„Aber es ist eine Weisheit und ein Humor, der die arabische Seite ausschließt“, bemerkte Marcel. „Außer in zwei Passagen bleibt die palästinensische Perspektive gänzlich ausgespart.“
„Aber wie hätte der Autor das auch leisten können?“ fragte Frank. „Er ist Israeli und schreibt von den Ursprüngen und dem Selbstbehauptungskampf seines Volkes.“
„Aber gerade die Hoffnung, endlich einmal ein Buch zu lesen, das beide Seiten literarisch angemessen zu Wort kommen lässt, war der Grund gewesen, dieses Buch auszuwählen“, insistierte Marcel, der ganz offensichtlich mit dem vorliegenden Buch nicht zufrieden war, was Lothar wunderte, denn er hätte gedacht, dass gerade der verschachtelte Aufbau des Werkes Marcel begeistern würde.
„Stimmt“, meinte Frank. „Der Araber als Antagonist kommt in dem Buch nicht wirklich vor, aber ist das nicht auch schon bemerkenswert? Selbst für einen so bedeutenden Autor wie Oz ist das palästinensische Gegenüber eine Leerstelle.“
„Aber gehen wir jetzt nicht ein wenig zu sehr von unserer Erwartung aus?“ fragte Elke. „Wer sagt denn, dass das Buch das israelisch-palästinensische Verhältnis überhaupt zum Thema machen wollte? Wir haben doch schon gesagt, es handelt sich auch um eine Familiengeschichte, und als Familiengeschichte finde ich das Buch durchaus gelungen. Das Buch enthält so viele Beobachtungen aus dem Reich der Familie, die man nur mit Gewinn lesen kann. Ich habe mich zum Beispiel noch vor kurzem über eine Cousine maßlos geärgert, die ihre Umwelt durch ihren Trübsinn und ihre Nörgelei nervt. Sie besitzt nette Kinder, einen liebevollen Mann, aber sie ist durch und durch unzufrieden. Und da lese ich folgende Stelle auf Seite 246, wo der kleine Oz über seine Mutter schreibt: ` Vielleicht kann man Mama nicht wirklich zur Last legen, dass sie ihm – dem Vater – das Leben so vergällt hat? Sie war dort ja sehr unglücklich. Sie war überhaupt eine unglückliche Frau. Von Geburt an: unglücklich. Mit den Chandeliers und den Kristallsachen war sie auch schon ziemlich unglücklich. Aber sie war eine unglückliche Frau, von der Sorte, die auch andere unglücklich machen muss.´ Das ist es, dachte ich, als ich diese Stelle las, das ist genau meine Cousine, ich begriff plötzlich das Wesen meiner Cousine auf eine ganz andere Weise. Solche Stellen gibt es in dem Buch in Hülle und Fülle, und da sucht ihr nach irgendwelchen historischen oder politischen Passagen.“ Elke klappte das Buch zu und blickte sich um.
„Etwas privatistisch, oder?“ fragte Marcel mit unentschlossener Miene.
„Ich habe auch eine Stelle, die mich angesprochen hat“, ergänzte Frank „Ganz am Ende des Buches, in dem Oz über die Bücher spricht, die ihn beeinflusst haben, beschreibt er eine Stelle aus `Arc de Triomphe´ von Remarque, in der von einer Frau erzählt wird, die sich liebeskrank an ein Brückengeländer lehnt und an Selbstmord denkt. ` Aber im allerletzten Moment kommt ein wildfremder Mann vorbei, bleibt stehen, spricht sie an, packt sie entschlossen am Arm und rettet ihr so das Leben und wird auch noch mit einer heißen Liebesnacht belohnt ´“ las Frank und blickte auf. „Ist es nicht großartig, wie hier die entscheidenden Voraussetzungen und Anbahnungsetappen der Liebe beschrieben werden? `Und genau so würde ich auch der Liebe begegnen´, heißt es weiter im Buch . `Sie würde allein in einer Sturmnacht am Geländer der Brücke stehen, und ich würde im letzten Moment auftauchen, um sie vor sich selbst zu retten.´“ Frank klappte das Buch zu und überlegte einen Moment. „Natürlich steht hinter der verzweifelten Unbekannte, die Oz so beeindruckt, eine Erinnerung an die traurige Mutter, die der Erzähler zu retten wünscht“, fügte er hinzu. „Zugleich aber zeigt die Stelle für mich auch, wie stark das, was wir Liebe nennen, nicht in erster Linie das Thema der Literatur ist, sondern dass die Literatur und die in ihr geweckten Bilder unsere Erwartungen von der Liebe prägen.“
Marcel schüttelte den Kopf und blickte auf sein Exemplar, als hätte es ihn enttäuscht. „Dass das Buch zur Identifikation einlädt, habe ich auch bemerkt“, gab er zurück. „Doch ich schätze solche Einladungen nur in Maßen. Sie laden allzu leicht dazu ein, wild zu assoziieren und alles Mögliche mit diesen Passagen in Verbindung zu bringen. Solche Stellen sind wie Badewannen, die den Leser dazu verleiten, sich in sie hineinzulegen und einfach nur wohlzufühlen. Manchmal sind sie wie Erschleichungen, wenn sonst kein anderer Sinn in dem Buch zu finden ist.“
„Das willst du doch nicht im Ernst für dieses Buch behaupten“, widersprach Lothar. „Ich verstehe schon, was du meinst, aber ich finde, dass deine Kritik dieses Buch nicht trifft. Mit Ausnahme der arabischen Problematik ist das Buch unglaublich wirklichkeitsgesättigt, vor allem im Hinblick auf die Beschreibung der osteuropäischen Ursprünge des Staates Israels, die absolut anschaulich werden. Mir fällt dazu eine Empfindung ein, die mich im letzten Sommer während meiner Osteuropareise geradezu überwältigt hatte: die Größe, die Weite, um nicht zu sagen: die Leere mancher osteuropäischer Städte siebzig Jahre nach dem Holocaust. Vor allem in Wilna hatte ich auf den großen Plätzen die Empfindung, dass die hunderttausend Juden, die die Nationalsozialisten allein in Wilna ermordet haben, physisch fehlten.“
Lothar machte eine Pause und sah sich um. „Es hat mich bewegt, mit diesem Buch ein Werk in der Hand zu halten, das die Stimmung dieser untergegangen Welt literarisch bewahrt. Anders kann ich es nicht sagen.“
Frank stimmte Lothar zu und bezeichnete Marcels methodisches Diktum gegen die Passagen, die zu persönlicher Identifikation einladen, als kurios. „Was hätte denn Lesen für einen anderen Sinn, als zur Identifikation einzuladen?“ fragte er.
„Da rennt ihr bei mir offene Türen ein“, erwiderte Marcel. „Es ist aber ein Unterschied, ob sich der Bezug zwischen dem Buch und dem Leser auf der Grundlage einer nachvollziehbaren Gesamtaussage ergibt oder auf der Grundlage nebensächlicher Passagen, die man sich ins Poesiealbum schreiben kann. Es war mir immer ein Gräuel, wenn sich die Leute in Büchersendungen gegenseitig immer genau die falschen Stellen aus den Büchern vorlasen, mit denen sie dann mehr über sich selbst zum Ausdruck brachten, als über das Buch. „
„Habe ich denn eben eine falsche Stelle zitiert?“ wollte Elke wissen.
„Nein, hast du eigentlich nicht, weil die Traurigkeit der Mutter ja nur eine Variante der allgemeinen Traurigkeit ist, die das ganze Buch durchzieht. Dieser zweite, entscheidende Aspekt droht aber bei der Begeisterung für solche verstreuten Stellen verloren zu gehen“, antwortete Marcel. „Es handelt sich um ein durch und durch melancholisches Buch, aber anders als bei Safran Foer wird diese Melancholie nur selten mit Humor und Distanz aufgefangen. Und im Übrigen bitte ich darum, mich nicht mit Gewalt in eine puristische Ecke zu drängen. Ich bin von dem Buch halt nur nicht so angetan wie ihr und kann mich möglicherweise deswegen an den Zitaten, die ihr herausklaubt, nicht so berauschen. Mir fehlt die Gesamtaussage.“
„Das hört sich in meinen Ohren total unliterarisch an“, widersprach Frank. „Gesamtaussage? Was soll denn das anderes sein als ein mehr oder weniger subjektiv eingefärbtes Verständnis?“
„Das wäre ja auch schon was“, gab Marcel zurück. „Aber noch nicht einmal dieses subjektiv eingefärbte Gesamtverständnis erschließt sich mir. Hat denn irgendjemand von euch ein nachvollziehbares Verständnis des Buches gewonnen, einen Interpretationsansatz, der über die einzelnen Passagen hinausgreift und eine Art Sinn ergibt? Das würde ich gerne mal hören.“
Stille. Dann Blättern im Buch. Nachdenkliche Gesichter.
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