„Wie viel?“, fragte Schönberger schließlich.
„Fünfstellig auf jeden Fall“, antwortete Daxenberger. „Ich würde grob geschätzt dreißigtausend ansetzen. Für genauere Zahlen müsste ich die Objekte auch sehen können. Der Sybel ist eine Erstausgabe?“
„Ich glaube schon. Das müsste man im Netz rauskriegen können, oder?“
„Vielleicht fahren wir mal schnell rüber?“, schlug Daxenberger vor. „Haben Sie den Bibliotheksschlüssel zufällig dabei?“
Elli nickte und Daxenberger wandte sich an seinen Kollegen: „Spusi ist durch?“
„Ich werde nachfragen.“
Nach einem kurzen Gespräch nickte er. „Alles klar, wir können rein.“
„Aha – dann können wir am Montag wieder öffnen? Manche sind da schon sehr ungeduldig. Workaholics eben.“
„Ach ja? Wer zum Beispiel?“, fragte Schönberger über die Schulter, während er diversen Kram in den Taschen seiner Lederjacke verstaute.
„Na, Wülfert zum Beispiel. Der muss ja bei uns arbeiten, weil ihn die Germanisten rausgemobbt haben. Und Teubner, weil der offensichtlich so schnell wie möglich habilitiert werden will. Sehr ehrgeizig, der Junge. Der hat sich für den Tod von Becky Rottenbucher aber schon gar nicht interessiert, nur gejammert, wo er jetzt arbeiten soll. Ich hab ihn an die Unibibliothek verwiesen und gesagt, er soll sich nicht so anstellen.“
Daxenberger blinzelte wegen dieses Wortschwalls. „Vielleicht kannte er die Frau gar nicht?“
„Mag sein, aber wenigstens ein, zwei Sätze hätte ich doch erwartet. Er muss ja nicht in Tränen ausbrechen, aber so nerdartig muss er doch auch nicht unterwegs sein. Jede Tragödie ist wohl nur dazu da, ihn bei der Arbeit zu stören.“
„Schlechter Zeuge“, vermutete Schönberger. „So einer nimmt ja wohl überhaupt nicht wahr, was um ihn herum passiert.“
Elli konnte ihm nur zustimmen, Daxenberger aber schüttelte den Kopf. „Ich würde mir den Kerl schon mal ganz gerne näher anschauen. Aber jetzt nehmen wir uns diese Bibliothek mal vor!“
Dass sie mit dem Auto hinfuhren, kam Elli etwas albern vor; wie sie es vermutet hatte, dauerte die Parkplatzsuche dann auch länger als die eigentliche Fahrt.
Sie schloss die Bibliothekstür auf, nachdem Schönberger das Siegel durchtrennt hatte, und stieß die Tür weit auf. „Bitte sehr, meine Herren!“
Beide traten ein und blieben sofort wieder stehen. „Wo ist denn der Katalog?“, fragte Daxenberger. Elli grinste – seine Studienzeiten schienen schon etwas länger zurückliegen, denn offenbar hatte er nach einem Karteischrank Ausschau gehalten.
Sie wies auf die Reihe Rechner in der ersten Reihe. „Wenn Sie nach der Signatur GS suchen – GS für Glasschrank -. müssten Sie alle Titel bekommen. Der Drucker steht dahinter.“
Daxenberger setzte sich und schaltete den Rechner ein; Schönberger begehrte den Glasschrank zu sehen, den Elli ihm mit großer Geste präsentierte.
„Schaut nicht gerade voll aus“, kommentierte Schönberger nach einem kurzen Blick.
„Aber es scheint auf den ersten Blick nichts zu fehlen, denn der Dieb war offenbar schlau genug, die Reste etwas günstiger zu verteilen“, fügte Elli mit gerunzelter Stirn hinzu. „Respekt…“
Daxenberger kam zu ihnen, die Liste in der Hand. „Eine ganz nette Sammlung. Lauter nicht wirklich erstklassige Stücke, aber -“
„- Kleinvieh macht ja auch Mist“, ergänzte Elli, was ihm ein überraschtes Grinsen entlockte.
Er begann die Liste langsam vorzulesen und Elli sagte jeweils „Ist da“ oder „Ist weg.“
Schließlich waren sie fertig. „Sieben Stücke fehlen“, zog Daxenberger Bilanz. „Ich werde den Marktwert ermitteln und die Summe so festlegen. Wie gesagt, Rembrandts oder Stundenbücher sind es nicht gerade, aber doch ein beträchtlicher Schaden für die Bibliothek.“
Er legte die Liste beiseite und beugte sich zu dem Schloss des Glasschranks hinunter. „Nicht gut genug“, sagte er dann. „Am besten bringen Sie noch ein Vorhängeschloss an – nein, woran sollte man das befestigen… ich würde eine Kette kreuz und quer um den Schrank wickeln und die mit einem Vorhängeschloss sichern.“
Elli überlegte. „Ich könnte auch die restlichen Bücher in den Safe packen und den Glasschrank mit irgendwelchem ältlichen Kram füllen.“
„Gut! Ich bin gespannt, wer sich dann nach dem Glasschrank erkundigt.“
„Soll ich die anderen Aufsichten entsprechend instruieren?“
„Besser nicht. Theoretisch könnte einer der beiden auch der Dieb und Mörder sein.“
„Sie sind sich sicher, dass Dieb und Mörder identisch sind?“
„Nein, absolut nicht – aber ausschließen kann man diese Möglichkeit schließlich auch nicht. Okay, Sie räumen die Wertsachen aus und ich mache mich auf die Suche nach Dingen, die optisch was hermachen, aber weder wertvoll noch wichtig sind.“
„Percy Ernst Schramm zum Beispiel? Golddruck im Titel, aber genau genommen gelinde veraltet?“
Er grinste. Ein sehr nettes Grinsen, fand Elli, obwohl ihr das ja nun wirklich egal sein konnte. „Danke für den Tipp. Aber etwas mit schrecklichen Abbildungen wäre auch ganz schön. Ich finde schon etwas, keine Sorge. Natürlich lege ich Ihnen alles zur Genehmigung vor.“
„Ich bitte darum!“
Daxenberger verschwand hinter den Regalen und Elli öffnete den Schrank, um die etwas dürftigen Reste herauszunehmen. Schönberger sah ihr zu und wandte sich dann ab, um die Regale der Umgebung zu inspizieren.
„Womit würden Sie hier jemanden niederschlagen?“, fragte er dann.
„Bitte?“ Elli war verdutzt, fasste sich aber rasch wieder. „Jemanden, der mich gerade beim Klauen erwischt hat, meinen Sie? Hm… einen Atlas oder einen Bildband… warten Sie.“
Sie eilte an ein Regal hinter dem Glasschrank und zeigte Schönberger den großen Atlas zur Geschichte des Mittelalters, den Bildband zur Geschichte der Kreuzzüge (größer als DIN A 3 und bestimmt drei Kilo schwer). Daneben bot sie ihm einen (leider recht neuen) Prachtband über sämtliche Kaiser von Karl dem Großen bis Friedrich III, nicht ganz so riesig, aber dafür sehr dick und entsprechend schwer.
„Die Lexikonbände würde ich nicht nehmen, da wäre mir das Format zu klein.“
„Gut beobachtet“, lobte Schönberger, zog sich Handschuhe über und förderte eine Lupe zutage, bevor er die drei empfohlenen Bände in Augenschein nahm.
Elli ließ ihn in Ruhe nach Spuren suchen und schloss den Schrank unter dem Aufsichtstisch auf. Dort befand sich auch ein Tresor und in den schichtete sie die Werke sorgfältig hinein. Die Tür ließ sich danach kaum mehr schließen, aber zu guter Letzt gelang es ihr doch. „Allerdings habe ich keine Ahnung, wer alles die Kombination kennt – aber vielleicht denkt jemand, der die Schätze vermisst, ja auch, wir hätten sie bei der Unibibliothek in Sicherheit gebracht.“
„Hoffen wir mal das Beste“, entgegnete Schönberger abgelenkt, der immer noch den Kreuzzugsband mit der Lupe absuchte.
In diesem Moment kam Daxenberger mit einem hübschen kleinen Stapel zurück und breitete sie gefällig vor Elli aus: „Na, eignen die sich für den Schrank?“
„Schön bunt“, lobte Elli und musterte seine Beute. „Die drei eignen sich hervorragend… bei dem schlagen wir eine gefällige Seite mit Abbildungen auf… das da muss leider zurück ins Regal, das wird in mehreren Seminaren verwendet und wir haben nur ein Exemplar. Oh, das hier ist eine sehr gute Idee!“
Daxenberger grinste wieder so nett. „Irgendwie fühle ich mich, als müsste ich jetzt ein Leckerli kriegen.“
„Als Leckerli dürfen Sie mir beim Arrangieren helfen, weil Sie so brav apportiert haben.“
Gemeinsam verteilten sie die hochstaplerischen Ausstellungsstücke auf die Halterungen in den Schrankfächern und blätterten den Bildband durch, bis sie eine wirklich dekorative Doppelseite gefunden haben, dann bugsierte Elli den Band routiniert auf die Drahtstütze und schloss den Schrank zweimal ab.
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