„Wie kommen Sie sofort auf eine Überdosis?“, fragte Patrick. „Hat Ihr Institut denn ein besonderes Problem mit Betäubungsmittelmissbrauch?“
„W-was? Wie kommen Sie denn – also, das ist ja wohl eine Unverschämtheit!“
„Warum?“, fragte Joe sofort und zog dabei sein bekanntes harmloses Schulbubengesicht, „Sie haben doch die Überdosis erwähnt – spricht das nicht für eine gewisse Erfahrung mit der Problematik?“
„Aber nicht doch! Man weiß aber doch schließlich – junge Leute, nicht wahr…?“
Joe und Patrick schüttelten synchron den Kopf. „Das scheint mir aber wohl eher ein Vorurteil zu sein, aus den Achtzigern offenbar. Sie haben doch viel Kontakt mit jungen Leuten, immerhin bieten Sie ja verschiedene Lehrveranstaltungen an – kommen Ihnen da so viele Junkies unter?“
„Absolut nicht! Allerdings wüsste ich auch nicht, woran man das erkennen kann.“
„Das sollte jemand, der junge Leute unterrichtet, aber schon wissen“, tadelte Patrick. „Die Anzeichen kann man garantiert googeln.“
Empörtes Schnauben.
Joe und Patrick warteten, bis der Herr Professor das Schweigen nicht mehr aushielt. Lange dauerte es nicht:
„Gut, diese Studentin ist also nicht an irgendwelchen Drogen gestorben… ein Unfall also? Allerdings wüsste ich nicht, was da in unserer Bibliothek so unfallträchtig sein sollte – bestenfalls könnte man von der Leiter fallen… vielleicht klären Sie mich endlich einmal auf?“
„Frau Rottenbucher wurde erschlagen, soweit wir es bis jetzt sagen können“, antwortete Joe und fixierte den Professor mit strenger Miene.
„Was!“ Zum ersten Mal wirkte der Professor betroffen. „Frau Rottenbucher? Erschlagen?“
Oder wollte er nur Zeit gewinnen?
„Kannten Sie Frau Rottenbucher?“
„Äh – ja. Sie hat einmal ein Seminar bei mir besucht. Und eine sehr überzeugende Hausarbeit verfasst. Viel Verständnis für die Probleme der Forschung… eine begabte Studentin, wirklich.“
„Wissen Sie sonst noch etwas über sie?“
„Natürlich nicht! Ich kannte Frau Rottenbucher nur als Studentin!“
„Etwas anderes wollten wir auch gar nicht andeuten.“ Jetzt klang Joe wieder ganz sanft. „Aber sie könnte ja einmal etwas erzählt – oder Sie um Rat gefragt haben, nicht wahr?“, ergänzte Patrick.
„Nein. Gut, einmal hat sie etwas über die Inhalt des Seminars hinaus gefragt, aber da wollte sie auch nur wissen, ob ich sie als Doktorandin annehmen würde, sobald sie ihr Staatsexamen absolviert hätte. Natürlich habe ich zugesagt.“
Joe nickte. „Wir haben uns auch mit Frau Dr. Eversbach unterhalten.“
„Ach ja… hat sie etwa Frau Rottenbucher gefunden?“
„Nein, das war ein Herr Hambacher.“
„Ach je – der Arme. Frau Dr. Eversbach hätte so etwas sicher besser verkraftet. Eine sehr fähige, aber etwas kühle Person, wenn Sie mich fragen. Gewiss war sie Ihnen eine große Hilfe?“
„Durchaus. Was halten Sie denn von diesen merkwürdigen Diebstählen?“
„Ach, ich glaube, das wird ziemlich überbewertet. In jeder Bibliothek wird gestohlen – leider. Der Respekt vor dem Eigentum anderer scheint immer mehr nachzulassen, meinen Sie nicht?“
„Auch der Respekt vor dem Leben anderer. Diese Diebstähle interessieren uns vor allem, weil sie vielleicht diesen Mord erklären können. Dr. Eversbach zufolge handelt es sich aber um Werke, die in einem verschlossenen Glasschrank aufbewahrt und damit gesichert waren. Das ist nicht das gleiche, als klaute ein Student ein Lehrbuch, mit dem er zu Hause weiter arbeiten will. Sind Sie nicht meiner Ansicht?“
Mahlmann seufzte und irgendwie klang es herablassend, so, als seien Joe und Patrick naiv.
„Was hätten wir machen sollen? Dr. Eversbach wollte, dass wir unsere kleinen Kostbarkeiten der Universitätsbibliothek übergeben, die sie angeblich besser schützen können – aber wir hätten die Bücher und Handschriften doch nie zurückbekommen!“
„Warum das denn?“
„Dr. Üblher ist in dieser Hinsicht ausgesprochen raffgierig.“
Oha, da schien eine gewisse Feindschaft zu bestehen… „Man kann doch einen Vertrag über Leihgaben abschließen?“, fragte Patrick. „Sonst könnten Museen doch nie etwas ausstellen, was ihnen nicht selbst gehört.“
Mahlmann winkte ab. „Das hat doch mit dem Tod von Frau Rottenbucher nun wirklich nichts zu tun! Aber Dr. Eversbach musste sich in diese Dinge natürlich einmischen…“
„Wir sehen da durchaus einen Zusammenhang“, widersprach Joe. „Und Dr. Eversbach hatte ganz Recht, als sie uns auf diese Möglichkeit – als mehr hat sie es auch nicht bezeichnet – hingewiesen hat. Sie wollen doch wohl nicht, dass jemand aus Ihrem Institut der Kriminalpolizei Dinge verschweigt, die zur Aufklärung eines Mordfalls beitragen können?“
„N-nein, natürlich nicht“, versicherte der Professor hastig.
„Hatte Frau Rottenbucher, während sie an Ihrem Seminar teilnahm, viele Kontakte zu anderen Seminarteilnehmern?“
Achselzucken. „Ich achte darauf, wie die Referate gestaltet sind, wie brauchbar die verwendeten Quellen sind, wie informativ die Handouts – aber doch nicht auf das Privatleben der Studierenden!“
„Sie haben also kein menschliches Interesse an ihren Studenten“, stellte Patrick fest.
„Selbstverständlich nicht – so etwas wird nur allzu leicht missverstanden!“
„Nun, ich denke, zwischen zu großer Nähe und einem gewissen pädagogischen Anspruch gibt es noch einen Unterschied“, fand Joe. „Aber das ist natürlich Ihre Angelegenheit. Ich denke, vorläufig haben wir´s. Wir werden versuchen, bei den nächsten Fragen einen der beiden Tage zu erwischen, an denen Sie an der Uni anzutreffen sind. Oder wir bitten die Garmischer Kollegen um Amtshilfe.“
Er erhob sich und Patrick tat es ihm gleich, nicht ohne das fassungslose Gesicht des Professors zu bewundern.
„A-aber dann weiß hier ja jeder…“
„Was weiter? Morgen steht das alles auch in der Zeitung, natürlich bis auf die Aspekte, die wir aus ermittlungstechnischen Gründen geheim halten müssen. Ich empfehle, dass Sie sich einige Floskeln der Betroffenheit zurechtlegen. Einen schönen Tag noch!“
Draußen sahen sie sich zornig an. „Was für ein Arsch!“, sprach Patrick schließlich aus, was Joe als Teamleiter mühsam heruntergeschluckt hatte.
„Der interessiert sich doch einen Dreck für seine Studenten und den Mord! Aber dein Ratschlag zum Schluss war echt stark“, lobte Patrick.
Joe grinste. „Ich konnte mich eben auch nicht mehr bezähmen. Fahren wir zurück und überlegen unterwegs, was wir jetzt wirklich erfahren haben.“
Patrick saß brav mit dem Tablet auf dem Beifahrersitz, während Joe fuhr und vor sich hin spekulierte. Schließlich hatten sie, als sie sich dem Ende der Autobahn näherten und schließlich in München inden Tunnel Richtung Norden einbogen, um zur Autobahn nach Leisenberg zu kommen, eine eher bescheidene Ausbeute zusammengetragen:
Mahlmann interessiert sich nicht für seine Studenten (Angst vor Ärger wg. Belästigung?)
Mahlmann spielt die Bedeutung der Diebstähle herunter
Mahlmann hält Dr. Eversbach für eine Wichtigtuerin
Mahlmann hat Angst vor der öffentlichen Meinung in Garmisch Hebel?
Mahlmann hält Becky Rottenbucher für begabt
„Und dafür sind wir soweit gefahren?“, ärgerte Patrick sich und googelte den Herrn Professor in der Hoffnung, etwas Peinliches zu entdecken.
„Auch nichts Rechtes“, stellte er kurz vor Leisenberg frustriert fest. „Eine ganz normale Biografie. Geboren 1960, Promotion 1989, Habilitation 1995, dann Privatdozentur, ordentliche Professur 2002, seit 2010 Institutsvorstand, offenbar, weil so viele andere Dozenten das Institut verlassen hatten und die Neuen noch zu jung und unerfahren waren. Verheiratet mit Maria, geborene Seeberger. Drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, geboren 1992, 1994 und 1999. Die Söhne studieren auch Geschichte, aber einer in Tübingen und einer in München. Die Tochter besucht ein Gymnasium in Garmisch und ist in der Oberstufe.“
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