„Schaut doch ziemlich überzeugend aus, oder?“
„Nun ja, für jemanden, der aber auch schon gar nichts davon versteht, vielleicht. Ich sehe natürlich sofort, dass das da im Schrank besserer Tinnef ist.“
Jetzt grinste Elli. „Was für ein schönes Wort! Und Sie haben ganz Recht. Vielleicht ärgert sich ja jemand lautstark. Ich habe in der nächsten Woche jeden Vormittag hier Aufsicht und werde gut aufpassen.“
„Und nachmittags?“, fragte Schönberger, während er den Atlas in einer Beweismitteltüte versenkte.
„Sorry. Immer kann ich auch nicht. Vermutlich Hambacher, vielleicht auch Lisa, das sind so die üblichen. Moment, ich schau mal nach!“
Sie blätterte durch das Journal auf dem Aufsichtstisch. „Stimmt, Montag bis Mittwoch Hambacher, Donnerstag und Freitag Lisa Hettl. Na, ich kann zumindest immer sehen, ob sich jemand am Vortag zu schaffen gemacht hat. Aber ganz ehrlich – Hambacher ist ein Sensibelchen und Lisa ist a) harmlos und b) aus wohlhabendem Elternhaus. Teubner macht keine Aufsichten mehr, zu sehr auf seine Habil. fokussiert. Und will so einer sich wirklich die Karriere wegen ein paar Diebstählen versauen?“
„Das klingt wirklich unwahrscheinlich“, fand Schönberger und Daxenberger fügte hinzu: „Zumal der Dieb garantiert nicht den vollen Wert für die gestohlenen Bände bekommen hat. Wenn man die Chance hat, einen Rembrandt zu stehlen, meinetwegen – mit dem Erlös kann man sich in der Karibik zur Ruhe setzen. Aber dafür?“ Er wies auf den Glasschrank.
„Vielleicht hat der Dieb einfach zu nichts Besserem Zugang gehabt“, vermutete Schönberger. „Einen Rembrandt aus dem Museum klauen ist ja schon noch eine Nummer größer…“
„Also muss der Dieb einen Schlüssel für den Schrank haben.“
„Ja, wenn der Schrank auch immer ordentlich zugesperrt ist. Schauen Sie mal her, Frau Eversbach!“
Er drehte den Schlüssel, der noch im Schloss steckte, und schob dann eine Rabattkarte in den Schlitz. Es klickte leise und die Tür sprang einen Zentimeter auf. „Sehen Sie? Ein Kinderspiel für jeden, der die Gelegenheit nutzt und gerade einen unbeobachteten Moment erwischt.“
Schönberger umrundete die anderen beiden und setzte sich auf den Bürosessel der Aufsicht. Dort drehte er sich langsam und nickte befriedigt. „Kein Blick auf diesen Schrank. Ungünstig.“
Elli fühlte sich genötigt, dies zu verteidigen: „Niemand wollte diesen Schrank in den Vordergrund rücken, damit nicht Hinz und Kunz kommt und fragt, ob sie die Handschriften und die Prachtbände mal anschauen könnten. Womöglich mit fettigen Fingern und ohne Handschuhe? Ja, doch, ich weiß“, sagte sie, als sie die skeptischen Blicke der beiden Kommissare bemerkte, „suboptimale Vorgehensweise. Wenn das Zeug keiner sehen soll, hätten wir´s auch gleich in den Safe tun können. Beklagen Sie sich bei Mahlmann, der hat das irgendwann mal so festgelegt.“
„Wie lange arbeiten Sie denn schon hier?“
Elli rechnete zurück. „Zehn Jahre, glaube ich. 2007 habe ich promoviert und dann so einen halbscharigen Vertrag bekommen, ein Seminar, eine Übung, tausend Euro brutto im Monat. Seitdem mache ich Bibliotheksdienst, um das Gehalt aufzubessern. Mittlerweile habe ich natürlich eine ganze statt einer Viertelstelle und bin solider akademischer Mittelbau, allerdings immer noch Jahresverträge. Aber der Bibliotheksdienst ist eigentlich ganz nett und bei den anderen nicht gar so beliebt. Alles klar?“
„Nicht ganz“, antwortete Daxenberger. „Ist dieser Professor Mahlmann schon genauso lange am Institut?“
„Ich glaube, länger. Also, ich habe bei ihm nicht studiert und auch nicht promoviert, aber soweit ich weiß, müsste er etwa seit 2002 hier sein… vielleicht fragen Sie mal im Dekanat nach, dort haben sie die Personalakten der Professoren. Das ist im ersten Stock, auf der Seite, die auf die Katharinenstraße schaut.“
„Vielen Dank, Sie waren sehr hilfreich“, versuchte Daxenberger sie zu verabschieden.
Elli lächelte bedauernd. „Ich muss hier absperren, wenn Sie fertig sind. Aber ich kann auch draußen warten, wenn Sie geheime Ermittlungen anstellen möchten.“
Daxenberger grinste. „Das wäre ganz reizend.“
Also wartete Elli, mit dem Schlüsselbund klimpernd, vor der Tür. Dass der Schrank so leicht aufzuhebeln war, erweiterte den Täterkreis wohl beträchtlich… andererseits war die Mittelalter-Bibliothek nie so besonders frequentiert – und in den Ferien schon dreimal nicht!
Sehr merkwürdig…
Warum klaute jemand so mittelwertvolle Bücher?
Ja, klar – weil die wirklich wertvollen natürlich viel zu gut gesichert waren. Große Museen und Bibliotheken konnten sich so etwas ja auch leisten.
Aber warum klaute jemand überhaupt Bücher? Geld, Schmuck und solcher Kram war doch garantiert viel leichter zu verticken?
Geld müsste man den Leuten klauen. Schmuck? Dazu müsste man wahrscheinlich irgendwo einbrechen…
Konnte man dann also sagen, dass der Täter ein ziemlicher Schisser war? Jemand, der niemanden persönlich angehen oder irgendwo einbrechen wollte oder konnte? Die Bibliothek war anonym genug, das man „niemanden“ schädigte – und hinein kam man auch recht leicht…
Überprüften sie die Bibliotheksausweise eigentlich gründlich genug? Wäre es schwierig, sich eine Kopie zu basteln?
Quatsch! Die Diebstähle waren über einen längeren Zeitraum verteilt gewesen, da hätte ein Nichthistoriker reichlich viel Zeit sinnlos in der Mittelalterbibliothek verbringen müssen. Hier hätte er ja nicht einmal etwas zu lesen gefunden, um die Zeit totzuschlagen. Gut, er hätte seinen Laptop mitbringen können, um stundenlang Siedler oder so etwas zu spielen, solange es lautlos vonstattenging – aber so viel Zeit für doch eine recht bescheidene Beute investieren? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen.
Endlich kamen die beiden Kommissare auch aus der Bibliothek, Elli durfte wieder abschließen und Schönberger bedankte sich.
„Und wie geht es jetzt weiter?“, wollte Elli wissen.
„Wir warten die Ergebnisse der Autopsie und der Spurensicherung ab, auch die von heute“, verkündete Schönberger mit gebremster Freude.
„Und ich werde mich auf die Spur der Diebesbeute setzen“, versprach Daxenberger.
„Am seltensten sind wohl die Handschriftenfragmente“, überlegte Elli.
„Oh, danke für den Hinweis!“
Sofort entschuldigte sie sich, denn sein Dank hatte doch schon sehr süffisant geklungen.
Sie sah den beiden Männern nach, wie sie Seite an Seite die Treppe hinunterschritten, gleich groß, nahezu gleich gekleidet – wie genormt. Aber sie machten einen durchaus fähigen Eindruck, also konnte sie sich jetzt wohl mit anderen Dingen befassen…
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