Es folgte ein kurzes Schweigen. Marcel und Frank waren von dem Buch begeistert. Elke konnte mit dem, was die beiden gerade gesagt hatten, überhaupt nichts anfangen.
Lothar räusperte sich. „Komisch“, begann er, „mich interessiert das alles überhaupt nicht. Das Buch sagt mir überhaupt nichts. Zugegeben, die Sprache ist mitunter beachtlich, aber das Buch als Ganzes erzeugt in mir kein Echo.“ Mit einer hilflosen Geste hob Lothar die Hand. „Es fällt mir schwer, mich zu diesem Buch überhaupt in eine Beziehung zu setzen.“
Frank missfiel diese „Echo-Theorie“, ohne dass er zunächst begründen konnte, wieso. „Wenn du mit Echo ein diffuses Gefühl meinst, dann ist mir das zu wenig, wenn du aber mit Echo eine bestimmte prägnante und benennbare Empfindung ansprichst, verstehe ich dich schon eher.“
„Die einzige Empfindung, die dieses Buch bei mir hervorruft, ist der einer literarischen Magenverstimmung“, antwortete Lothar.
„Eigenartiger Vergleich“, sinnierte Marcel. „Können denn nicht Bücher, die uns aufs Krankenlager werfen, auch eine gesunde Immunreaktion hervorrufen?“
„Mag sein“, gab Lothar zu. „Im literarisch-künstlerischen Bereich ziehen wir uns tatsächlich jeden Mist rein, weil wir meinen, unser moralisches Immunsystem komme damit schon zurecht. Bei der Kontrolle des Minderwertigen, das wir gelegentlich essen, sind wir viel klarer, direkter und ehrlicher – was nichts taugt für den Körper, gehört in den Mülleimer.“
„Du willst damit doch wohl nicht sagen, dass dieses Buch in den Mülleimer gehört“, fragte Frank. „So schlecht ist es nun wirklich nicht.“
„Nein, sooo schlecht finde ich es nicht, aber warum es sooo gut sein soll, weiß ich auch nicht.“
„Mir sagt das Buch auch nichts“, schaltete sich Elke ein. „Die Handlung finde ich an den Haaren herbeigezogen, die Vor- und Rückblenden erschweren das Verständnis unnötig, ohne dass sich aus ihnen irgendetwas Wichtiges ergeben würde.“
Marcel trug ein unzufriedenes Gesicht zur Schau, er war offenbar mit diesem sehr weit gehenden Negativurteil nicht einverstanden, wusste aber nicht, wie er Lothar und Elke den besonderen Rang des Werkes vor Augen führen sollte.
„Nun mal im Ernst“, setzte Lothar nach. „Kann man dieses Buch wirklich guten Gewissens einem anderen Leser empfehlen, ohne ihn zugleich zu einem literaturwissenschaftlichen Zusatzstudium zu verdonnern?“
Diese Fragestellung kam Frank verkürzt vor. „Es kann doch durchaus sein, dass man einem Menschen ein Buch empfiehlt und dass dieses Buch auch zu ihm passt, dass er aber objektiv nicht in der Stimmung ist, einen Zugang zum Werk zu finden.“
„Wie bitte?“ Lothar blickte Frank an, als zweifle er an seinem Verstand, was diesem die Zornesröte ins Gesicht trieb.
„Du fragst, warum das Buch gut sein soll“, warf Marcel ein. „Kannst du denn sagen, warum es schlecht sein soll?“
„Schlecht ist vielleicht der falsche Ausdruck“, erwiderte Lothar. „Ich erkenne durchaus, dass das Buch ambitioniert ist und vermute, dass hinter seiner verschachtelten Konstruktion ein Konzept steht, auch wenn ich es sich mir nicht erschließt. Ich meine aber, dass formale Raffinessen wie Zeitsprünge, eine zerhackte Erzählhaltung, eine asynchrone Handlungsführung oder was der Autor auch immer an literarischen Grausamkeiten in seinen Text einführen mag, nicht für sich alleine schon super sind, sondern nur dann, wenn sie auch einen literarischen Ertrag erbringen. Den sehe ich hier einfach nicht. Wenn ich es zugespitzt ausdrücken wollte, bin ich der Autorin ein wenig gram, weil sie mich mit ihrem formalen Apparat plagt, ohne dass ich wirklich einsehe, warum das nötig ist.“
„Gegen dieses Argument, wenn ich es einmal so nennen möchte, ist natürlich jede Literaturkritik machtlos“, gab Marcel zu. „Aber als Argument, wenn ich diesen Begriff nochmal verwende, hat es ungefähr die gleiche Überzeugungskraft wie die Geringschätzung der Malerei durch einen Farbenblinden.“
„Wenn du mich als Blinden bezeichnest, dann habe ich das Gefühl, dass du mitunter ganz schön halluzinierst“, gab Lothar zurück.
„Na, na, nun mal halblang,“ beschwichtigte Frank. „Auch wenn du, Lothar, an dem Buch nichts Großartiges finden kannst, wirst du Marcel und mir ja wohl gestatten, seine Stärken zur Sprache zu bringen, oder?“
„Selbstverständlich. Ich würde es nur gerne verstehen.“
Ohne auf das zuletzt Gesagte einzugehen, schaltete sich Marcel wieder ein. „Ich habe mich gefragt, wer in dem Buch der Erzähler ist.“
„Es gibt in diesem Buch keinen Erzähler“, behauptete Frank. „Die Sprache selbst, die in die Menschen hineinschlüpft, ist der Erzähler, auch wenn sich das jetzt vielleicht ein wenig merkwürdig anhört. Wir haben hier ein Buch mit einer allumfassenden Perspektive vor uns, ein Werk, das den Leser mitten hineinzieht in ein Geschehen, bei dem sich der Leser erst einmal klarmachen muss, in welcher Zeit und aus welcher personalen Perspektive jetzt gerade erzählt würde.“
„Wie passt denn das zum personalen und neutralen Erzähler unserer letzten Sitzung?“ wollte Elke wissen.
„Gar nicht“, antwortete Lothar. „Wir lesen ein Buch ohne wirkliche Erzählperspektive, was eine echte literarische Novität ist – wie etwa ein Auto ohne Lenkrad.“
„Die Erzählhaltung ist das eine“, fuhr Frank fort, ohne auf Lothars ironische Bemerkung einzugehen. „Das andere ist die Stimmung des Buches, eine Stimmung zwischen Apokalypse und Resignation, wie ich sie in dieser Kräftigkeit selten erlebt habe. Da fällt mir sogar eine Stelle ein, die dazu ganz gut passt.“ Frank griff zum Buch, suchte die Stelle und las: “Manchmal verdichten sich, wie Eiter, die Dinge. Die immer etwas merkwürdigen, sogenannten alltäglichen und scheinbar langsamen Prozesse (…) werden plötzlich beschleunigt und kommen außer Takt. Das kann man nicht erklären, sagte eine langjährige Geliebte zu ihrem Schornsteinfeger. (…) Kurz darauf heiratete sie einen, den sie erst wenige Wochen kannte, und der Schornsteinfeger zündete vier Dachstühle und einen Kiosk an.“ Frank klappte das Buch zu und blickte in der Runde umher . „ Ist das nicht großartig?“ fragte er. „Wie oft habe ich schon so was erlebt. Alles ist in Butter, und plötzlich steht die Welt auf dem Kopf!“ Frank dachte plötzlich Gisela, seine Frau, mit der er in Scheidung lebte. Wie überraschend mochte für sie seine Liebe zu Karin gekommen sein? Er konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er morgens die eheliche Wohnung verlassen hatte, als sei alles in Ordnung und an dem er ihr abends gesagt hatte, dass er sie verlassen würde.
„Nun bleib aber wenigstens im Kontext“, mahnte Lothar. „In dem Buch geht es immerhin um ein Land im Bürgerkrieg. Obwohl ich nicht finde, dass der Leser über diesen Bürgerkrieg sonderlich viel erfährt.“
Marcel wiegte den Kopf hin und her, als sei er sich über diese Frage noch nicht im Klaren. „Gut, dass wir auf den Jugoslawienkrieg zu sprechen kommen, der tatsächlich scheinbar keine große Rolle spielt“, begann er. „Aber ist das wirklich so?“ fragte er und kramte einen Gedichtband von Ingeborg Bachmann hervor. Sein Titel war „Die gestundete Zeit“, und in ihm befand sich ein Gedicht mit dem Titel „Alle Tage“.
Marcel hob kurz das Buch in die Höhe, schaute sich um und las das Gedicht vor:
„Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt, das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt,
die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.“
Читать дальше