„Keine Affären? Ich meine, so, wie er sich von Anschuldigungen wegen Belästigung fürchtet…“
„Die Söhne scheinen etwas Distanz zum Vater zu suchen“, überlegte Patrick und suchte weiter. „Oh, hier gibt es Bewertungen, profs_in_leisenberg. Hui! Sehr beliebt ist er ja nicht… desinteressiert, gleichgültig, langweilig, Stoff nicht prüfungsrelevant, nie da, wenn man ihn braucht…“
„Na, das sagt man uns ja auch gerne nach“, kommentierte Joe. „Wenn alle schlechten Dozenten ermordet würden… ich erinnere mich da noch an ein oder zwei Typen – furchtbar.“
Patrick lachte auf. „Geht mir genauso. Vielleicht waren das die gleichen Langweiler?“
Mit diversen Anekdoten aus ihrer Ausbildung vertrieben die beiden sich die Zeit bis Leisenberg aufs Angenehmste.
„Na, mal sehen, was Liz und Katrin mittlerweile geschafft haben“, meinte Joe, als sie die Treppen hinaufeilten.
Patrick durfte gerade noch seine Notizen in die Akte übertragen und sie an die Tafel schicken, dann kam jemand, um ihn zu seinem eigentlichen Team zurückzubeordern.
Joe stellte die dürftigen Ergebnisse vor. „Diesen Üblher sollten wir uns auch mal vornehmen – da scheint es eine ziemlich alberne Fehde zu geben. Aber das könnten wir auch an Daxenberger weiterreichen… Was habt ihr?“
Liz begann: „Naja. Ein Sensibelchen ist er schon, der Herr Hambacher. Aber ihm zufolge hat Becky Rottenbucher nie einen Kurs bei ihm besucht, denn er darf nur Anfängerkurse abhalten und dafür war sie schon zu weit, kurz vor dem Examen, sie schrieb ja offenbar schon an ihrer Zulassungsarbeit. Er kannte sie also mehr oder weniger nur vom Sehen, aber ihm zufolge war sie ein nettes Mädchen und er hatte bis dato noch nie eine Leiche gesehen. Zwischendurch ist ihm immer wieder so richtig das Wasser in die Augen gestiegen und er glaubt auch, dass er psychologische Betreuung brauchen wird, um das Erlebte zu verarbeiten. Und dann hat er gefragt, ob ich das nicht übernehmen könnte.“
„Der hat dich angebaggert?“ Katrin war empört.
„Ach Quatsch. Ich glaube, er hat eher so etwas wie eine Mutter oder eine Kindergartentante in mir gesehen. Ich hab ihm die Nummer unseres KIT gegeben, die werden ihm schon jemanden schicken. Also, er hat noch mal erzählt, wie das gestern war, aber ich glaube, da war nichts Neues mehr dabei – er hat niemanden vor der Bibliothekstür gesehen, aufgeschlossen, festgestellt, dass es bullenheiß war, die Westfenster aufgemacht, dann die Ostfenster, für den Durchzug – und da lag dann die arme Becky und er hatte doch noch nie eine Leiche… Und wie gesagt, er weiß gar nichts über Beckys Privatangelegenheiten.“
„Hat er zu den Diebstählen etwas sagen können?“
„Nicht viel. Er wusste davon nur, weil die Eversbach ihn gefragt hat, ob er etwas weiß, und dann über den schundigen Schrank geschimpft hat.“
„Mahlmann scheint das Ganze nicht allzu tragisch zu nehmen. Vielleicht sind diese angeblichen Kostbarkeiten ja auch gar nicht so viel wert… ich glaube, ich frage wirklich mal den Flo Daxenberger“, überlegte Joe.
„Den vom Kunstdiebstahl? Passen da alte Bücher auch dazu?“
„Garantiert. Aber ich denke, dazu brauche ich auch die Eversbach, die ist ja wohl die einzige, die diese Diebstähle ernst nimmt und die Stücke beschreiben kann.“
Er nahm den Hörer ab.
Elli freute sich nur mäßig über die Einladung ins Präsidium, denn eigentlich hatte sie immer noch auf einen faulen Nachmittag auf dem Sofa gehofft, nur sie und dieser neue Krimi, der schon so vielversprechend angefangen hatte…
Na gut, um vier sollte sie dort sein und möglichst eine Liste mitbringen, was bis jetzt alles geklaut worden war.
Saublöd, die ließe sich leichter aus dem Bibliothekscomputer herausholen – und das hatte sie diesem Schönberger auch gesagt. Und wenn sie da etwas pampig rübergekommen hatte, war es ihr auch egal!
Andererseits war gegenüber vom Präsidium doch dieser riesige Drogeriemarkt – vielleicht konnte sie nach der Kripo dort noch ein bisschen gucken gehen? Ein anderes Shampoo wäre mal gar nicht so schlecht… so hatte eben alles sein Gutes!
Also, was war nun genau verschwunden… zwei Handschriftenfragmente, soweit sie wusste, der Gieseke, der Sybel-Prachtband über den ersten Kreuzzug – ach ja, dann das vollständige Sammelalbum „Aus der Ritterzeit“ von 1888 mit dem goldgeprägten Ledereinband und fast zweihundert fürchterlich kitschigen, grell kolorierten Sammelbildchen. Sie hatte selbst einmal darin geblättert und war hingerissen gewesen – und zugleich entsetzt über die Geschichtsklitterungen des späten 19. Jahrhunderts. Schön schaurig, war ihr Urteil gewesen. Dass jemand ein hübsches Sümmchen für dieses Prachtstück ausspucken würde, war vorstellbar.
Oh ja, und natürlich der große Atlas „Weltbilder“ – mit exzellenten Repros von sehr seltenen mittelalterlichen Karten. Er hatte bei der Anschaffung schon mehrere hundert DM gekostet und war nun seit langem vergriffen, galt als Sammlerstück und war in Fachkreisen ausgesprochen begehrt. Auch dafür fand sich bestimmt ein zahlungskräftiger Interessent.
Elli schrieb sich das alles auf und fand, den Rest sollte die Kripo gefälligst dem Bibliothekskatalog entnehmen.
Sie bastelte sich dazu noch eine Einkaufsliste, sammelte diversen Müll ein, um ihn auf dem Weg nach draußen loszuwerden, und überlegte, ob sie für das Polizeipräsidium angemessen gekleidet war – Jeans und Ringelshirt: warum nicht? Im Sommer, an einem notgedrungen freien Tag? Es war ja nicht so, als ginge sie zu Hofe…
Als sie schließlich im Präsidium ankam, war es exakt fünf Minuten nach vier, wie sie befriedigt feststellte – man wollte ja auch nicht übereifrig wirken.
Sie wurde in einen großzügigen Raum mit mehreren Schreibtischen und einem gewaltigen Whiteboard geführt, das allerdings ausgeschaltet war. Schade, es hätte sie durchaus interessiert, was die Kripo bis jetzt schon herausgefunden hatte.
Kommissar Schönberger reichte ihr die Hand. „Danke, dass Sie kommen konnten! Ich denke, wir gehen am besten in den Besprechungsraum…“
„Ist das dann so etwas wie ein Verhörraum?“
„Äh, naja – sagen wir, multifunktional? Wir wollen Sie schließlich nicht verhören, sondern nur von Ihrer Sachkenntnis profitieren.“
Nicht ungeschickt, fand Elli und nickte gnädig.
Der Besprechungs- oder Verhörraum war relativ groß und bis auf zwei zusammengeschobene Tische nebst den nötigen Stühlen unmöbliert. Immerhin stand ein Aufnahmegerät auf dem Tisch, und auf einem der Stühle saß ein Mann, denn Elli sofort unauffällig taxierte: Kantiges Gesicht, sehr kurze dunkle Haare, dunkle Augen, Dreitagebart, Kapuzenshirt in leuchtendem Blau – mehr war nicht zu sehen, aber er schien recht groß zu sein. „Grüß Gott“, sagte sie also in leicht fragendem Tonfall und setzte sich auf den Platz, den Schönberger ihr zugewiesen hatte.
„Kommissar Daxenberger, Dr. Eversbach“, besorgte Schönberger die Vorstellung eher nachlässig und setzte sich ebenfalls.
Daxenberger reichte ihr quer über die Tischplatte die Hand. „Grüß Sie. Sie sind die Bibliothekarin?“
„Eher die Bibliotheksaufsicht. Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin. Diese Liste wollten Sie haben?“
Sie zog die Liste aus der Tasche und schob sie über den Tisch. „Vollständig ist sie nicht, dazu müssten Sie die Daten im Bibliotheksrechner mit dem Bestand im Glasschrank abgleichen. Aber diese hier dürften die wertvollsten Stücke sein, abgesehen von den Handschrift-Fragmenten natürlich.“
Daxenberger begann zu lesen und gab ab und zu beeindruckte Geräusche von sich, dann reichte er das Blatt an Schönberger weiter. Ulkige Namensähnlichkeit, fand Elli – in Bayern aber vielleicht nicht so ungewöhnlich…
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