Marcel klappte den Gedichtband zu. „Wenn ich eben `scheinbar´ sagte, dann meinte ich das auch so“, kommentierte er das Gedicht. „In Wahrheit ist der Krieg als Hintergrundgeschehen allgegenwärtig, im Gedicht ebenso wie in dem Buch.“
Lothar, Frank und Elke schwiegen. Marcels Ausweitung des Interpretationsrahmens machte Eindruck.
„Und im Mittelpunkt des Geschehens stehen nicht mehr die Helden, sondern die Schwachen, deren Rüstung die Geduld ist“, fügte er hinzu. „DAS ist die Stimmung des Buches, und mir kommt es so vor, als sei Moras Werk die epische Veranschaulichung dieses Gedichtes.“
Elke war beeindruckt. Vieleicht war das Buch doch nicht so schlecht, und man sollte sich wenigstens versuchsweise beteiligen. „Aber ist denn Abel Nema ein Schwacher?“ fragte sie zögerlich. „Er gibt doch unablässig alles, was er hat, an andere Personen, er spricht zehn Sprachen und wird durchaus geliebt. Aber mit Ausnahme von Omar, Mercedes Sohn, liebt er nicht zurück. Er ist verstört, autistisch, selbstlos. Seitdem ihn Ilja zurückgestoßen hat, wandert er durch die Räume und Zeiten und scheint an nichts wirklich Anteil zu nehmen.“
„Er ist nicht schwach sondern autistisch, und Autismus in einer Welt voller Zumutungen kann fast als eine Stärke gelten“, warf Frank. „Das war jetzt etwas ins Unreine gedacht.“
„Wir denken heute die ganze Zeit ins Unreine“, merkte Lothar an. „Aber wenn wir uns schon auf die Figur Abel Nemas einlassen, können wir vielleicht versuchen, sie im Abgleich mit anderen literarischen Gestalten zu verstehen. Frank hat eben Bloom aus `Ulysses´ ins Spiel gebracht. Für mich ähnelt Abel Nema eher Ulrich aus dem `Mann ohne Eigenschaften´, aber er ist ein `Mann ohne Eigenschaften´ mit einem gesteigerten Maß an Autismus in einer von Gewalt und Verderben überschwemmten Zeit.“
„Jetzt willst du eine Figur enträtseln, indem du auf andere literarische Gestalten zurückgreifst, die uns auch noch ein Rätsel sind. Was soll das bringen?“ wunderte sich Marcel. Meinst du das überhaupt ernst?“
„So unergiebig finde ich das nicht“, verteidigte sich Lothar. „Wenn wir uns Figuren wie Abel Nema, Ulrich oder auch Oblomow anschauen, könnte es gelingen, das Besondere in Abgrenzung zu den anderen Gestalten herauszuarbeiten.“
„Ja, in einem germanistischen Oberseminar“, warf Elke ärgerlich ein. „Ihr haut hier derart auf den Putz, dass es staubt, und hinter diesem Staub kann man das Buch schon gar nicht mehr sehen.“
„Da ist was dran“, bestätigte Lothar. „Aber ein wenig auf den germanistischen Putz zu hauen, ist mitunter ganz amüsant, vor allem wenn es an Nonsens grenzt. Ich könnte sogar weitermachen und behaupten, das Buch beinhalte eine Figur ohne Identität in einer Zeit des rasenden Wandels - wozu übrigens auch die chaotische Struktur und Erzählweise des Buches passt. Die wesenlose Hauptfigur und die chaotischen Zeitumstände passen zur zerhackten Erzählhaltung. Wir konstatieren eine Einheit von Inhalt und Form. Taräää!“
„Jetzt staubt es aber nicht mehr sondern es rieselt schon ein wenig“, bemerkte Marcel.
„Aber jetzt im Ernst“, fragte Frank, an Lothar gewandt. „Findest du das Buch nun doch gut?“
„Nein, ich versuche nur aus einer leeren Zahnpastatube noch was herauszuquetschen, “ erwiderte Lothar.
Marcel platzte der Kragen. „Was ist das nur für ein Quatsch? `Auto ohne Lenkrad´ und `Zahnpastatube´“, warf Marcel ein. „Du lässt dich auf dieses Buch überhaupt nicht ein. So kommen wir nicht weiter.“
„Ich habe mich auf das Buch durchaus eingelassen“, entgegnete Lothar. „Aber ich weigere mich, ein Buch nur deswegen gut zu finden, weil es in den Feuilletons über den grünen Klee gelobt wird. Du hast doch auch das Buch von Narayan zerrissen“, fuhr Lothar an Marcel gewandt fort. „Ist mir das denn bei einem andere Buch verboten?“
Frank hob beruhigend die Hände und wiegelte ab. „Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir uns das Ende des Buches einmal ansehen“, schlug er vor. „Wie muss man Abels Ende verstehen? Abel Nema wird zum Krüppel und Debilen geschlagen, scheint aber auf diesem Niveau viel besser zurechtzukommen als vorher.“
„Beschädigung als Zeichen der Erwählung?“ schlug Marcel vor.
„Oder vielleicht ist die Autorin der Ansicht, dass es unmöglich ist, in der Welt als Genie oder als normaler Mensch zu existieren. Man muss einen Gehirndefekt besitzen oder erwerben, um von der Welt nicht verdorben zu werden“, vermutete Frank.
„Ist das jetzt Parodie oder dein Ernst?“ fragte Lothar.
„Du parodierst die ganze Zeit und lässt dich nicht auf das Buch ein. Ich weiß gar nicht was mit dir los ist“, gab Marcel gereizt zurück. „Es ist ja in Ordnung, wenn einem von uns das Buch nicht gefällt, aber dann sollte man es schon begründen können.“
„Begründet habe ich das doch eben schon“, antwortete Lothar. „Aber darüber hinaus würde ich ganz gerne zum Schluss das Buch an seinem eigenen Anspruch messen.“
„Und was ist deiner Ansicht nach der Anspruch des Buches?“ wollte Frank wissen.
Lothar griff zum Buch und schlug eine vorher gekennzeichnete Stelle auf. „An einer Stelle heißt es, ohne dass klar würde, wer es genau sagt: ` Von Poesie erwarte ich, dass sie mich in meinem Menschsein erhöht.´“ Lothar blickte seine Partner an. „Und? Fühlen wir uns jetzt erhöht? Oder verwirrt?“
„Das war doch ironisch gemeint“, behauptete Frank. „Wie kannst du das nicht erkennen?“
„Außerdem ist Verwirrung in der Literatur immer eine Vorform der Erhöhung“, erwiderte Marcel.
„Dann waren wir ja heute sehr erfolgreich“, schloss Elke.
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