Brendan ärgerte sich, während Koumeran ihm kräftig auf die Schulter klopfte und dabei grinste. „Das ist er. Aber ich habe ihn im Laufe der Zeit zu einem brauchbaren jungen Mann erzogen. Kennst mich ja.“
Was Brendan erst recht nicht gefiel. „Gibt es etwas Wichtiges zu besprechen?“, fragte er dazwischen.
„Ne, ich wollte nur einem alten Kumpel mal Guten Tag sagen.“ Granger Tschad lachte. „Es geht ja nicht jedem so gut wie ihm.“
Niemand auf den Planeten der Perseuskolonie wusste, dass Brendan sein Vermögen verloren hatte. Alle hielten ihn für einen verwöhnten, reichen Erben, der seinen ehemaligen Bodyguard inzwischen als Piloten beschäftigte und mit ihm aus Langeweile von Stern zu Stern reiste. Das war einer der Gründe, warum Commander Vendaar die beiden als Agenten ausgewählt hatte. Wieder einmal bestätigte sich nun ihre Vermutung, dass man einem wohlhabenden Müßiggänger nicht zutraute, etwas Ernsthaftes im Sinn zu haben.
„Erzähl, was dich hierher verschlagen hat“, forderte Koumeran.
„Ich bin jetzt auf eigene Rechnung im Weltraum unterwegs. Mein Schiff ist die Mardora , ein Frachter für sechzehn Container im interstellaren Verkehr.“
„Wo hast du das Geld her, um dir so ein teures Schiff zu kaufen?“
„Es gehört mir noch nicht ganz, ich arbeite derzeit den Kaufpreis ab.“
Brendan schien, als habe Granger einen Moment gezögert, bevor er diese Antwort gab.
„Lohnen sich denn die Versorgungsflüge für einen Urlaubsplaneten?“, wollte Koumeran wissen.
„Jetzt nicht mehr! Ich werde mir andere Auftraggeber suchen müssen. Aber so ist das Leben als Trader nun mal.“
„Waren Sie hier, als die H’Ruun ins System kamen?“, fragte Brendan.
„War ich. Ganz schön gezittert haben wir alle.“ Granger Tschad erzählte in größter Ausführlichkeit, was er erlebt hatte. Nach einer halben Stunde unterbrach er sich. „Verdammt, ich hätte beinahe meine Startfreigabe verpasst. Alles Gute, ihr zwei. Man sieht sich!“
Koumeran brachte die Jool wieder auf Kurs hinunter in die Atmosphäre des Planeten.
Wolke 17 sah von oben aus wie eine große, weiße Fläche, aus deren Rändern Watte hervorquoll. Tatsächlich handelte es sich um einen voll ausgestatteten Raumflughafen, um dessen Landefläche herum die üblichen Gebäude standen: Hangar, Treibstofflager, Werkstätten, Versorgungslager.
„Von unten sieht es aus wie eine große Kumuluswolke“, sagte Sven Peterson. Er hatte sich als CEO der Wolkental, Inc . vorgestellt. Die Firma hatte das Nutzungsrecht für den Planeten für zunächst zweihundert Jahre erworben und durfte ihn deshalb nach eigenem Gutdünken ausbeuten. Im Falle von Wolkental erfolgte das nicht durch den Abbau von Rohstoffen, sondern durch das Geschäft mit Touristen. „Wenn unsere Gäste in den Tälern weilen, sollen sie eine möglichst natürliche Umwelt vorfinden. Diesen Eindruck würden fliegende Plattformen aus Stahl empfindlich stören“, fuhr der Manager fort.
„Sie betreiben hier einen ziemlichen Aufwand“, sagte Brendan.
„Das ist der kleinste Teil davon“, widersprach Peterson. „Unsere Firma hat die ersten dreißig Jahre in die Schaffung und Terraformung der Täler investiert. Das hat Milliarden gekostet. Entsprechend hoch sind die Preise, die wir von unseren Gästen fordern müssen, und entsprechend exklusiv der Kreis unserer Kunden.“
„Das dürfte ja nun vorbei sein“, sagte Koumeran.
„Tja, wir hatten tatsächlich in den letzten Tagen die Befürchtung, wir müssten Insolvenz anmelden. Die Anteilseigner unserer Firma sind nicht begeistert von dieser Aussicht, das kann ich Ihnen sagen.“
„Eine schwierige Situation“, sagte Brendan. „Hat Wolkental keine natürlichen Ressourcen, die Geld einbringen könnten?“
„So gut wie nicht. Einige Nutzpflanzen, die wir in den Tälern heimisch gemacht haben, exportieren wir. Ein wenig Landwirtschaft gehört sowieso zu dem Ambiente, das sich manche Gäste wünschen. Aber viel ist mit diesen Produkten nicht zu verdienen.“
„Sehr bedauerlich“, sagte Brendan und Koumeran nickte zustimmend.
Peterson, der bisher ein betrübtes Gesicht gemacht hatte, brach nun in ein strahlendes Lächeln aus. „Ihre Ankunft lässt mich hoffen, dass alles nicht so schlimm kommen wird, wie wir es befürchtet haben. Ganz im Gegenteil!“
„Wieso im Gegenteil?“
„Wir sind der einzige Planet, der jemals den Besuch einer Flotte der H’Ruun überlebt hat. Das ist ein unschätzbarer Marketingvorteil. Ihre Ankunft bestätigt mich in der Gewissheit, dass dies viele interessierte Menschen aus allen Teilen der Perseuskolonie hierher locken wird.“
„Katastrophentouristen“, sagte Koumeran abfällig.
„Menschen mit historischem und zeitgeschichtlichem Interesse“, korrigierte Peterson. „Was wir hier erlebt haben, wird in die Geschichtsbücher eingehen.“
„Zweifellos.“
Für einen Moment trat Schweigen ein, dann sagte der Manager: „Bitte folgen Sie mir jetzt zu der Glasgondel. Es ist derzeit nur ein Hotel geöffnet, ganz hier in der Nähe. Leider müssen wir nicht nur den Verlust beziehungsweise die Abreise vieler Gäste bedauern, sondern auch den eines großen Teils unseres Personals. Ich hoffe, wir werden in wenigen Wochen weitere Anlagen wieder in Betrieb nehmen können. Um Sie für eventuelle Unannehmlichkeiten zu entschädigen, habe ich veranlasst, dass Sie in die höchste Zimmerkategorie umgebucht werden - ohne Aufpreis. Ihnen steht eine Suite im untersten Stockwerk des Cloud Palace Hotels zur Verfügung.“
Die Gondel entpuppte sich als gläsernes Flugboot, das dreißig Passagiere aufnehmen konnten. Bis auf einige Verstrebungen waren Wände und Boden durchsichtig, so dass Brendan das Gefühl hatte, auf seinem bequemen Sessel frei in der Luft zu schweben. Der Triebwerksteil im hinteren Bereich war sogar verspiegelt, so dass man auch in dieser Richtung das Blau des Himmels und das Weiß der Wolken sah.
Der Flug zum Hotel dauerte zwanzig Minuten und führte über eine dichte Wolkendecke, die keine einzige Lücke aufwies. Darunter musste sich eine der Hochebenen befinden, von denen Brendan erfahren hatte.
Schließlich gab diese graue Dunstfläche doch einen Blick nach unten frei. Man sah in ein grünes Tal, viele Kilometer breit und hunderte lang, durch das ein glitzernder Fluss mäanderte. In zweitausend Meter Höhe über der Talsohle, so schätzte Brendan jedenfalls, schwebte eine Kumuluswolke, die nicht wie die übrigen sachte vom Wind weitergetrieben wurde: das Cloud Palace Hotel !
Wie der Landeplatz für Raumschiffe war auch dieses Bauwerk perfekt getarnt und wurde von leistungsfähigen Antigravaggregaten in der Luft gehalten.
Die gläserne Gondel landete beim Eingang zur Empfangshalle und die beiden einzigen Gäste stiegen aus, begleitet von Sven Peterson. Der Manager kümmerte sich persönlich um das Einchecken und den Transport des Gepäcks. Dann zeigte er ihnen die Suite in der untersten Etage.
Selbst Brendan, der in seiner Kindheit und Jugend viel Luxus kennengelernt hatte, blieb im ersten Moment fassungslos stehen. Der Fußboden bestand aus Glas! Man konnte hinuntersehen in das Tal. Alle Möbelstücke in den fünf Räumen, die zu der Suite gehörten, hatte man sorgfältig so designed und aufgestellt, dass sie den Eindruck vermittelten, mitten in der Luft zu schweben.
„Zur Suite gehört noch ein zweites Stockwerk“, erklärte Peterson, nachdem sich Brendan und Koumeran von der ersten Überraschung erholt hatten. „Dort finden Sie weitere vier Räume. Manche unserer Gäste fühlen sich unwohl, wenn sie morgens aufwachen und neben dem Bett nicht den Fußboden sehen.“ Peterson lachte andeutungsweise, um zu zeigen, dass er den beiden Neuankömmlingen eine solche Schwäche nicht zutraute. Gleichzeitig ließ dieses Lachen aber keinerlei Geringschätzung erkennen, für den Fall, dass es doch zutreffen sollte.
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