekommen hatte, war ihm auch bewusst, dass Lisa schon jetzt von Verehrern heftig umschwärmt wurde. Aber wer konnte es den jungen Männern verübeln? Ihre langes, blondes Haar, ihr feengleiches Gesicht und die von ihrer Mutter geerbte perfekte Figur ließen wohl viele Männerherzen höher schlagen. Dazu kam ihre natürliche, charmante und herzliche Art. Der Umstand, dass sie aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie kam, wirkte sich vermutlich auf potentielle Verehrer auch nicht unbedingt negativ aus.
Mekinsky schloss leise die Tür und ging Richtung Schlafzimmer. Bevor er eintrat, blickte er noch auf seine Rolex Submariner.
Halb zwei Uhr früh. Ihn plagte ein kurzer Anflug von schlechtem Gewissen, ehe er die Tür öffnete und hineinging. Katrin schlief schon und er legte sich rasch ins Bett, küsste seine Frau auf die nackten Schultern und raunte ihr ein „Gute Nacht, Schatz“, zu.
Katrin murmelte „Wäh, du hast getrunken!“ - Mekinsky schlief in der Sekunde ein.
2. Tag; Dienstag, 3. September 2012
„Hallo, Daddy!“, begrüßte Lisa ihren Vater gut gelaunt und ließ sich in den Beifahrersitz des Mercedes fallen. Sie küsste ihren Vater links und rechts und verzog sofort das Gesicht. „Daddy, du hast wieder getankt.“ Ihr vorwurfsvoller Blick tat ihm mehr weh, als er hätte zugeben wollen.
„Kleines, ein oder zwei Bier werden wohl für deinen alten Herren noch erlaubt sein, oder?“
„Du sollst nicht trinken, wenn du fährst. Wenn Mama das mitbekommt, ist wieder der Teufel los.“
Der Mercedes rollte vom Parkplatz des Cobenzl-Restaurants Richtung Höhenstraße. Für den fantastischen Ausblick über beinahe ganz Wien hatten beide im Moment keinen Sinn.
„Wie war dein Abend, Schatz?“, versuchte Mekinsky abzulenken.
„Danke gut, aber, wenn du mich das nächste Mal abholst, bitte nüchtern“, erwiderte Lisa. „Sonst fahre ich lieber mit dem Taxi.“
Mekinsky antwortete nicht. Sie hatte Recht und er wusste es. Er, der abgebrühte Strafverteidiger, dem so schnell nichts und niemand ein schlechtes Gewissen machen konnte, kam sich plötzlich wie ein totaler Versager vor.
Schweigend fuhren sie die Serpentinenstraße Richtung Neuwaldegg. „Hast du dir das mit meinen Reitstunden überlegt?“, fragte Lisa, „du weißt schon – die Mitgliedschaft im Reiterklub Rieglerhütte.“
„Ich weiß nicht. Mama ist dafür, aber ich denke, dass Reiten nicht ganz ungefährlich ist.“
„Nicht gefährlicher als betrunken Autofahren“, antwortete Lisa schnippisch.
„Mein Fräulein, so haben wir …“
„Daddy, pass auf!“, schrie Lisa.
Mekinsky verriss den Mercedes. Der Motor heulte auf, als er zu fest aufs Gas stieg. Der Wagen geriet ins Schleudern, berührte einen einbetonierten Begrenzungsstein, rotierte mehrfach um die eigene Achse und flog in den Wald. Wie in Zeitlupe bekam Mekinsky alles mit: Lisa, die mit offenem Mund tonlos schrie, das Knirschen von Metall, das Splittern der Scheiben und den langen Ast, der sich durch die Windschutzscheibe direkt in Lisas Mund bohrte und durch ihren Hinterkopf, verklebt mit Gehirnmasse, wieder austrat. Dunkelrotes Blut spritze durch den Wagen, traf Mekinskys Hemd. Lisa zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen, bevor ihre glasigen Augen den Tod wiederspiegelten. Mekinsky schrie, wie noch nie in seinem Leben.
Und mit diesem Schrei erwachte er. Schweißgebadet und stocknüchtern. Sein Herz raste wie wild und es dauerte Sekunden, ehe er begriff: ein Traum, nichts als ein böser, hinterhältiger Traum. Die Nachttischlampe auf der anderen Seite des Bettes ging an und Katrin sah ihn besorgt an.
„Was ist los, Schatz?“
„Ich hatte einen beschissenen Albtraum“, antwortete Mekinsky. „Der war verdammt real.“
„Aber eben doch nur ein Traum, mein Schatz. Komm zu mir, es ist vorbei.“
Katrin nahm ihren Mann in die Arme. Ihr hübsches Gesicht spiegelte die Sorge um ihren Mann wieder. Sie drückte ihn noch enger an sich, an ihren warmen, biegsamen und höchst erotischer Körper, an dem vierzig Lebensjahre scheinbar spurlos vorüber gegangen waren.
Ihre wohltuende Nähe beruhigte Mekinsky.
„Willst du mir deinen Traum erzählen?“
„Nein, ich möchte ihn nur vergessen, sonst nichts. Schlaf du ruhig weiter, ich werde eine Dusche nehmen und dann etwas früher ins Büro fahren. Vielleicht kann ich dann auch mal früher abhauen und wir gehen zum Italiener?“
„Oh ja, ins „Don Giovanni“ wäre fein.“
„Okay, ich versuche es. Bis dann, Schatz. Ich liebe dich.“ Er küsste seine Frau zum Abschied und verließ das Schlafzimmer.
Vor Lisas Tür blieb er stehen, öffnete sie und sah durch den Spalt zu seiner Tochter. Sie lag fast unverändert so da, wie er sie schon in der Nacht gesehen hatte. Ihr feengleiches Gesicht bildete einen schier unfassbaren Kontrast zu dem Bild in seinem Kopf. Der Ast, der sie durchbohrte, das viele Blut – mit einem Mal wurde ihm klar, dass seine heile Welt an einem seidenen Faden hing. Wenn Lisa etwas zustoßen würde, wäre für ihn die Apokalypse perfekt.
Er schloss die Tür, ging ins Bad und duschte ausgiebig. Das warme Wasser tat Mekinsky gut, körperlich und auch geistig.
Danach ging er in die Küche, öffnete den Kühlschrank und entnahm ihm eine Flasche Captain Morgan. Nach kurzem Suchen fand er eine Cola-Dose und mixte sich den derzeit angesagten Partydrink.
„Darauf, dass meine Kleine oben schläft und die andere Sache nur ein blöder Scheiß war. Cheers!“, prostete sich Ulrich selbst zu.
Nach einer Viertelstunde Autofahrt erreichte er die Kanzlei Griess, Mekinsky & Partner in der Prinz Eugen-Straße.
In diesem Teil des Bezirkes hatten sich vor allem Botschaften, Wirtschaftstreuhänder und Anwälte angesiedelt. Mit dem herrlichen Ausblick auf das Schloss Belvedere und der Zentrumsnähe war hier praktisch jede Immobilie ein Luxusobjekt. Mekinsky, Griess & Partner besaßen eine fast dreihundert Quadratmeter große Kanzlei im fünften Stock. Die Kanzlei war aus Sicht des Einganges T-förmig angelegt, an den beiden Enden befanden sich die Büros von Mekinsky und seinem Kompagnon, Dr. Gernot Griess.
Das „Partner“ im Firmennamen war eher nur Zierde. Mekinsky vermutete insgeheim, dass Griess über Treuhänder auch diese Anteile hielt. Aber ebenso ging das Gerücht um, dass Griess längst verkauft hat und die „Partner“ stille Teilhaber aus Italien oder dem arabischen Raum wären. Wie auch immer, Mekinsky hielt fünfundzwanzig Prozent, die ihm ein finanziell sorgloses Leben sicherten, auch wenn sein Input in die Firma weit über fünfzig Prozent ausmachte.
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