Die beiden lösten sich voneinander und setzten sich.
„Wie war es denn gestern bei deinem zwielichtigen Klienten?“, fragte Katrin und schenkte ihm Kaffee ein. „Haben sie dich verhext?“
Katrin lächelte ihn an und Ulrich hätte ohne Zögern seinen Mercedes geopfert, um bei ihrer letzten Bemerkung nicht zu erröten.
„Nein, nein, nichts Besonderes. Der Klient wollte einfach ein wenig plaudern. Du weißt ja, wer zahlt, macht die Regeln. Also habe ich ihn beraten, mir ein Bild von seinen Lebensumständen gemacht und bin wieder gefahren. Der übliche Juristenkram.“
Er errötete nicht, verriet sich auch sonst nicht und Katrin gab sich mit der Auskunft zufrieden.
Während seiner kurzen Erklärung hatte Katrin etwas Nutella auf ein kleines, mit Butter beschmiertes Brot gestrichen und schob es auf einem hübsch verzierten Teller ihrem Mann zu.
„Übrigens, ich möchte noch etwas mit dir besprechen. Du weißt schon, wegen Lisa“, wechselte Katrin das Gesprächsthema.
Mekinsky schob sich ein Stück des Nutella-Brotes in den Mund und fragte sich, wie wohl die Teufelsanbeter ihre Frühstückszeremonie gestalteten. Luzifers Tränen statt Kaffee? Peitsche statt Butterbrot?
„Sie traf sich gestern mit dem Besitzer des Reitstalles bei der Riegler-Hütte und meinte, sie seien sich einig geworden“, fuhr Katrin fort, „aber natürlich sind die Reitstunden von uns zu bezahlen. Aber der Betrag ist gar nicht so hoch, wie wir anfangs dachten.“
„Ja, okay“, antwortete Ulrich, und sah dabei vor seinem geistigen Auge Demessos und Kira lächelnd ein Glas dieser teuflischen, roten Flüssigkeit trinken.
„Aber da ist noch ein Haken“, fuhr seine Frau fort, „ du müsstest sie verlässlich von ihren Reitstunden abholen, denn es gibt dort weit und breit keine öffentlichen Verkehrsmittel. Kannst du das einrichten?“
„Äh, ja sicher, kein Problem“, antwortete Mekinsky abwesend. In seinem Kopf verblasste eben das Bild, das Demessos zeigte, wie er das Mädchen mit dem Bowiemesser, dessen Gesicht er nie gesehen hatte, von hinten brutal auf einem Küchentisch fickte.
„Und, Ulrich, du weißt, dass du ihr versprochen hast, nicht mehr angetrunken zu fahren?“
„Sicher, Schatz, sicher. Ich würde nie das Leben unserer Tochter aufs Spiel setzen. Sowas darfst du nicht einmal denken.“
Er schob sich den letzten Bissen des Brotes in den Mund, spülte mit Kaffee nach und erhob sich.
„A propos, fahren. Schatz, ich muss dann los. In der Kanzlei türmen sich die Akten. Wir sehen uns heute Abend, okay?“
„Ich freue mich schon. Einen schönen Tag wünsche ich dir.“
Sie küssten einander, diesmal flüchtiger, und Mekinsky verließ die Küche, um durch das Vorzimmer in Richtung Garagenzugang zu verschwinden.
Katrin räumte den Esstisch ab und begab sich ins Wohnzimmer, wo ihre Haushaltshilfe Ludmilla wie ein Derwisch mit dem Staubsauger herumsauste. Die beiden begrüßten einander herzlich und Katrin ging in ihr kleines Büro.
Bevor Katrin Mutter wurde, hatte sie als Immobilienmaklerin bei einer großen Firma gearbeitet und dort hauptsächlich Gewerbe- und Luxusimmobilien betreut. Mit ansteigendem Erfolg ihres Mannes und durch die Schwangerschaft im dritten Ehejahr zog sie sich aber aus dem Geschäft immer mehr zurück. Seit Lisa ins Gymnasium ging, arbeitete Katrin halbtags wieder für ihre alten Arbeitgeber. Sie erledigte anstehende Besichtigungen prinzipiell vormittags und kümmerte sich um den Papierkram im Notfall auch am Nachmittag.
Das Arbeiten im Home-Office war für Katrin wie ein Lottogewinn. So konnte sie das Familienleben in Schuss halten, zugleich gutes Geld verdienen und, was am wichtigsten war, immer für Lisa da sein. Dass ihr Chef die „harten Brocken“ häufig ihr überließ, nahm sie nicht als Abwälzen wahr, sondern vielmehr als Anerkennung ihrer Fähigkeiten.
Katrin betrat ihr kleines Refugium im Erdgeschoß, schob das Foto, das die Familie Mekinsky lachend in die Kamera schauend zeigte, ein paar Zentimeter zur Seite und startete ihren Computer. Während dieser hochfuhr, lehnte sich die junge Frau in ihrem Chefsessel zurück und ließ ihren Blick durch das Büro gleiten.
Alles schien zu ihrer Zufriedenheit. Die Perle Ludmilla hatte hier schon ganze Arbeit geleistet. Ihre Beziehung zu der jungen Polin war etwas mehr als ein bloßes Dienstverhältnis.
Ulrich hatte sie in einer schlimmen Scheidungssache vertreten, und Katrin besorgte ihr eine kleine Wohnung, in der sie vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann sicher war. Aus Dankbarkeit bot Ludmilla an, für die Mekinskys den Haushalt zu führen.
Das passte dem Ehepaar zu diesem Zeitpunkt perfekt, weil es Katrin die Chance des beruflichen Wiedereinstieges ermöglichte. Inzwischen war Ludmilla fast ein Mitglied der Familie geworden.
Auf dem Samsung-Monitor erschien das Hintergrundbild: Ulrich und Katrin auf einer Restaurantterrasse in Monaco. Aufgenommen anlässlich ihrer Hochzeitsreise, die sie nach Südfrankreich führte, mit einem Abstecher ins Fürstentum inklusive. Sie musste schmunzeln. Erinnerungen. Der Startschuss für ein perfektes, harmonisches Leben. Fast schon zu kitschig schön, um wahr zu sein. Sie wünschte sich, dass auf ihre heile, kleine Welt niemals ein Schatten fallen soll.
Ihre Gedanken kehrten zurück und sie öffnete, wie jeden Tag, als erstes das Mailprogramm Outlook. Drei neue Mails lagen im Posteingang.
Im ersten wurde ihr günstig Viagra angeboten. Katrin lachte kurz auf. Das allerletzte, das Ulrich im Leben brauchen würde, waren die kleinen, blauen Potenzpillen. Sie nahm sich vor, später den Spamfilter zu überprüfen und zu ändern.
Das zweite neue Mail war von ihrem Chef Konstantin. Eine kleine, aber in die Jahre gekommene Discothek im sechsten Bezirk sollte einen neuen Besitzer finden. Im Anhang waren die Basisdaten und ein paar Fotos zu finden. Schon nach dem ersten Bild war Katrin klar, warum bisher niemand in der Lage gewesen war, das Objekt zu vermitteln. Sie nahm sich vor, später den Noch-Besitzer zu kontaktieren und kritzelte dessen Handynummer auf einen Zettel.
Mail Nummer drei war mysteriös. Als Absender schien „Renegade“ auf. Katrin versuchte sich zu erinnern, ob sie diese Bezeichnung schon einmal gehört hatte. Renegade? Zu Deutsch Abtrünniger, aber auch ein amerikanischer Geländewagen und eine TV-Serie mit Schönling Lorenzo Lamas. Alles irgendwie nichtssagend, aber Katrins Neugier siegte. Sie klickte die Nachricht an.
„Öffnen Sie die bitte die Datei – jetzt.“
Mehr stand nicht in der Mitteilung. Und ein Button zum Starten einer Videodatei.
Katrin zögerte. Irgendwie hatte sie plötzlich Angst vor dem, was auf dem Video zu sehen sein könnte, ohne zu wissen, warum. Das Virenschutzprogramm Kaspersky hatte die Datei als nicht bedenklich eingestuft, die Gefahr einer Virenattacke war also gering. Fast eine Minute verharrte Katrin regungslos vor dem Bildschirm. Öffnen oder löschen? Irgendetwas in ihrem Inneren schlug Alarm, aber ihre Neugier stieg, je länger sie darüber nachdachte.
Und dann klickte sie den Button an.
Der Videoplayer startete sofort, aber er zeigte nur ein schwarzes Bild. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte sie, dass das Bild so dunkel war, weil die Szene in einem Kellergewölbe gefilmt worden war. Sie sah eine Gruppe nackter Menschen vor einem umgedrehten Kreuz. Die Kamera schwenkte und sie sah nun ein Mädchen mit einer roten Kapuze, das durch den Mundschlitz einem Mann die Hoden leckte. Katrin wollte die Aufnahme stoppen und das Mail löschen, verharrte aber, als die Kamera nach oben schwenkte und den Mann zeigte, der den Kopf in den Nacken geworfen hatte. Irgendetwas an dem Mann irritierte sie. Die extrem schwache Beleuchtung machte eine Identifikation aber unmöglich.
„Er sieht aus wie Ulrich …“, sagte Katrin zu sich selbst und schämte sich im selben Augenblick für den Gedanken. Sie nahm sich vor, Ulrich auf keinen Fall damit zu konfrontieren.
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