Marcel schüttelte den Kopf und hob die Hände. „Das mag ja alles sein, und ich kann euren Anmerkungen zur Ethik, zur Traurigkeit oder zu der humorvollen Art, diese Traurigkeit zu beschreiben, auch gut nachvollziehen. Aber das sind doch nur einzelne Anmerkungen. Damit werden wir dem Buch doch als Ganzem nicht gerecht.“
„Müssen wir das denn?“ fragte Elke.
„Wenn es geht, ja“, meinte Marcel. „Wir sollten es auf jeden Fall versuchen.“
„Ein hoher Anspruch“, kommentierte Elke. „Ob wir den immer einlösen können? Ich finde es auch schon recht gelungen, wenn das Buch uns veranlasst, miteinander ins Gespräch zu kommen.“
„Klar“, erwiderte Marcel. „Aber noch besser ist, wenn wir dem Buch selbst auf die Spur kommen.“
„Wir fangen ja gerade erste an“, meinte Lothar. „Wir arbeiten daran.“
II
R. K. Narayan:
Die Reifeprüfung
Das nächste Treffen, bei dem es um Narayans „Die Reifeprüfung“ gehen sollte, fand bei Marcel statt. Frank hatte zu diesem Termin ein Hemd aus Indien angezogen, Marcel hatte scharf gewürztes Gemüse mit Reis vorbereitet. Lothar überreichte als Gastgeschenk die indische Pop-CD „Dil to Pagal Hai“.
Die Aussprache über Narayans „Reifeprüfung“ begann Lothar mit der Behauptung, dass es kaum einen größeren Gegensatz zu Safran Foers Werk geben konnte als Narayans „Reifeprüfung“. Er hatte sich gefragt, ob es sein könne, dass ein Buch nichts weiter hervorrufe als ein paar Stunden Behaglichkeit und ob diese Behaglichkeit alles sein könne, was als Erinnerung blieb?
Marcel stimmte Lothars Urteil zu und entwickelte die These, es ginge diesmal nicht um das geschwätzige, sondern das behagliche Buch.
In dem Bemühen, inmitten des behaglichen Textes möglichst etwas Unbehagliches aufzustöbern, wurde Schritt für Schritt die Handlung des Buches rekapituliert, ehe man sich auf ein einvernehmliches Inhaltsverständnis einigte. Narayans „Reifeprüfung“, der zweite Teil der indischen Malgudi-Saga, spielt in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte des Brahmanensohnes Chandran, der ein College besucht, sein Examen besteht und nach einer unglücklichen Liebe acht Monate lang als Bettelmönch durch Indien wandert. Anschließend kehrt er als Leiter einer Zeitungsagentur in den Alltag seiner Vaterstadt zurück und wird von seinen Eltern im Rahmen einer nach traditioneller Sitte arrangierten Hochzeit verheiratet.
„Das ist tatsächlich alles“, rekapitulierte Frank. „Handwerklich kurzweilig erzählt, ohne irgendwelche Risse. Selbst Chandrans Zeit als Sanyasin liest sich so glatt, als absolviere Chandran ein Praktikum bei einem Gemüsehändler.“
Lothar ergänzte, er könne sich über das Vorwort von Graham Green nur wundern, in dem tatsächlich behauptet wird, dieses Buch erlaube einen Blick in das authentische Indien. „Ich war als Backpacker in Indien und käme nie auf die Idee, dass die Lebenswirklichkeit, die dieses Buch beschreibt, mit Indien irgendetwas zu tun haben könnte. In Indien wird auf die Straße gekackt, da rattern die Rikschas in die Gemüsestände, die Zähne fallen den Leuten vor lauter Betelnusskauen aus dem Mund, und die Sanyasins kiffen und furzen wie die übelsten Schrate.“
„Ja und nein“, erwiderte Frank mit erhobenem Zeigefinger. „Auch ich war als Backpacker in Indien unterwegs und glaube, dass in Indien alles, was wahr ist, auch sein Gegenteil umgreift. Auf der einen Seite stimme ich zu: Das Buch hat mit dem wirklichen Indien unserer Tage nichts zu tun. Auf der anderen Seite widerspreche ich dir, denn Narayans Indien ist als Idylle das mentale Traumbild jedes Inders von seiner persönlichen Existenz. Schauen wir doch einmal genauer hin. Beschrieben wird in `Die Reifeprüfung´ im Wesentlichen der Alltag der indischen Oberschicht. Alles dreht sich um die Planung von Eheschließungen, das Interpretieren der diesbezüglichen Horoskope, um Heiratspläne der Eltern für ihren Sohn, die auch vom studierten Chandran widerspruchslos hingenommen werden. Es agieren in der Reihenfolge ihres Auftritts: der gutmütige Vater, der sich um das Wohl des Sohnes sorgt, die energische Mutter, die innerhalb der Familie die Richtung vorgibt, die beiden Freunde Mohan und Ranu, diverse Collegeprofessoren mit ihren Schrullen und ein Sanyasin, der nachts über den Gartenzaun steigt, um Blumen zu stehlen. In diesem Buch gibt es weder einen Schurken, noch ein tragisches Problem. Selbst die Liebe erscheint nur als ein Störfall, der durch die richtige Interpretation von Horoskopen zu beheben ist. Glückliches Malgudi, mag man nach der Lektüre denken, denn in Malgudi existiert außer einem durchgedrehten marxistischen Studenten keinerlei Politik - und das, obwohl wir uns doch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts befinden. Es ist die Zeit, in der Gandhi und die Kongresspartei die britische Kolonialmacht herausfordern und in der die sozialen und religiösen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems beginnen. Aber auf die Abspiegelung dieser Probleme hat es Narayan gar nicht abgesehen, “ sagte Frank.
„Sondern?“ wollte Elke wissen.
„Frank zögerte und hob die Hände. „Man muss sich einfach mit der Tatsache abfinden, dass in fremden Kulturen Literatur noch vielmehr als bei uns die Funktion von Märchen erfülle. Es handelt sich um Verklärungen und Verheißungen, und die Literatur dafür zu tadeln, sei in etwa so, als wolle man die Sonne dafür schelten, dass sie den Menschen zum Schwitzen bringt. Wer sich dafür die Malgudis unserer Tage interessiert ist bei den Büchern von Vikram Seth, Rohan Mistry oder Salman Rushdie ungleich besser aufgehoben.“
So positiv wollte Marcel das nicht sehen. Er fragte zunächst danach, welche Berechtigung eine so unpolitische Soap mit so wenig Tiefe und so viel falscher Behaglichkeit auch als Märchen im Indien unserer Tage noch haben könne. Vor allem die Erfahrungen mit den scheinheiligen privatistischen Geschichten der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit führten ihn zu einer kritischen Einschätzung. „Vielleicht haben wir hier die indische Variante eines `Heidi-Romans´ vor uns und merken es gar nicht, weil wir uns durch die Exotik blenden lassen. Ich habe den Text gleich zweimal gelesen und trotz aller Recherche nichts Aufsehenerregendes entdeckt“, fuhr er fort und blickte mit so großen Augen in die Runde, als könne er es selbst nicht fassen. So etwas sei ihm schon lange nicht mehr passiert, ein ganzes Buch ohne einen einzigen interessanten Gedanken, ohne eine aufrüttelnde Passage, geschweige denn eine Mitteilung, die man sich selbst hätte hinter die Ohren schreiben können. „Dieser Chandran ist eine absolut taube Nuss“, fuhr Marcel fort, „aber eine taube Nuss, die vom Autor nicht mit Absicht als taube Nuss gezeigt wird, sondern eine taube Nuss mit Modellcharakter. Noch am Ende der Geschichte, nach der Liebesenttäuschung und Chandrans vermeintlich so aufrüttelnden Zeit als Bettelmönch heißt es zum Beispiel: ` Zum ersten Mal sah er einen Geschäftsmann bei der Arbeit. Chandran empfand große Bewunderung für Murugesam, einen zierlichen Mann, der die Fäden gewaltiger Transaktionen in seinen Händen hielt. Anscheinend warteten Schiffe im Hafen, um auf ein Wort von ihm in See zu stechen. Woher kannte er sich in geschäftlichen Dingen so gut aus? Was verdiente er? Zehntausend? Was tat er mit so viel Geld? Wann fand er bei all den Ansprüchen, die an ihn gestellt wurden, die Zeit, es auszugeben und das Leben zu genießen?´“ So reflektiere ein Mittelstufenschüler, folgerte Marcel, wie überhaupt das ganze Buch sprachlich von vorne bis hinten auf Mittelstufenschülerniveau verharre, womit er nichts gegen Mittelstufenschüler gesagt haben wollte, wohl aber dagegen, dass solche Bücher im Lesekreis gelesen würden - was er aber auch wieder als Kritik an sich selbst verstehe, denn er habe dieses Buch schließlich gewählt.
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